15. September 2021

Kaffee & Arrhythmien: Geringeres Risiko mit jeder Tasse?

Viele positive gesundheitliche Effekte durch den Genuss von Kaffee konnten bereits durch Studien belegt werden. Beim Thema Herzrhythmusstörungen waren die Ergebnisse bislang uneinheitlich. Eine aktuelle Untersuchung liefert nun überraschende Erkenntnisse.

Lesedauer: 4,5 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling

Kaffee & Koffein: Zahlreiche positive Effekte bestätigt

Aus epidemiologischer Sicht scheint Kaffee ein empfehlenswertes Getränk zu sein: Ein Review aus dem vergangenen Jahr hat sich mit den Auswirkungen von Kaffee und Koffein auf die Gesundheit beschäftigt hat und konnte zahlreiche positive Effekte bestätigen. Weltweite Kohortenstudien haben beispielsweise gezeigt, dass der Konsum von 2 bis 5 Standardtassen Kaffee mit einer niedrigeren Gesamtmortalität einhergeht im Vergleich zu Nicht-Kaffeetrinkern.

Zahlreiche prospektive Kohortenstudien liefern außerdem starke Evidenz dafür, dass Kaffeegenuss nicht mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert ist – mehr noch weisen Studien auf ein leicht verringertes Risiko für Melanome, bestimmte Arten von Hautkrebs, Brust- und Prostatakrebs hin. Auch für das Risiko von Endometrium- und Leberzellkarzinomen wurden ähnliche Assoziationen beobachtet.1 

Schlägt Kaffeekonsum auf das Herz?

Weit verbreitet ist dagegen die Annahme, dass das im Kaffee enthaltene Koffein das Risiko von Herzrhythmusstörungen erhöht. Nachweise hierfür sind bislang jedoch nur unzureichend erbracht. Auch die Ergebnisse epidemiologischer Studien erwiesen sich als uneinheitlich. Zuletzt hatte eine Analyse der Physicians Health Study über eine U-förmige Assoziation berichtet: 1 bis 3 Tassen Kaffee am Tag sollten demnach die Entwicklung eines Vorhofflimmerns senken, eine höhere Dosis jedoch dazu beitragen. 2,3

Gegen den Genuss von Kaffee spricht aus kardiologischer Sicht unter anderem der durch den Konsum erhöhten Adrenalinspiegel und den dadurch kurzfristig erhöhten Herzschlag. Laut des oben genannten Reviews sind diese Bedenken jedoch unbegründet: Ein moderater Konsum von drei bis fünf Tassen scheint sich positiv auf das kardiovaskuläre Risiko auszuwirken. Selbst für herzkranke Patienten hat sich der Konsum von bis zu sechs Standardtassen Filterkaffe als unbedenklich erwiesen.1,3

Vorhofflimmern und Co.: Aktuelle Studie zeigt Dosis-abhängigen Schutzeffekt

Eine aktuell in JAMA Internal Medicine publizierte prospektive Beobachtungsstudie um den Kardiologen Gregory Marcus von der Universität Kalifornien in San Francisco beschäftigte sich mit dem Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und dem Tachyarrhythmierisiko. „Kaffee ist für die meisten Menschen die Hauptquelle für Koffein und hat den Ruf, Herzrhythmusstörungen zu verursachen oder zu verschlimmern“, so Marcus.2,4

Die Gruppe um Marcus hat für ihre Untersuchungen die Daten der UK-Biobank ausgewertet, an der rund eine halbe Million Britinnen und Briten teilgenommen haben. Knapp 400.000 gaben an, Kaffee zu konsumieren. Die am häufigsten konsumierte Variante war Instantkaffee (56%) vor gemahlenem Kaffee (23%). Je nach Höhe des täglichen Kaffeekonsums wurden die Teilnehmenden in Kategorien eingeteilt. Das Durchschnittsalter der ausgewerteten Personen betrug 56 Jahre, etwas mehr als 50% waren weiblich.

