11. Dezember 2019

Klima-Spezial – Teil 1

Gefahr durch Hitze & Ausbreitung von Krankheitsvektoren

Ein aktueller Lancet-Report thematisiert die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit. Lesen Sie hier, wie sich zunehmende Hitze auf unsere Gesundheit auswirkt und wie sich die Ausbreitung von Krankheitsvektoren in Deutschland entwickelt.

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling

Aktueller Lancet-Bericht: Kinder am stärksten betroffen

Das aus rund 100 Experten bestehende Konsortium „The Lancet Countdown” hat im vergangenen Monat einen Bericht über die aktuellen und künftigen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit veröffentlicht. Kinder seien von den Auswirkungen des Klimawandels am stärksten betroffen, betonte der Chef des Lancet-Konsortiums, Dr. Nick Watts (London). Ihr Körper und ihr Immunsystem entwickle sich noch und Schäden in der Kindheit könnten bleiben. Auch Ernterückgänge durch den Klimawandel und infolgedessen Unterernährung träfen sie am schlimmsten, so der Bericht.

Neben einem Umdenken in der Energieversorgung und im öffentlichen Verkehr ist eine Kernforderung des Berichts, in Gesundheitssysteme zu investieren, damit sie durch die Erderwärmung geschädigten Menschen helfen können und nicht zusammenbrechen. Stünde die Gesundheit im Mittelpunkt der künftigen Entwicklung, „wäre das ein enormer Gewinn für Gesellschaft und Wirtschaft.”1

Direkte Gefahr durch zunehmende Hitze

„Hitzestress“ setzt vor allem Älteren, Kranken und Kindern zu. In Jahren mit vielen Hitzetagen sterben mehr Menschen, als statistisch normal wäre: 2003 gab es etwa 7500 Todesfälle mehr. 8 der 10 heißesten Jahre seit Aufzeichnungsbeginn sind im vergangenen Jahrzehnt verordnet. Besonders anfällig für große Hitze ist Europa: Hier leben viele alte Menschen, häufig sind Vorerkrankungen des Herz-Kreislaufsystems oder Diabetes vorhanden.1 So zeigte in diesem Jahr eine Studie, dass bei hohen Temperaturen das Herzinfarktrisiko insbesondere bei Menschen mit Diabetes erhöht ist. Daneben können auch bestimmte Medikamente bei großer Hitze zum Risiko werden.

Eine Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass der Klimawandel außerdem zu einer Reduktion des Selengehalts in den Böden vieler Regionen führt. Dies könnte sich langfristig negativ auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken. Eine aktuelle Analyse aus den USA bestätigt, dass Hitze zu kürzeren Schwangerschaften führen kann. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass im Zuge des Klimawandels zunehmend mehr Schwangerschaften betroffen sein werden.

Mücken und Zecken als Krankheitsvektoren

Nach Sebastian Ulbert vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig, müssten deutsche Ärzte zunehmend von Mücken übertragenen Erreger auf dem Schirm haben. Ein Beispiel: Die meisten West-Nil-Virus-Infektionen blieben in diesem Jahr unerkannt, da bei Grippe-ähnlichen Symptomen niemand an diesen Erreger dachte. Daher seien Fortbildungen und gute Testsysteme nötig.1

Abb. 1: Aedes-Mücke

Aedes: Neben dem Dengue-Fieber, von dem jährlich etwa 600 – 1000 importierte Fälle an das Robert Koch-Institut in Berlin gemeldet werden, übertragen Aedes-Mücken (A. aegypti und A. albopictus) vor allem das Zika-Fieber und das Chikungunya-Fieber. Vor allem die letztgenannte Infektionskrankheit könnte sich in Deutschland künftig am ehesten etablieren. Seit 2007 wurden in Frankreich und Italien Chikungunya-Ausbrüche mit bis zu 337 Fällen gemeldet. A. albopictus ist in Südeuropa bereits verbreitet. Im süddeutschen Raum wurden 2015 Larven von A. albopictus nachgewiesen.2

Abb.2: Anopheles-Mücke

Anopheles: Die weibliche Anopheles-Mücke kann durch ihre Stiche Malariaerreger der Gattung Plasmodium übertragen. Mit einer massenhaften Ausbreitung ist in Deutschland nicht zu rechnen, jedoch sind künftig vermehrt autochthone Malariafälle möglich.2 In welchen Fällen Malaria in Betracht gezogen werden sollte, zeigt dieser Beitrag.

Abb. 3: Culex-Mücke

Culex: In Deutschland kommen die Arten C. pipiens, C. torrentium und C. modestus vor. Das West-Nil-Virus (WNV) ist der wichtigste durch Culex-Mücken übertragenen Erreger. Das West-Nil-Fieber ist hierzulande bislang nur durch importierte Erkrankungen aufgetreten. Jedoch konnten Forscher das Virus in diesem Jahr bei einigen Tieren nachweisen. Das Friedrich-Loeffler-Institut geht davon aus, dass die Viren nun auch hierzulande überwintern können. Außerdem sind Culex-Mücken Überträger von Sindbis-Viren.

Abb. 4: Leishmaniose

Phlebotomus: Phlebotomen (Sandmücken) übertragen neben Sandmückenfieber-Viren und den Erregern des Pappataci-Fiebers auch Leishmanien. Diese können die kutane Leishmaniose hervorrufen, die neben den Tropen und Subtropen auch in Südeuropa auftritt. Charakteristisch ist eine singuläre, ulzerierende Papel mit Randwall. Daneben können Leishmanien Kala-Azar (viszerale Leishmaniose) verursachen. Die Krankheit verläuft unbehandelt meist tödlich. Fazit: Da sich Sandmücken im Zuge der Klimaerwärmung immer weiter nach Norden ausbreiten, sollten bei entsprechenden Symptomen, auch ohne Reiseanamnese, Leishmanien in Betracht gezogen werden.

Zika, Gelbfieber, Dengue und Co.: Testen Sie Ihr Wissen!

Tropische Zecken, Allergien & was Ärzte tun können

Lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags alles über weitere Auswirkungen des Klimawandels und erfahren Sie, was im Gesundheitssektor getan werden kann.

1. dpa, 14.11.2019.
2. Lancet-Report prognostiziert bis zu 30 Hitzewellen mehr pro Jahr in Süddeutschland – BÄK fordert Hitzeaktionspläne. Medscape. Dierbach, Heike; 21.11.2019.
3. Hemmer, Christoph et. al.: Mücken und Zecken als Krankheitsvektoren: der Einfluss der Klimaerwärmung. DMW – Deutsche Medizinische Wochenschrift 2018; 143(23): 1714 – 1722. DOI: 10.1055/a-0653-6333.

Titelbild: © Getty Images/grandriver
Abbildung 1: © iStock.com/doug4537
Abbildung 2: © Getty Images/abadonian
Abbildung 3: © Getty Images/tskstock
Abbildung 4: © Centers for Desease Control and Prevention, Dr. Mae Melvin, Leishmaniose

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