09. August 2019

Leitlinien: 10 wichtige Neuerungen 2019

Leitlinien der Fachgesellschaften bieten eine wertvolle Hilfe im ärztlichen Alltag. Finden Sie hier alle aktuellen Neuerungen zu Diagnostik und Therapie.

Lesedauer: 4 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Chronische koronare Herzkrankheit (KHK)

Neu in der 5. Auflage der Leitlinie Chronische KHK sind unter anderem folgende wichtige Änderungen:

  • Duale Therapie nach elektiver perkutaner koronarer Intervention (PCI): Ist eine orale Antikoagulation indiziert, wird nach einer PCI eine duale Therapie aus oraler Antikoagulation und einem Thrombozytenaggregationshemmer empfohlen. Bei hohem ischämischem Risiko kann zusätzlich Acetylsalicylsäure (ASS) in einer Triple Therapie erwogen werden.
  • Zurückhaltung bei Ezetimib und PCSK9-Hemmern: Diese Präparate können bei bestimmten Patientengruppen eine Option sein. Bislang konnte jedoch keine Reduktion der kardiovaskulären Mortalität und Gesamtmortalität belegt werden.
  • ACE-Hemmer, Sartane, Aldosteronantagonisten und Betablocker: Eine KHK ist keine eigenständige Indikation für diese Medikamente. Besteht kein anderer Anlass, können Betablocker ein Jahr nach einem Myokardinfarkt abgesetzt werden.
  • Gewichtsstabilisierung: Patienten mit einem BMI ≤30 können mit einer Gewichtsreduktion ihre Prognose nicht verbessern. Daher wird lediglich empfohlen, eine Gewichtszunahme zu vermeiden. Generell wird jedoch körperliches Training empfohlen, da Inaktivität unabhängig vom BMI das kardiovaskuläre Risiko erhöht.
  • Rehabilitation: Allen Patienten nach ST-Hebungsinfarkt (STEMI), Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI) und koronarer Bypass-Operation wird eine Rehabilitation empfohlen. Der Übergang in die Reha-Einrichtung sollte bei unkompliziertem Verlauf bereits nach wenigen Tagen erfolgen.1,2

S3-Leitlinie
Kindesmisshandlung, -missbrauch und -vernachlässigung

Die neue Leitlinie enthält eine evidenzbasierte Übersicht zum strukturierten Vorgehen bei Verdacht auf körperliche Misshandlung und sexuellen Missbrauch. Beispielsweise kann ein Verdacht aufkommen, wenn die Anamnese nicht mit Verletzungsmustern übereinstimmen. Auch beim Auftreten unklarer Hämatome oder anderer Verletzungen sollte eine ausführliche Überprüfung erfolgen.

Besonders misshandlungsverdächtig sind geformte Hämatome, die in Clustern auftreten, ebenso in Kombination mit Frakturen, Verbrennungen oder Blutungen. In jedem Alter sind Hämatome an unüblichen Stellen wie Ohren, Hals, Nacken oder Genitalien grundsätzlich misshandlungsverdächtig.

Neu in der Leitlinie ist ein standardisiertes Röntgen-Skelettscreening (Rö-SS). Bei Frakturen ohne plausibles Trauma oder Zweifeln bei der Anamnese sollte dem Verdacht auf körperliche Misshandlung nachgegangen werden. Das Rö-SS kann auch zum Nachweis okkulter Frakturen durchgeführt werden. Die Strahlenbelastung wird in der Empfehlung berücksichtigt, das Vorgehen umfasst zunächst Schädel, Thorax, Ober- und Unterarme, Hände, Ober- und Unterschenkel und Füße. Liegt eine Beckenfraktur vor, muss auch an sexuellen Missbrauch gedacht werden.3

Statistische Erfassung und Abrechnung geregelt

Die Aufnahme der OPS 1-945 zur „Diagnostik bei Verdacht auf Gefährdung von Kindeswohl und Kindergesundheit“ in den Operations- und Prozedurenkatalog sowie die zusätzliche ICD-Diagnose T74 ermöglichen auch eine statistische Erfassung von Kindesmisshandlung, -missbrauch und -vernachlässigung bei der Behandlung im Krankenhaus. Durch das neue Zusatzentgelt ZE 18-152 zur Abrechnung bei stationärer Behandlung werden die notwendigen Leistungen anerkannt.

