13. Dezember 2021

Prognose-Score: der medizinische Blick in die Zukunft

Banken und Finanzinstitute nutzen das Instrument längst: den Prognose-Score. Zunehmend interessiert sich auch die Medizin dafür. Der Score bringt zusätzliche Sicherheit, etwa bei der Einschätzung des Komplikationsrisikos.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Dr. med. Horst Gross

Wie kommt ein Score zustande?

Wer ist kreditwürdig? Wem droht ein Schlaganfall? Beide Fragen werden heutzutage mit der gleichen Methode beantwortet. Statistikerinnen und Statistiker extrahieren aus großen Datenmengen die wichtigsten Risiken für den entscheidenden Endpunkt. Diese Parameter werden dann nach einem Punktesystem gewichtet. Es sollten nicht zu viele sein, sonst wird der Score unübersichtlich. Jeder Prognosescore muss sich anschließend in einem prospektiven Testlauf bewähren (Validierung). Solche Scoresysteme sind, sorgfältig eingesetzt, auch zuverlässig. Die wichtigsten medizinischen Scores auf dem Praxisrechner oder dem Handy parat zu haben, ist also keine schlechte Idee.

FORTA-Score

Das für den hausärztlichen und klinischen Bereich sicher wichtigste Score-System ist FORTA („Fit fOR The Aged”). Hier werden typische Medikamente und Medikamentengruppen bewertet, die einzeln oder in Kombination beim älteren Menschen zu gefährlichen Nebenwirkungen bzw. zur Akkumulation führen. Welches Antihypertensivum macht keine Probleme? Welcher Lipidsenker ist im Alter nebenwirkungsarm? Ein Blick in die kostenlose FORTA-App genügt. 1,2

Antikoagulation bei Vorhofflimmern

Eine grobe Orientierung über das Blutungsrisiko eine Antikoagulation bei VHF liefert der HAS-BLED-Score. 3 Sieben klinische Merkmale werden abgefragt (z. B. Alter). So lässt sich grob die Größenordnung der Blutungskomplikation für antikoagulierte Patientinnen und Patienten  (Warfarin oder NOAK) bewerten. Die Merkmale sind allerdings weit gefasst (z. B. abnorme Nierenfunktion). Hand aufs Herz! Welcher Hausarzt prüft schon engmaschig im Sommer das Kreatinin bei seinen älteren Patienten? Sorgfalt ist also angesagt.

Tiefe Beinvenenthrombose

Beim klinischen Verdacht auf eine tiefe Beinvenenthrombose muss nicht, gleich die ganze Diagnostik angeworfen werden. Der methodisch sehr aufwendig erstellte Wells-Score 4 gibt dem Hausarzt ein relativ sicheres Instrument an die Hand, um den Anfangsverdacht zu bewerten. Zehn morphologische und klinische Aspekte werden abgefragt (z. B. Umfang des Unterschenkels). Der Technikeinsatz beschränkt sich auf ein simples Maßband. Die Aussagekraft des Tests ist erstaunlich gut. Korrekt angewendet kann er bis zu 100 % der Thrombosen ausschließen. 5

Riskantes Vorhofflimmern?

Passager auftretendes Vorhofflimmern ist ein relativ häufiger Befund. Aber ab wann ist das VHF gefährlich und erfordert eine Antikoagulation? Eine prima Entscheidungshilfe in solchen Fällen ist der CHA2DS2-VASc-Score. 6 Er orientiert sich ausschließlich an klinischen Parametern (z.B. chronische Herzinsuffizienz und Alter) und ist dementsprechend, anders als der Name vermuten lässt, leicht zu handhaben. Beispielsweise  identifiziert der Score bei einem 76-jährigen Patienten mit Diabetes mellitus, chronischer Herzinsuffizienz und einer Thrombose in der Anamnese ein 10 %-Risiko pro Jahr für einen Schlaganfall. Die Sensitivität  erreicht 98.8 %. 7 Mit solchen Daten kann man Patientinnen und Patienten von einer Antikoagulation überzeugen.

