11. Mai 2021

Teil 2

Loperamidsucht: Das traurige Ende der 30-Jährigen

Erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags, wie die Ärzte weiter vorgehen und weshalb trotz aller einleitender Maßnahmen und einem erfolgreichen Entzug, die junge Britin schließlich doch starb.1

Lesedauer: 2 Minuten

Behandlung der jungen Patienten: So gehen die Ärzte vor

Aufgrund der vorangegangen Palpitationen und Synkopen im Sitzen, haben die Ärzte die 30-Jährige als Hochrisikopatientin eingestuft und 48 Stunden am Herzmonitor überwacht.

Um mögliche Opioid-Entzugserscheinungen zu vermeiden, empfahl das Ärzteteam, die Patientin langsam von Loperamid zu entwöhnen. Hierfür wurde sie in die Obhut einer ambulanten Entzugsbehandlung entlassen, mit dem Rat, die Umstellung von Loperamid auf Buprenorphin zu erwägen. Bei erfolgreicher Entgiftung, erwarteten die Ärzte eine günstige Prognose.

Fallverlauf mit traurigem Ergebnis

In der Echokardiographie sowie im Langzeit-EKG fanden sich keine Hinweise auf Abnormalitäten oder signifikante kardiale Ereignisse.

Doch zwei Wochen nach der Entlassung stellte sich die Patientin erneut in der Notaufnahme mit Brustschmerzen, Übelkeit und Hyperventilation vor. Da sie die Loperamid-Dosis auf 30 mg pro Tag verringert hatte und das EKG einen grenzwertigen QTc von 436 ms zeigte, führten die Ärzte diese Symptome auf Angstzustände zurück, ausgelöst durch den leichten Opiatentzug. Sie entschieden daraufhin, das Loperamid auf Buprenorphinpflaster umzustellen.

Nach einem Jahr war die Patientin erfolgreich von den Buprenorphinpflastern entwöhnt. Dennoch traten auch nach dem vollständigen Absetzen der Opiate gelegentlich noch Symptome auf. Deshalb vereinbarten die Ärzte einen Termin zur Implantation eines Loop-Rekorders. Doch noch während die junge Patientin auf den Eingriff wartete, verstarb sie.

Hintergrund und Fazit

Mehrere Berichte zeigen, dass die übermäßige Einnahme von Loperamid zu gefährlichen Arrhythmien (verlängerte QTc-Zeit, Kammerflimmern, Torsades de pointes) und zum plötzlichen Tod führen können. Die missbräuchlich verwendeten Dosen reichten von 129 mg bis 400 mg.
Die Autoren machen in diesem Zusammenhang auf eine weitere interessante Beobachtung aufmerksam: Sie berichten von einem Jugendlichen, bei dem die übermäßige Einnahme von Loperamid ein genetisch bestätigtes Brugada-Syndrom auf dem EKG sichtbar gemacht hatte. Das Muster des Syndroms löste sich nach Absetzen des Loperamids wieder auf. Dies zeige, so die Autoren, dass das Durchfallmedikament die Fähigkeit hat, angeborene Herzrhythmusstörungen zu demaskieren.
Sie vermuten deshalb bei der jungen Patientin ebenfalls eine bislang nicht entdeckte angeborene Herzerkrankung: Die Familienanamnese von Stokes-Adams-Anfällen deutet auf ein subklinisches, kongenitales Long-QT-Syndrom hin, das durch das Loperamid verschlimmert wurde.

Die Autoren raten bei unerklärten Ohnmachtsanfällen dazu, diese gemäß den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) zur Diagnose und Management von Synkopen abzuklären.

Loperamid – das Wichtigste in Kürze

  • Loperamid, ein gebräuchliches Medikament gegen Durchfall, birgt das Potenzial für Substanzmissbrauch.
  • Hohe Dosen können auf das zentrale Nervensystem wirken und eine QTc-Verlängerung verursachen, die lebensbedrohliche Arrhythmien auslösen und so zu einem plötzlichen Tod führen kann.
  • Eine Überdosierung von Loperamid sollte bei Patienten mit Opiatabhängigkeit in der Vorgeschichte in Betracht gezogen werden, die sich mit einer Synkope und vorangehendem Herzklopfen vorstellen.
  • Patienten mit kardialer Synkope als Folge einer Loperamid-Überdosierung sollten zur Beobachtung und für wichtige elektrophysiologische Untersuchungen unter gemeinsamer Beteiligung von Kardiologie und Psychiatrie stationär aufgenommen werden.
  • Andere Medikamente, die den QTc-Wert verlängern, sollten wenn möglich zunächst abgesetzt (zurückgehalten)werden.
  • Die Elektrolyte sollten untersucht und gegebenenfalls korrigiert werden.

  1. Whittaker G, Newman J. Loperamide: an emerging drug of abuse and cause of prolonged QTc. Clin Med (Lond). 2021 Mar;21(2):150-152. doi: 10.7861/clinmed.2020-1046. PMID: 33762378; PMCID: PMC8002798.

Bild: © GettyImages/

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