07. April 2022

Kaffeekonsum: Geringeres kardiales Risiko & längeres Leben?

Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass regelmäßiger moderater Kaffeekonsum nicht nur sicher für das Herz ist, sondern sogar kardioprotektiv wirken kann. Welche Wirkmechanismen stecken dahinter – und wo gibt es Einschränkungen?1

Lesedauer: 5 Minuten

Autorin: Marlene Busko; Übersetzung: Ute Eppinger

Drei Analysen auf Grundlage der prospektiven UK Biobank-Kohorte deuten darauf hin, dass regelmäßiger Kaffeekonsum, insbesondere ein täglicher Konsum von 2 bis 3 Tassen, nicht nur sicher für das Herz ist, sondern sogar kardioprotektiv wirken kann.

Menschen ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD), die 2 bis 3 Tassen täglich tranken, wiesen im Vergleich zu denjenigen, die keinen Kaffee tranken, eine signifikante Verringerung des Sterberisikos und einer Reihe von CVD-Endpunkten auf. Das Risiko war über einen Zeitraum von 10 Jahren zwischen 8% und 15% verringert.

In einer separaten Analyse zeigte sich bei Teilnehmern mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu Beginn der Studie ebenfalls eine signifikante Verbesserung der Überlebensrate bei einem Kaffeekonsum von 2 bis 3 Tassen täglich und kein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen.

Kaffeekonsum als Teil gesunder Ernährung

In einem dritten Ausschnitt der Daten der UK Biobank wurden die klinischen Vorteile bei gleicher Höhe des Kaffeekonsums beobachtet, unabhängig davon, ob es sich bei dem konsumierten Kaffee um den „Instant“-Kaffee handelt, der mit Wasser aufgegossen wird, oder um Kaffee, der aus gemahlenen ganzen Bohnen gebrüht wird.

„Einige Ärzte raten ihren Patienten vom Kaffeetrinken ab, weil Kaffeekonsum im Verdacht steht, einige Arten von Herzerkrankungen auszulösen oder zu verschlimmern“, bemerkte Dr. Peter M. Kistler vom Alfred Hospital und Baker Heart and Diabetes Institute in Melbourne, Australien. Die aktuellen Analysen legen jedoch nahe, dass „vom täglichen Kaffeekonsum nicht abgeraten werden, sondern dieser vielmehr als Teil einer gesunden Ernährung betrachtet werden sollte“.

U-förmige Zusammenhänge

Die Teilnehmer der UK Biobank-Studie, die im Durchschnitt Ende 50 waren, gaben in Fragebögen an, wie viel Kaffee sie täglich konsumierten und welche Art des Getränks sie bevorzugten.

Die Forscher beobachteten im Hinblick auf die Risiko-Verlaufskurve U-förmige Zusammenhänge zwischen der täglichen Anzahl von Tassen Kaffee und dem Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinsuffizienz, koronarer Herzkrankheit (KHK), Schlaganfall, Vorhofflimmern, Herzrhythmusstörungen und Tod über einen Zeitraum von 10 Jahren. U-förmig bedeutet, dass sowohl Patienten, die weniger als 3 Tassen am Tag trinken, als auch Patienten, die mehr als 3 Tassen am Tag trinken, ein erhöhtes Risiko aufweisen.

„Ich glaube, das ist Musik in den Ohren vieler unserer Patienten und auch vieler Kardiologen: denn diejenigen von uns, die früh aufstehen und lange im Krankenhaus bleiben, konsumieren selbst viel Kaffee“, so Dr. Katie Berlacher, stellvertretende Leiterin der kardiologischen Ausbildung am University of Pittsburgh Medical Center, Pennsylvania. Die Analysen basierten auf einer großen Kohorte und zeigten ein konsistentes Muster für mehrere kardiovaskuläre Ergebnisse, so Berlacher, die neue stellvertretende Vorsitzende der ACC Scientific Session.

Kausalität in Studien nicht belegt

„Diese Studien legen nahe, dass wir keine objektiven Beweise haben, um Patienten zu warnen oder sie aufzufordern, keinen Kaffee mehr zu trinken, auch nicht bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen.“ Wichtig ist jedoch, dass „diese Studien keine Kausalität belegen“, fügte sie hinzu. „Wir können also nicht so weit gehen, den Kaffeekonsum zu empfehlen, obwohl man sagen könnte, dass randomisierte prospektive Studien durchgeführt werden sollten, um die Kausalität zu klären.“

Kaffee, „ist das am weitesten verbreitete Stärkungsmittel, das die Kognition verbessert. Kaffee macht wach und geistig fitter und ist für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil ihres täglichen Lebens“, so Kistler. „Die Botschaft, die man mitnehmen sollte, ist die, dass Ärzte ihren Patienten nicht raten sollten, bis zu 3 Tassen Kaffee pro Tag nicht mehr zu trinken.“

„Bei Nicht-Kaffeetrinkern haben wir keine Daten, die darauf hindeuten, dass sie mit dem Kaffeetrinken beginnen sollten“, teilte er weiter mit. Außerdem sollten die Menschen nicht unbedingt ihren Kaffeekonsum erhöhen, insbesondere wenn sie sich ängstlich oder unwohl fühlen.

Vorteile mit oder ohne bekannte Herzkrankheit

Die Forscher schlossen in ihre Analyse 382 535 Teilnehmer der britischen Biobank-Kohorte ein, die bei Studienbeginn frei von CVD waren. Ihr Durchschnittsalter lag bei 57 Jahren, und 52% waren Frauen.