S3-Leitlinie: Bruxismus

Erstmals liegt eine S3-Leitlinie zur „Diagnostik und Behandlung des Bruxismus“ vor, die alle aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammenfasst.5,6 Die Ursachen von Bruxismus sind noch nicht eindeutig klar. Während früher vor allem fehlerhafte Zahnkontakte als Ursache angesehen wurden, gehen Experten heute von den folgenden Faktoren aus:

  • emotionaler Stress
  • Angst- und Schlafstörungen
  • Sodbrennen
  • Schlafapnoe
  • Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum
  • Medikamentennebenwirkungen
  • genetische Faktoren

Typische Hinweise auf Zähneknirschen sind sichtbare Schäden und Abnutzungserscheinungen an den Zähnen, Überempfindlichkeit, Schmerzen der Kaumuskulatur sowie Schwierigkeiten bei der Mundöffnung.

Bislang steht keine ursächliche Therapie zur Verfügung. Ziele der Behandlung sind daher ein frühzeitiger Schutz der Zähne, Schmerzlinderung und Entspannungsmethoden (Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation) zur Stressreduktion. Außerdem können Patienten Aufbiss-Schienen, Verhaltenstherapie und Biofeedback eingesetzt werden, in manchen Fällen auch eine Botulinumtoxin-Injektion.

S3-Leitlinie: Schizophrenie

Wichtige Empfehlungen der komplett überarbeiteten S3-Leitlinie „Schizophrenie“ sind unter anderem:

  • Antipsychotika möglichst mit einer Psychotherapie kombinieren
  • organische und drogeninduzierte Ursachen ausschließen
  • bei Therapieresistenz kann Clozapin eingesetzt werden (Überprüfung bereits nach zwei, spätestens vier Wochen)

Die Diagnostik erfolgt anhand operationalisierter Kriterien, basierend auf dem ICD-10. Neu ist die Empfehlung eines Drogentests, um substanzinduzierte Psychosen auszuschließen. Eine weitere Differenzialdiagnose ist eine Autoimmunenzephalitis, bei welcher zusätzlich neurologische Symptome auftreten. Aufgrund des erhöhten Risikos für Diabetes und Herzkreislauferkrankungen sollten Risikofaktoren (Blutdruck, Lipid- und Zuckerwerte) beobachtet werden.7,8

Die aktuellen Empfehlungen zur Antipsychotikatherapie, zur Depottherapie und zur Rezidivprophylaxe lesen Sie im Beitrag „Neue S3-Leitlinine – Was gibt’s Neues zur Pharmakotherapie?”

S3-Leitlinie: Hämorrhoidalleiden

Die Autoren der neuen S3-Leitlinie „Hämorrhoidalleiden” betonen, dass niedriggradige Hämorrhoide meist konservativ therapierbar sind. Neben einer Basistherapie kommen Sklerosierung oder Gummibandligatur in Betracht. Eine operative Intervention ist in der Regel bei höhergradigen Hämorrhoiden notwendig. 9,10

Mehr über die Eckpfeiler der Diagnostik, Differenzialdiagnosen und suspekte Veränderungen erfahren Sie im Beitrag „Diagnostik bei Hämorrhoidalleiden: Was sagt die neue Leitlinie?“

Informationen zu 5 weiteren Leitlinien, die in diesem Jahr veröffentlicht worden sind, lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags. Unter anderem gab es Aktualisierungen bei Varikosen, Harnsteinen & Krebserkrankungen.

  1. Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK. AWMF-Registernr. nvl-004
  2. NVL Chronische KHK: Was ist neu? 2019
  3. Kindesmisshandlung, – missbrauch, -vernachlässigung unter Einbindung der Jugendhilfe und Pädagogik (Kinderschutzleitlinie). AWMF-Registernr. 027-069
  4. Starostzik C. Kinderschutz braucht viele Wächter. Pädiatrie 2019; DOI: 10.1007/s15014-019-1679-4
  5. Diagnostik und Behandlung des Bruxismus. AWMF-Registernr. 083-027
  6. Neue S3-Leitlinie zu Bruxismus. Gelbe Liste, 18.06.2019
  7. Schizophrenie. AWMF-Registernr. 038-009
  8. Müller T. Neue S3-Leitlinie Schizophrenie. DNP – Der Neurologe & Psychiater 2019; DOI: 10.1007/s15202-019-2193-9
  9. Hämorrhoidalleiden. AWMF-Registernr. 081-007
  10. Neue S3-Leitlinie zu Hämorrhoidalleiden. Ärzteblatt, 04.07.2019

Bildquelle: © Getty Images/BernardaSv

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