23. September 2021

Kamelmilch – Superfood oder Medizin gegen Typ-2-Diabetes?

Niemand wird bei der Vorstellung an ein Kamel an ein Glas frische Milch denken. Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Denn Wissenschaftler erforschen das therapeutische Potenzial von Kamelmilch und finden interessante Ergebnisse.1

Lesedauer: 5,5 Minuten

Autor: John Watson

Was können Forscher von diesem traditionellen Heilmittel lernen?

„Die ernährungsphysiologischen und gesundheitlichen Vorteile von Kamelmilch sind im Glauben verschiedener muslimischer Gemeinschaften verwurzelt, unter anderem in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten”, schreiben Dr. Mohammed Ayoub und Dr. Sajid Maqsood, ein Biologe und ein Lebensmittelwissenschaftler aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, in einer E-Mail an Medscape.

In Gebieten, wo viele Kamele gehalten werden, ist deren Milch seit jeher ein Grundnahrungsmittel, das frisch oder fermentiert verzehrt wird. Außerdem ist Kamelmilch seit Jahrhunderten ein traditionelles Heilmittel für eine Vielzahl von Krankheiten, von Tuberkulose bis Gastroenteritis.

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Kamelmilch Eigenschaften eines Superfoods besitzt:

Sie wirkt blutdrucksenkend, antimikrobiell, antioxidativ, antithrombotisch und anti-ulzerogen. Großes Interesse gilt zudem ihren positiven Auswirkungen auf Diabetesmarker, von der Blutzuckerkontrolle bis zur Insulinresistenz, die in Tiermodellen und klinischen Studien nachgewiesen wurden.

Was macht Kamelmilch so besonders?

Kamele wurden vor 3000-4000 Jahren als Lasttiere domestiziert. Dank ihrer Fähigkeit, etwa 36 kg Fett in ihrem Höcker zu speichern, können sie mehr als 150 km weit laufen und eine Woche lang bei Temperaturen bis zu 49°C ohne Wasser überleben.

Unter pflanzenfressenden Wiederkäuern, einer Tierklasse, die ihre Nahrung vor der Verdauung fermentiert, haben Kamele die effizienteste Verdauung. Nomadenvölker sind zudem der Ansicht, dass die vielfältige, pflanzliche Ernährung der Tiere für die angeblichen medizinischen Effekte der Kamelmilch eine wichtige Rolle spielt.

Der Beginn der wissenschaftlichen Erforschung der Eigenschaften von Kamelmilch liegt etwa 30 Jahre zurück. Beim Vergleich von Kuhmilch mit Kamelmilch zeigt sich ein ähnlicher Gehalt von Fett, Eiweiß, Laktose und Kalzium. Unterschiede zeigen sich im höheren Gehalt an Vitamin C und essenziellen Mineralien in Kamelmilch. Außerdem ist sie für den Menschen besser verdaulich.

Zudem ist bekannt, dass Kinder mit Kuhmilchallergien problemlos Kamelmilch trinken können. Kreuzreaktivität, wie bei Ziegen- oder Schafsmilch, konnten beim Verzehr der Kamelmilch nicht beobachtet werden. Tatsächlich kommt Kamelmilch der menschlichen Muttermilch sehr nah: Bei beiden ist α-Lactalbumin das Haupteiweiß und beide sind frei von β-Lactoglobulin, einem hochallergenen Kuhmilchprotein.

Antidiabetische Eigenschaften

Dr. Nader Lessan und Dr. Adam Buckley, die Endokrinologen am Diabeteszentrum des Imperial College London in Abu Dhabi sind, führen derzeit eine klinische Studie über die Auswirkung von Kamelmilch auf die Insulin- und Inkretinantwort durch. Kamelmilch hat, laut ihnen, nicht nur einen hohen Nährwert, sondern auch antidiabetische Eigenschaften.

„Es hat sich gezeigt, dass Kamelmilch ein insulinähnliches Protein enthält, das in der sauren Umgebung des Magens nicht denaturiert”, so die Forscher gegenüber Medscape. „Die glukosesenkende Wirkung von Kamelmilch könnte durch diesen Mechanismus teilweise erklärt werden.

Eine aktuelle In-vitro-Studie von Mohammed Ayoub und Sajid Maqsood beleuchtet die molekularen und zellulären Mechanismen, die der antidiabetischen Wirkung von Kamelmilch zugrunde liegen.

„Wir haben mehrere Peptidfraktionen in der Kamelmilch identifiziert, die positive biologische Auswirkungen auf verschiedene molekulare Marker von Diabetes haben (Hemmung der Dipeptidylpeptidase IV und des menschlichen Insulinrezeptors und seines zellulären Signalwegs). Es wurde auch ein Anstieg des Glukosetransports innerhalb der Zellen nachgewiesen”, so die Forscher Ayoub und Maqsood, deren Arbeit damit zum 1. Mal eine solide wissenschaftliche Grundlage für die antidiabetischen Eigenschaften von Kamelmilch lieferte.

