Was steckt hinter dem Konzept „Männergrippe“?
Die heftige Reaktion von Männern auf vermeintlich harmlose Erkältungssymptome wie Schnupfen und Husten wird oft als „Männergrippe“ belächelt. Reagieren Männer aber wirklich anders auf virale Atemwegsinfekte oder jammern sie einfach mehr?
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Autorin: Maria Weiß
Der Begriffe „Männergrippe“ beinhaltet, dass Männer bei den gleichen Virusinfekten deutlich stärker unter den Symptomen leiden als Frauen. Das oft beobachtete Phänomen ist wenig verstanden und kann auf geschlechtsspezifische Reaktionen auf Infektionen oder auch auf gesellschaftliche Einstellungen zu Krankheit bedingt sein, schreibt Carla Delgado im British Medical Journal.1
Die „Männergrippe“ ist nicht auf die echte Influenza beschränkt – der Begriff umfasst alle möglichen Atemwegserkrankungen durch unterschiedliche Viren. Die wissenschaftliche Basis dieses Phänomens ist schwer zu erfassen, da bisher nicht geklärt ist, ob Männer im Vergleich zu Frauen wirklich mehr oder schwerere Symptomen bei Erkältungskrankheiten haben, längere Erholungszeiten brauchen oder häufiger stationär aufgenommen werden müssen.
Sexualhormone beeinflussen Immunantwort
Ein möglicher Erklärungsansatz wären geschlechtsspezifische Unterschiede bei der biologischen Reaktion auf verschiedene Infektionen, sagte der Immunologe und Infektiologe Peter Barlow von der Edinburgh Napier University in Großbritannien im Interview. Man weiß, dass Sexualhormone einer der Faktoren sind, die Immunantworten regulieren.
Östrogene scheinen z.B. die inflammatorische Reaktion auf Virusinfekte zu steigern, was die Krankheitsschwere reduzieren könnte. Dies hat man z.B. auch bei COVID-19 beobachtet. Die stärkere Immunreaktion könnte auch eine Erklärung für die erhöhte Anfälligkeit für Autoimmunkrankheiten von Frauen sein.
Androgene wie Testosteron könnten dagegen die Immunantwort unterdrücken. So hat man beobachtet, dass Frauen nach einer Influenzaimpfung mehr neutralisierende Antikörper bilden als Männer und sehr hohe Testosteronspiegel mit einer besonders geringen Antikörperbildung nach der Impfung assoziiert sind.
Unter dem Strich scheinen erwachsene Frauen eine stärkere Reaktion des angeborenen und adaptiven Immunsystems auf Virusinfektionen zu haben und dadurch schneller zu genesen. Einige Virusinfektionen wie Denguefieber und Hepatitis B findet man aufgrund der stärkeren Immunantwort bei Frauen seltener und infizierte Frauen haben eine geringere Viruslast.
„Kranksein“ bei Frauen mehr akzeptiert
Aber auch soziale, berufliche und Umweltfaktoren könnten eine Rolle spielen. Frauen suchen deutlich mehr nach Gesundheitsinformationen, gehen häufiger zum Arzt, lassen sich eher impfen und früher testen als Männer. Die frühere Untersuchung und Behandlung bei respiratorischen Infekten könnte auch ein Grund für leichteren und kürzeren Verlauf sein. „Kranksein“ könnte für Frauen gesellschaftlich mehr akzeptiert sein. Bei Männern wird es eher als Schwäche empfunden, was dazu führt, dass sie Symptome ignorieren und sich die adäquate Behandlung verzögert.
Studien zeigen kein klares Bild
In einigen Studien wurde versucht, unterschiedliche Reaktionen von Männern und Frauen auf Infektionen zu erfassen, hier zeigt sich aber kein einheitliches Bild. In einer Studie wurde gezeigt, dass bei Männern zwischen 50 und 74 Jahren mehr Influenza-bedingte Todesfälle zu verzeichnen sind als bei Frauen – in einer anderen, dass männliche Kinder und Jugendliche mit Influenza häufiger stationär aufgenommen werden müssen als infizierte Mädchen. Aber auch der jeweilige Virusstamm scheint hier eine Rolle zu spielen. Bei A/H1N12-Infektionen waren Frauen z.B. eher symptomatisch und hatten stärkere Symptome als Männer.
In einer Studie aus dem Jahre 2022 wurde versucht, dem Phänomen „Männergrippe“ bei akuter Rhinosinusitis auf den Grund zu gehen, indem die subjektiven und objektiven Symptome bei 113 Männern und Frauen über acht Tage registriert wurden. Hier gaben die Männer zu Beginn weniger schwere Symptome an als die Frauen, obwohl sie objektiv die gleiche Symptomlast aufwiesen.
Am Tag 8 hatte sich das angeglichen, nach klinischen Scores waren die Männer aber immer noch stärker betroffen. Dass Männer bei gleicher Symptomlast einfach mehr jammern, hat sich hier somit nicht bestätigt.
Symptomschwere und Erholungszeit bei viralen Infektionen scheinen von zahlreichen Faktoren wie Virustyp, individuelle Viruslast, immunologische und inflammatorische Reaktionen, Exposition und Replikation abzuhängen. Um das Konzept „Männergrippe“ evidenzbasiert betrachten zu können, sind nach Einschätzung Barlows noch wesentlich mehr Studien und wissenschaftlich Untersuchungen erforderlich.
Symptome als typisch „Männergrippe“ zu verharmlosen, hilft keinem weiter. Letztendlich lassen sich Erkältungssymptome durch viel Trinken, Medikamente wie Paracetamol und Ibuprofen und ausreichend Ruhe lindern – unabhängig vom Geschlecht.