Die Nachbeobachtungszeit betrug 4,5 Jahre. In dieser Zeit wurde bei rund 16.400 Personen (4%) eine Herzrhythmusstörung festgestellt. Meist (12.800 Personen) war dies Vorhofflimmern, andere Teilnehmer litten unter supraventrikulären Tachykardien, ventrikulären Tachykardien und Extrasystolen. Bei Menschen, die Kaffee konsumierten, traten alle Herzrhythmusstörungen weniger häufig auf – mit Ausnahme ventrikulärer Extrasystolen. Jede weitere Tasse Kaffee am Tag senkte den Ergebnissen zufolge das Risiko einer Herzrhythmusstörung um 3%. Eine mögliche Erklärung hierfür ist laut dem Forschungsteam die antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaft von Kaffee. Als Schwächen ihrer Arbeit nennen die Forschenden die Tatsachen, dass die Angaben der Teilnehmenden auf Selbstauskunft beruhen und detaillierte Informationen über die Art des konsumierten Kaffees fehlten.2,3

Ergebnisse mit Vorsicht genießen? Experte ordnet ein

Der US-Arzt F.Perry Wilson von der Yale School of Medicine, der regelmäßig Studien für die US-amerikanische Medscape-Plattform kommentiert, ordnet die Ergebnisse von Marcus und Kollegen wie folgt ein: „Das Ergebnis ist recht klar: ein Dosis-abhängiger Schutzeffekt. Je mehr Kaffee getrunken wird, desto weniger wahrscheinlich ist es, die Diagnose Vorhofflimmern zu erhalten. Die aufgetretenen Arrhythmien wurden auf Grundlage diagnostischer Codes entdeckt. Korrekterweise wurden Patienten mit einem vorbestehenden Arrhythmie-Code von vornherein aus der Kaffee-Studie ausgeschlossen. Nicht jede Arrhythmie wird jedoch kodiert. So ist es nicht auszuschließen, dass einige Personen gelegentlich Herzrasen bemerkt und keinen Kaffee konsumiert haben – aus Vorsicht oder weil die Symptome dadurch tatsächlich verschlimmert wurden. In der Kohorte gaben diese dann an, keinen Kaffee zu trinken und erhielten zu einem späteren Zeitpunkt die Diagnose Vorhofflimmern – worunter sie eigentlich schon die ganze Zeit litten.5

Koffeinmetabolismus: Zusammenhang zwischen Arrhythmie-Risiko und genetischen Varianten?

Den Forscherinnen und Forschern standen zudem Blutproben der Teilnehmerinnen für genetische Analysen zur Verfügung, wodurch diese den Einfluss des Koffeinmetabolismus untersuchen konnten. Die Aktivität des größtenteils für die Metabolisierung verantwortlichen Enzyms CYP1A2 wird durch verschiedene Genvarianten beeinflusst. Würde Koffeinkonsum tatsächlich das Risiko von Arrhythmien erhöhen, würden die Genvarianten, die den Abbau verlangsamen, das Risiko erhöhen. Jedoch wurde bei Teilnehmern mit dieser genetischen Veranlagung keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen gefunden.2,3

Wilson: „Es hat sich gezeigt, dass unsere Gene vorgeben, wie schnell Koffein verstoffwechselt wird. [Die Forscherinnen und Forscher] erstellten einen polygenen Risiko-Score zum Koffeinstoffwechsel, der gezeigt hat, dass Menschen, die Koffein schnell verstoffwechseln etwas mehr Kaffee trinken als Menschen mit einer langsamen Metabolisierung. Das Arrhythmie-Risiko war jedoch in beiden Gruppen gleich. Letztlich gibt die Studie laut Wilson Aufschluss über diagnostizierte, jedoch nicht über vorübergehende Herzrhythmusstörungen, die bei hohem Koffeinkonsum auftreten können. „Wenn mir ein Patient erzählen würde, dass er nach dem Kaffeetrinken Herzklopfen hat, würde ich ihm raten, keinen Kaffee zu trinken“, so Wilson. Im Großen und Ganzen führe die Studie jedoch zu der Gewissheit, dass sich durch Kaffeegenuss keine langfristigen Schäden ergeben, so Wilson.5

1. Van Dam et al: Coffee, Caffeine, and Health. New England Journal of Medicine; 383:369-378, 23.07.2020. DOI: 10.1056/NEJMra1816604.

2. Kim et al: Coffee Consumption and Incident Tachyarrhythmias: Reported Behavior, Mendelian Randomization, and Their Interactions. JAMA Intern Med. 2021;181(9):1185–1193. doi:10.1001/jamainternmed.2021.3616

3. Studie: Kaffee keine Ursache für Herzrhythmusstörungen. Ärzteblatt; 16.08.2021.

4. Fernandez, Elizabeth: Coffee Doesn’t Raise Your Risk for Heart Rhythm Problems. University of California San Francisco; 20.07.2021.

5. Herzflattern durch Kaffee? Nein, es schützt eher vor Arrhythmien – Datenanalyse von über 400.000 Menschen

Titelbild: © Getty Images/pasgen kongsuk

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