26. Juni 2020

Leitlinien: 10 wichtige Neuerungen 2020

Leitlinien der Fachgesellschaften bieten eine wertvolle Hilfe im ärztlichen Alltag. Finden Sie hier 10 aktuelle Neuerungen zu Diagnostik und Therapie.

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Erste S3-Leitlinie zur Sectio

Die Kaiserschnitt-Rate nimmt weltweit stetig zu. In Deutschland liegt sie laut Statistischem Bundesamt bei etwa 30 Prozent. Nun wurde die erste S3-Leitlinie zu diesem Thema veröffentlicht, die unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. entstand.1

Die Schwerpunkte der neuen Leitlinie sind: Definition und Klassifikation, Aufklärung, Indikation, Zeitpunkt und Durchführung sowie erneute Schwangerschaft und Geburt nach einer Sectio. Ziel ist es, in einem gemeinsamen Entscheidungsfindungsprozess das ideale Vorgehen im individuellen Fall festlegen zu können.

S1-Leitlinie Neurosyphilis: Komplett neu überarbeitet

In den letzten Jahren kam es zu einer Zunahme der jährlichen Syphilis-Neuerkrankungen in Deutschland. Im Jahr 2018 wurden 7332 Fälle einer Syphilis an das Robert Koch-Institut gemeldet.2 Klinische Hauptmanifestationsformen der „frühen Neurosyphilis“ sind Meningitis und etwas später eine meningovaskuläre Manifestation. Zudem kann es zu Granulomen (syphilitische Gummen) kommen. Die „späte Neurosyphilis“ manifestiert sich Jahre und Jahrzehnte nach der Infektion meist als paralytische oder tabische Neurosyphilis.

Der Verdacht auf Neurosyphilis ergibt sich aus neurologischen oder psychiatrischen Symptomen plus anamnestische Angaben über eine frühere Geschlechtskrankheit und/oder eine positive Treponemenserologie. Personen mit HIV haben ein erhöhtes Risiko für eine Neurosyphilis.

Diagnostisch kann man zwischen einer wahrscheinlichen und einer sicheren Neurosyphilis unterscheiden. Eine Herausforderung ist es, asymptomatische HIV-positive Patienten mit Neurosyphilis zu erkennen und frühzeitig eine Liquoruntersuchung zu initiieren; hier gibt die Leitlinie klare Empfehlungen.

Die Therapie der ersten Wahl besteht in der intravenösen Gabe von Penicillin G in hoher Dosis über 14 Tage. Alternativ kann auch mit 1 × 2 g/Tag Ceftriaxon intravenös über 14 Tage behandelt werden. Die Leitlinienautoren empfehlen Verlaufsuntersuchungen des Liquors drei bis sechs Monate nach Behandlung.

Analer Pruritus: Update nach 12 Jahren

Die kürzlich veröffentliche S1-Leitlinie, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Dermatologie entstand, ist eine Aktualisierung der Leitlinie aus dem Jahr 2008.3 Der anale Juckreiz ist ein häufiges Symptom und Therapiemöglichkeiten werden Patienten-seitig häufig gesucht. Eine Chronifizierung kann die Lebensqualität deutlich einschränken.

Die Behandlung stützt sich auf 3 Säulen:

  • Behandlung zugrundeliegender ursächlicher oder aggravierender Erkrankungen,
  • Allgemeinmaßnahmen zur Beseitigung bzw. Minderung irritativer REize im Analbereich und
  • symptomatische, juckreizlindernde Therapie.

Erfahren Sie hier mehr über die Empfehlung eines Kollegen, zur einfachen Behandlung von analem Juckreiz.

Medikamentenübergebrauchskopfschmerz: Neue europäische Leitlinie

Die „European Academy of Neurology“ (EAN) hat eine Leitlinie zum Management des Medikamentenübergebrauchskopfschmerzes publiziert.4,5 Sie gibt Präventions- und Therapieempfehlungen, wie der Teufelskreis zwischen Kopfschmerzen und Einnahme von Schmerzmedikamenten und Migränemitteln vermieden bzw. durchbrochen werden kann. 

Die neue Leitlinie gibt anhand von 7 sogenannten „PICO questions“ (P= popular, I= intervention, C= control, O= outcome) Empfehlungen für das Management von Medikamentenübergebrauchskopfschmerz. Grundlegende und wichtigste Präventionsmaßnahme sind nach Ansicht der Autoren Information und Patientenedukation.

Die Leitlinie empfiehlt darüber hinaus, dass „MOH-Risikopatienten“ in regelmäßigen Abständen (alle 3-6 Monate) vom Allgemeinmediziner oder Neurologen gesehen werden sollen. Die intensive Beratung ist ein probates Mittel zur MOH-Prävention, gelangt aber an Grenzen, wenn es um die MOH-Behandlung geht. Grundsätzlich muss immer ein Entzug oder zumindest eine sanfte Reduzierung der Übergebrauchsmedikamente erfolgen, um den MOH langfristig zu therapieren.

Fortgeschrittenes kutanes Plattenepithelkarzinom: Neue Therapieansätze integriert

Die europäische Fachgesellschaft EADO (European Association of Dermato-Oncology) hat ihre Leitlinie zur Behandlung des kutanen Plattenepithelkarzinoms (CSCC) aktualisiert.6 Auch neue Therapieansätze gerade für fortgeschrittene Tumoren werden erstmalig empfohlen.

Beim primären CSCC ist die Exzision die Therapie der Wahl. Ist der Tumor lokal fortgeschritten oder metastasiert und kann nicht durch chirurgische Entfernung oder Radiotherapie kurativ behandelt werden, empfiehlt die Leitlinie erstmalig den Einsatz von Anti-Pd-1-Antikörpern in der Erstlinie.

Liegt eine Kontraindikation für eine Anti-PD-1-Antikörper-Behandlung vor, kann nach der Leitlinie eine Zweitlinientherapie mit einem EGFR-Inhibitor in Betracht gezogen werden.

Informationen zu 5 weiteren Leitlinien, die in diesem Jahr veröffentlicht worden sind, lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags. Unter anderem gab es Aktualisierungen bei der intensivmedizinischen Versorgung von Covid-19-Patienten, zur FSME und der idiopathischen Lungenfibrose.

  1. S3-Leitlinie “Die Sectio caesarea”, AWMF-Registernummer 015 – 084 , 2020
  2. Klein M., Weber J. et al., Neurosyphilis, S1-Leitlinie, 2020, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 24.06.2020)
  3. S1-Leitlinie “Analer Pruritus”, AWMF-Registernummer 013/063, 2020
  4. Diener HC et al. European Academy of NEurology guideline on the management of medication-overuse headache. Europan Journal of Neurology 2020
  5. Neue europäische Leitlinie zum Medikamentenübergebrauchskopfschmerz. Pressemitteilung Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 18.06.2020
  6. Stratigos AJ et al. European interdisciplinary guideline on invasive squamous cell carcinoma of the skin: Part 2 Treatment. European Journal of Cancer 2020;128:83-102.

Bildquelle: © Getty Images/pinkomelet

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