Diejenigen, die angaben, regelmäßig zwei bis drei Tassen Kaffee pro Tag zu trinken, wiesen im Vergleich zu denjenigen, die keinen Kaffee tranken, über einen Zeitraum von 10 Jahren ein signifikant geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, KHK, Herzversagen, Herzrhythmusstörungen und Tod aus jeglicher Ursache auf (p < 0,01 für alle Endpunkte). Die Hazard Ratios (HR) und Konfidenzintervalle (95%) waren:

  • HR: 0,91; 95% KI, 0,88-0,94 für CV-Erkrankungen
  • HR: 0,90; 95% KI, 0,87-0,93 für KHK
  • HR: 0,85; 95% KI, 0,81-0,90 für Herzinsuffizienz
  • HR: 0,92; 95% KI, 0,88-0,95 für Herzrhythmusstörungen
  • HR: 0,86; 95% KI, 0,83-0,90 für Tod aus jeglicher Ursache

Das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, war bei einer Tasse Kaffee pro Tag am niedrigsten (HR: 0,83; 95% KI: 0,75-0,93). Das Risiko eines Schlaganfalls war bei weniger als einer Tasse pro Tag am niedrigsten (HR: 0,85; 95% KI: 0,75-0,96).

Eine separate Analyse ergab ähnliche Ergebnisse bei einer anderen Untergruppe von UK Biobank-Teilnehmern mit zu Studienbeginn bekannter CVD. Unter 34.279 dieser Personen wiesen diejenigen, die 2 bis 3 Tassen Kaffee pro Tag tranken, im Vergleich zu Nicht-Kaffeetrinkern ein geringeres Sterberisiko über 10 Jahre auf (HR: 0,92; 95% KI: 0,86-0,99; p = 0,03).

Bei den 24.111 Personen, bei denen zu Beginn der Studie Herzrhythmusstörungen diagnostiziert wurden, wurde das geringste Sterberisiko bei einer Tasse pro Tag beobachtet (HR: 0,85; 95% KI: 0,78-0,94; p < 0,01). Bei den Personen mit Vorhofflimmern oder Vorhofflattern war eine Tasse pro Tag mit einer Mortalitäts-HR von 0,82 (95% KI: 0,73-0,93; p < 0,01) verbunden.

In einer weiteren Analyse der UK Biobank-Kohorte wurde festgestellt, dass die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Sterblichkeitsrate während der 10-jährigen Nachbeobachtungszeit bei den Teilnehmern, die über den Konsum von gemahlenem Brühkaffee und – separat – von Instantkaffee berichteten, in ähnlicher Weise reduziert war wie bei den Nicht-Kaffeetrinkern. Entkoffeinierter Kaffee wirkte sich meist neutral oder uneinheitlich auf die klinischen Endpunkte aus.

Das niedrigste CVD-Risiko wurde bei zwei bis drei Tassen pro Tag bei denjenigen beobachtet, die regelmäßig gemahlenen Kaffee tranken (HR: 0,83; 95% KI: 0,79-0,87) und bei denjenigen, die überwiegend Instantkaffee konsumierten (HR: 0,91; 95% KI: 0,88-0,95).

Mögliche Wirkmechanismen, Einschränkungen der Studie

„Koffein blockiert Adenosinrezeptoren, was seine potenziell milden antiarrhythmischen Eigenschaften erklären könnte“, so Kistler. „Regelmäßige Kaffeetrinker, die mit supraventrikulären Tachykardien in die Notaufnahme kommen, brauchen oft höhere Adenosindosen, um sich zu erholen.“

Koffein spielt eine Rolle bei der Gewichtsabnahme durch die Hemmung der Fettsäureabsorption im Darm und die Erhöhung des Grundumsatzes, fügte Kistler hinzu, und Kaffee wurde mit einem deutlich verringerten Risiko für neu auftretenden Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht.

Kaffeebohnen enthalten jedoch mehr als hundert biologisch aktive Verbindungen, stellte er fest. Dazu gehören antioxidative Polyphenole, die oxidativen Stress reduzieren und den Stoffwechsel modulieren. Eine bessere Überlebensrate bei regelmäßigem Kaffeekonsum könnte mit einer verbesserten Endothelfunktion, zirkulierenden Antioxidantien, einer verbesserten Insulinempfindlichkeit oder einer verringerten Entzündung zusammenhängen, so die Forscher.

Kein ursächlicher Zusammenhang nachweisbar

Sie räumen einige Einschränkungen der Analysen ein. Aus den Beobachtungsdaten lassen sich Ursache und Wirkung nicht ableiten. Außerdem bedeutet eine Tasse Kaffee im Vereinigten Königreich etwa 200 ml bis 250 ml des Gebräus, aber der tatsächliche Koffeingehalt kann zwischen 90 mg und 250 mg variieren.

Auch fehlten Daten über den Zusatz von Zucker oder Milch. Außerdem sind die Teilnehmer der UK Biobank überwiegend weiß, so dass die Ergebnisse möglicherweise nicht auf andere Bevölkerungsgruppen übertragbar sind.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

  1. American College of Cardiology 2022 Scientific Session:
Effects of Habitual Coffee Consumption on Incident Cardiovascular Disease, Arrhythmia, and Mortality: Findings From UK Biobank. Abstract.
Regular Coffee Intake is Associated with Improved Mortality in Prevalent Cardiovascular Disease. Abstract.
Ground, Instant, or Decaffeinated Coffee? Impact of Different Coffee Subtypes on Incident Arrhythmia, Cardiovascular Disease and Mortality. Abstract.

Bildquelle: 13785741 © Flynt, Dreamstime.com

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Jeremy Schneider, Blake DeSimone
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653