02. Februar 2021

Low Carb-Diät: Remission des Typ-2-Diabetes möglich

Mit einer kohlenhydratarmen Diät (Low Carb Diet, LCD) lässt sich ein Typ-2-Diabetes wirksam behandeln, in einigen Fällen sogar zur Remission bringen. Das zeigen die Ergebnisse einer Metaanalyse, die jetzt im British Medical Journal erschienen ist. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Autorin: Ute Eppinger

Nach 6 Monaten strikter Kohlenhydrat-Reduktion erreichten 57% der Patienten eine Remission, mit einer fettreduzierten Diät (LFD) gelang das nur 31% der Probanden.

Prof. Dr. Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) ist von den Studienergebnissen nicht überrascht: „Ich behandle meine Patienten mit Typ-2-Diabetes seit Jahren sehr erfolgreich mit der Low Carb Diet (LCD) – insofern sprechen mir die Ergebnisse schon aus der Seele.“ Die Ernährungsumstellung auf möglichst wenig Kohlenhydrate bei Patienten mit Typ-2-Diabetes sieht er durch die Metaanalyse bestätigt.

Weniger Kohlenhydrate versus weniger Fett

Dr. Joshua Z. Goldenberg vom Department of Nutrition der Texas A&M University, USA, und Kollegen hatten 23 randomisiert kontrollierte Studien mit 1.357 Teilnehmern (Durchschnittsalter 47 bis 67 Jahre) mit Typ-2-Diabetes in ihre Analyse eingeschlossen. Die Patienten hatten entweder kohlenhydratarme Diäten (< 130 g/Tag oder < 26% einer 2.000 kcal/Tag Diät) oder Kontrolldiäten (in der Regel fettreduzierte Diäten) für mindestens 12 Wochen durchgeführt.

Primäre Endpunkte waren die Remission des Diabetes (HbA1c < 6,5 % oder Nüchternglukose < 7,0 mmol/l, mit oder ohne Verwendung von Diabetes-Medikamenten), Gewichtsverlust, HbA1c, Nüchternglukose und unerwünschte Ereignisse. In 8 der Studien (n = 264) war explizit die Remission des Diabetes untersucht worden.

Kohlenhydratarm erfolgreicher

Nach 6 Monaten erreichten diese Patienten mit LCD (n = 133) verglichen mit Patienten unter fettreduzierter Diät (n = 131) höhere Remissionsraten definiert als HbA1c < 6,5%): 57% vs 31% (Risikodifferenz: 0,32 bei 95%-Konfidenzintervall: 0,17 bis 0,47).

Klinisch bedeutsame Verbesserungen wurden bei der Gewichtsabnahme, den Triglyzeriden und der Insulinsensitivität nach 6 Monaten beobachtet. Es zeigte sich allerdings auch, dass die meisten Vorteile nach 12 Monaten nachließen. So berichten die Autoren von einer zwar nicht signifikanten aber klinisch bedeutsamen Verschlechterung der Lebensqualität der Probanden. Sie empfehlen deshalb, kurzfristige strenge kohlenhydratarme Diäten in Betracht zu ziehen.

Kohlenhydratarme Diät funktioniert auch langfristig

Martin setzt dagegen nicht auf eine kurzfristige Anwendung. Einige seiner Patienten ernähren sich seit Jahren möglichst kohlenhydratarm. Martin berichtet von einem Patienten, der seit über 2 Jahren streng kohlenhydratarm isst und bei dem erfolgreich alle Diabetes-Medikamente abgesetzt werden konnten: Sein HbA1c-Wert liegt bei 5,4%.

Die kohlenhydratarme Diät wirkt sich sowohl positiv auf das Gewicht als auch auf Lipidprofil und Blutzuckerwerte aus. „Sehr wichtig ist allerdings, dass man eine solche Ernährung stringent und konsequent durchhält“, so Martin.

Dass Zucker ein großer Kohlenhydrate-Lieferant ist, ist wohl den meisten Menschen bewusst. Wer aber etwa Kartoffelsuppe genießt macht sich selten klar, wie viel Stärke – und damit Kohlenhydrate – darin enthalten ist. Dabei weist Kartoffelpüree einen glykämischen Index von 80 auf, der von Haushaltszucker liegt dagegen bei 60. Eine Zuckersteuer greift aus Martins Sicht deshalb auch zu kurz: „Wir brauchen eine Kohlenhydrat-Steuer.“

Fette erhöhen nicht automatisch das kardiovaskuläre Risiko

In seinem unlängst erschienen Buch „Wie Insulin uns alle dick oder schlank macht“ erklärt Martin, wie erhöhte Insulinspiegel zu Übergewicht führen. Eine Insulinresistenz wird häufig als Ursache der erhöhten Insulinspiegel gesehen. Neuere wissenschaftliche Ergebnisse legen hingegen nahe, dass umgekehrt die Überproduktion von Insulin eine Ursache der Insulinresistenz ist: Der Körper schützt sich vor zu viel Insulin, indem er die Wirksamkeit des Hormons herabsetzt.

„Die Ergebnisse der Metaanalyse sollten sich alle Ernährungsberater und auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin auf der Zunge zergehen lassen“, sagt Martin. Denn noch immer gilt bei Typ-2-Diabetes und bei Übergewicht die Devise: Möglichst fettarm ernähren.

Fette aber erhöhen nicht automatisch das kardiovaskuläre Risiko – das hatte das American College of Cardiology (ACC) unlängst in einem State of the Art Review klar gestellt. Die Kernaussagen: Gesättigte Fette (SFA) erhöhen nicht das Infarktrisiko, sie schützen hingegen vor Schlaganfällen. SFA erhöhen zwar das LDL-Cholesterin, doch die Erhöhung basiert nicht auf einem Anstieg der kleinen, dichten LDL-Partikel, sondern auf einem Anstieg der größeren LDL, die viel weniger stark mit dem kardiovaskulären Risiko verbunden sind.

Dass sich die Ergebnisse der Metaanalyse auf die Praxis auswirken, glaubt Martin dennoch nicht: „Alte überkommene Thesen verändern sich nicht durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Man muss warten, bis deren Protagonisten ausgestorben sind“, sagt er. Doch nicht nur überkommene Thesen, wohl auch der Druck der Lebensmittel-Industrie – fettarme Produkte verkaufen sich gut – führen dazu, dass am Dogma Low Fat festgehalten wird.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Medscape, 02.02.2021 

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