Koronares Risiko ohne Laborparameter

Gesundheitsbewusste Patientinnen und Patienten verlangen vom Hausarzt auch die Einschätzung ihres koronaren Risikos. Wie praktisch, wenn man dann  den ASCVD-Risikorechner zur Hand hat. 8 Er orientiert sich fast ausschließlich an klinischen Daten. Einzig Cholesterin (Gesamt/HDL) geht als Laborwert in die Berechnung ein. Ein Scoresystem, das nicht nur geeignet ist, die Neugierde des Patienten zu befriedigen, sondern hilft auch Lebensstilinterventionen rational zu begründen.

OP-Risiko abschätzen

In dem Alter noch eine große OP? Ist das nicht gefährlich? Diese Fragen beschäftigen jeden, der im höheren Alter vor einer Operation steht. Wer als Hausarzt nicht nur aus dem Bauch heraus antworten will, hat mit dem Revised Cardiac Risk Index for Pre-Operative Risk schon eine gute Methode. 9 Es reicht die Anamnese und der aktuelle Kreatininwert. Deutlich differenziertere Aussagen erlaubt der ACS NSQIP Surgical Risk Calculator. 10 Mit etwas Englischkenntnissen kann man  zahlreiche verschiedene  Operationsrisiken abfragen. Dabei wird nach der Art der Komplikation (z.B. Harnwegsinfekt, aber auch Schlaganfall) unterschieden. Ein Score für Fachleute, denn, das Ergebnis muss der Patientin oder dem Patienten sehr sorgfältig dargestellt werden.  

Und natürlich auch Corona

Natürlich darf in diesen Zeiten auch die Prognose der Corona-Erkrankung nicht fehlen. Interessant in diesem Zusammenhang: der 4C Mortality Score for COVID-19. 11 Aus wenigen Laborwerten (Harnstoff, CRP und Sättigung) in Kombination mit differenziert erhobenen klinischen Parametern  lässt sich die Mortalitätsprognose in Prozentangaben errechnen.

Fazit

Es kann nicht schaden auf seinem Praxisrechner auch die Links zu den wichtigsten Score-Systemen parat zu haben. Denn nicht immer kann man sich auf sein Bauchgefühl verlassen. Scorewerte sind auch für Patientinnen und Patienten eine wertvolle Orientierung. Dabei muss allerdings klar sein: Eine Garantie, dass es dann auch so kommt, gibt es nicht. Denn Score-Werte zielen immer auf den Durchschnittspatienten. Deshalb darf man Patienten niemals mit den Prozentzahlen alleine lassen. Denn letztendlich trägt  die Ärztin oder der Arzt die Verantwortung dafür, wozu dem Patienten geraten wird. 

  1. Deutsche Gesellschaft für Geriatrie e.V.: „Bessere Versorgung mit neuer Medikamenten-App“, 14.06.2017, aufgerufen am 01.12. 2021.
  2. Universitätsmedizin Mannheim UMM, Forta-Projekt deutsch: „Forta – Fit for the Aged“, aufgerufen am 29.11.2021.
  3. MDCalc: „HAS-BLED Score for Major Bleeding Risk“, aufgerufen am 29.11.2021.
  4. MDCalc: „Wells’ Criteria for DVT“, aufgerufen am 29.11.2021.
  5. Modi et al.: „Wells criteria for DVT is a reliable clinical tool to assess the risk of deep venous thrombosis in trauma patients“, in World Journal of Emergency Surgery (2016)
  6. Amboss: „CHA2DS2-VASc-Score“, aufgerufen am 13.12.2021
  7. Kim et al.: „CHA2DS2-VASc Score for Identifying Truly Low-Risk Atrial Fibrillation for Stroke“ in Stroke (2017)
  8. American College of Cardiology „ASCVD Risk Estimator Plus“: https://tools.acc.org/ascvd-risk-estimator-plus/#!/calculate/estimate
  9. MDCalc: „Revised Cardiac Risk Index for Pre-Operative Risk“, aufgerufen am 13.12.2021
  10. American College of Surgeons: „ASC NSQIP: Surgical Risk Calculator“, aufgerufen am 13.12.2021
  11. MDCalc: „4C Mortality Score for COVID-19“, aufgerufen am 13.12.2021

Bildquelle: © Getty Images/PeopleImages

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