11. Mai 2021

Loperamid: Fatale Abhängigkeit einer 30-Jährigen

Loperamid ist ein Opioid, das keine zentralnervöse Wirkung hat. Opiat-Abhängige nutzen das frei verkäufliche Mittel jedoch nicht nur bei Durchfall – was einer jungen Britin zum Verhängnis wurde.  

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Artikel basiert auf einer Publikation von George Whittaker and Joseph Newman im Clinical Medicine Journal (2021). Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Der Fall
Eine 30-jährige Frau stellte sich in der Notaufnahme vor, nachdem sie zweimal für mehrere Sekunden das Bewusstsein verloren hatte. In beiden Fällen waren die Synkopen im Sitzen aufgetreten. Sie schilderte, dass sie jeweils kurz vor den Ereignissen Herzklopfen gespürt und sich benommen gefühlt habe. Zeugen berichteten von ruckartigen Zuckungen der Patientin während der Episoden. Allerdings habe sich die junge Frau nach jeder Synkope schnell wieder erholt, ohne Anzeichen postiktaler Symptome.

Die Krankengeschichte der Patientin umfasst folgendes:

  • psychiatrische Vorgeschichte mit nicht-epileptischen Anfällen
  • Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung
  • posttraumatische Belastungsstörung
  • Suizidversuche

Weiter berichtet die junge Frau, von dem Antidiarrhoikum Loperamid abhängig zu sein (100 mg pro Tag). Diese Sucht hatte sich sekundär zu einer Codein-Abhängigkeit entwickelt – das hochdosierte Loperamid diente ihr als Opioid-Ersatz. Probleme mit dem Herzen gab es in ihrer eigenen Anamnese nicht. Ihre Großmutter väterlicherseits hatte aber an Stokes-Adams-Anfällen gelitten und war plötzlich und ohne klare Ursache gestorben. Die junge Patientin nahm neben Loperamid nur noch Methylphenidat ein.

Erste Untersuchungen: EKG ist auffällig

Die körperliche Untersuchung verlief unauffällig. Der Blutdruckwar gleich im Liegen und im Stehen. Ein EKG offenbarte eine gefährlich verlängerte QTc-Zeit zwischen 553 ms und 567 ms. Ein atrioventrikulärer Block ersten Grades und ein Rechtsschenkelblock waren ebenfalls vorhanden. Frühere EKGs aus dem Jahr 2015, noch vor Beginn ihrer Loperamid-Abhängigkeit, wiesen auf eine QTc-Zeit von 370 ms hin. Die Routine-Blutwerte einschließlich der Elektrolyte lagen alle im Normalbereich.

Überlegungen zur Diagnose

In der Zusammenschau der Anamnese und der Untersuchungsergebnisse stellte das Ärzteteam aus Kardiologen und Psychiatern folgende Überlegungen an:

  • Eine echte Synkope (im Gegensatz zu einer anderen Ätiologie) scheint wahrscheinlich: Hierfür sprechen das schnelle Auftreten, die kurze Dauer und die spontane vollständige Erholung.
  • Ein psychogener Kollaps ist möglich, aber aufgrund der kurzen Dauer und der geringen Anzahl von Episoden eher unwahrscheinlich.
  • Auch ein Krampfanfall scheint als Ursache sehr unwahrscheinlich: Weder gab es eine vorangehende Aura noch einen postiktalen Zustand noch waren Merkmale eines Myoklonus vorhanden.
  • Ebenfalls schließen die Ärzte eine Reflexsynkope (kein erkennbarer Auslöser) und eine orthostatische Hypotonie aufgrund der Blutdruckwerte aus.

Fazit: Aus Sicht der Ärzte scheint am ehesten eine kardiale Synkope vorzuliegen. Darauf deuten das plötzliche Auftreten von Palpitationen unmittelbar vor den Episoden und das verlängerte QTc auf dem ersten EKG hin.

Aber was ist der Auslöser?

Die Kardiologen fanden keine Elektrolytanomalien, die eine Arrhythmie hätten auslösen können. Abgesehen von den Herzproblemen der Großmutter gab es keine relevanten kardialen Erkrankungen in der Vorgeschichte der Patientin. Auch nahm sie keine anderen QTc-verlängernden Medikamente ein. Allerdings ist von Loperamid bekannt, dass es bei hohen Dosen eine QTc-Verlängerung verursacht.

Das Ärzteteam kommt daher zu dem Schluss, dass die übermäßige Einnahme von Loperamid die Synkopen der von dem Medikament abhängigen Patientin ausgelöst hat.

Trauriger Ausgang für die junge Frau

Erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags, wie die Ärzte die Patientin weiterbehandeln und weshalb trotz aller einleitender Maßnahmen und einem erfolgreichen Entzug, die Patientin schließlich doch verstarb.

  1. Whittaker G, Newman J. Loperamide: an emerging drug of abuse and cause of prolonged QTc. Clin Med (Lond). 2021 Mar;21(2):150-152. doi: 10.7861/clinmed.2020-1046. PMID: 33762378; PMCID: PMC8002798.

Bild: © GettyImages/damircudic

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653