Kamelmilch als Superfood

Die Kamelmilchproduktion ist seit 1961, dem Beginn der Datenerfassung, um das 4,6-fache gestiegen. Dies deutet auf einen Verzehr hin, der sich nicht mehr auf die traditionellen Regionen beschränkt.

Weltweit interessieren sich immer mehr Verbraucher für Kamelmilchprodukte. In den Vereinigten Staaten haben sich mehrere Unternehmen mit Landwirten zusammengeschlossen, um die Produktion zu steigern. Das von der Europäischen Union unterstützte Projekt CAMELMILK hat zum Ziel, das Produkt auch im Mittelmeerraum bekannt zu machen.

Das bedeutet nicht, dass wir bald Kamelmilch in den Supermarktregalen sehen werden, glauben die Autoren der Studie. Obwohl die Zahl der Kamele zunimmt, sind sie nach wie vor eine kleine Milchvieh-Art, die weniger als 1 % der weltweiten Milchmenge produziert. Als Nischenprodukt ist Kamelmilch teurer als andere Milchsorten. Um die Diabetes-Werte zu verbessern, wäre ein halber Liter pro Tag erforderlich, was für den Verbraucher teuer werden kann.

Darüber hinaus ist ungewiss, ob die Vorteile der Kamelmilch bei kommerzieller Tierhaltung bestehen bleiben. Ihre Qualität ist abhängig von geographischen Begebenheiten, der Laktationsphase, sowie der Ernährung der Tiere. Es ist unklar, ob die medizinischen Effekte der Milch mit dem Übergang von der freien Tierhaltung zu einer industriell-landwirtschaftlichen Haltung bestehen bleiben.

Zudem ist noch nicht bekannt, inwieweit die therapeutische Wirkung der Milch von der Tierart abhängig sind. Bei Kamelen unterscheidet man Tiere mit einem Höcker, die Dromedare, von Tieren mit zwei Höckern, auch Trampeltiere genannt.

Das als Kamelmilch bezeichnete Produkt stammt in 90% der Fälle von einhöckrigen Dromedaren. Viel weniger verbreitet sind die zweihöckrigen Trampeltiere, die vorwiegend in China und der Mongolei vorkommen, und deren Milch sich von der Dromedarmilch unterscheidet.

Als Fazit ihrer Studie schreiben Ayoub und Maqsood: Letztendlich könnte Kamelmilch für die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden sehr vielversprechend sein.

Tipps für neugierige Patienten

Im Hinblick auf die antidiabetische Wirkung ist es nicht ausgeschlossen, dass Patienten Kamelmilch in Zukunft ausprobieren möchten. Worauf sollten Ärzte und Patienten achten?

Vermeiden Sie rohe Kamelmilch. Diese scheint zwar bessere antimikrobielle Eigenschaften als rohe Kuhmilch zu haben, birgt aber in etwa das gleiche Risiko, dass sie E. coli-Bakterien und pathogene Streptococcus- und Staphylococcusstämme  enthalten.

Außerdem gelten Dromedare als die einzigen Wirte, die das MERS (Middle East Respiratory Syndrome)-Coronavirus auf den Menschen übertragen können.

Nicht mit Insulin vergleichen:  Obwohl mehrere Studien zu dem Schluss kommen, dass Kamelmilch die Blutzuckerkontrolle verbessert und den Bedarf an Insulin bei Patienten mit Typ-1-Diabetes verringert, raten Lessan und Buckley dringend davon ab, Kamelmilch als Insulinersatz einzusetzen. Sie weisen darauf hin, dass keiner der Mechanismen, die sie bei der Wirkung von Kamelmilch nachgewiesen haben, einen Effekt auf den Krankheitsverlauf von Typ-1-Diabetes haben .

Wichtig ist auch, angemessene Erwartungen für den Effekt von Kamelmilch auf andere Erkrankungen zu setzen. Die Fachliteratur über Kamelmilch tendiert zu positiven Studienergebnissen. Allerdings variiert die Qualität der Studien stark, weshalb es zu einigen unbegründete Behauptungen kam.

‘Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) erklärte beispielsweise ausdrücklich, dass der therapeutische Effekt von Kamelmilch auf Autismus, nicht bewiesen ist.

Die Erforschung von Kamelmilch geht nun von der Grundlagenforschung zur Anwendung in klinischen Studien über. Dadurch wird vermutlich einiges über ihren therapeutischen Wert bei Diabetes in Erfahrung gebracht werden.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

Bildquelle: © gettyImages/Padraic Spencer / EyeEm

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