08. April 2020

Interview

Covid-19-Infodemie: „Die Verunsicherung der Menschen ist zu verstehen“

Fake News, Gerüchte und gewagte Interpretationen von Daten zu Covid-19 verbreiten sich ähnlich wie das Virus selbst. Sophie Rohrmeier vom #Faktenfuchs-Team des Bayerischen Rundfunks berichtet über weit verbreitete Falschmeldungen und wie diese aufgedeckt werden können.

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Im Zusammenhang mit der SARS-CoV-2-Pandemie spricht die WHO von einer „Infodemie“, einem Übermaß an Informationen.1 Wo können zuverlässige Angaben gefunden werden?

Grundsätzlich ist die Verunsicherung der Menschen zu verstehen – wir alle stehen vor der Herausforderung, dass sich die Lage rund um die Corona-Pandemie ständig verändert. Eine Leitlinie für alle, die sich informieren wollen: Wer behauptet etwas? Findet man die Behauptung auch bei anderen Medien? Welche sind das? Suchen Sie ruhig auch einmal nach Informationen, die nicht ihrer bisherigen Meinung entsprechen und wägen sie ab, welche Behauptungen wirklich gut belegt sind. Die öffentlich-rechtlichen Angebote verfolgen die Entwicklung der Pandemie genau und bieten viele Informationen dazu.

Wir im #Faktenfuchs-Team des Bayerischen Rundfunks versuchen mit täglich veröffentlichten Faktenchecks, oft wiederkehrende Fragen mit Hilfe von Expertinnen und Experten zu beantworten. Für weitere Faktenchecks lohnt sich auch ein Blick auf den Faktenfinder der Tagesschau oder auf die Artikel der unabhängigen Faktenchecker von Correctiv.

Welche Fake News um Covid-19 sind besonders weit verbreitet?

Sehr häufig finden sich Behauptungen zum Vergleich der jährlich wiederkehrenden Influenza und des aktuellen, neuartigen Corona-Virus, zur Gefährlichkeit und Tödlichkeit des Virus.  In Zweifel wird auch häufig gezogen, dass „das alles ja gar nicht so schlimm“ sei. Auch hier spielt eine große Rolle, dass es für endgültige Urteile zu früh ist – und dass hierzulande auch relativ früh reagiert wurde, um – bislang – das Schlimmste zu verhindern. Experten warnen davor, sich bereits in Sicherheit zu wägen über eine Einschätzung von Sars-Cov-2.

Immer wieder finden sich auch Angaben zu angeblichen „Heilmitteln“ – oder Gerüchte darüber, dass das Virus eine Biowaffe sei oder – basierend auf mangelnder Differenzierung zwischen Virusfamilie und Virus – vorher schon bekannt war. Oder, im Extremen, dass eine Verschwörung gegen die Bevölkerung läuft.

Gerade zu Beginn der Pandemie wurde diese oft als harmlos und die ergriffenen Maßnahmen als übertrieben dargestellt, auch von Ärzten und Wissenschaftlern. Wo verlaufen Grenzen zwischen legitimer wissenschaftlicher Diskussion und willkürlicher Interpretation von Daten?

Auch hier: Die Situation ist dynamisch. Während dieser Lage sind Daten lückenhaft und entsprechend einige Aussagen vorläufig. Das muss man aushalten – ebenso, dass sich, in den Grenzen der Verfassung, jeder äußern kann und es Widerspruch gibt. Für wissenschaftliche Studien gibt es weltweit akzeptierte Regeln, die über ihre Qualität urteilen lassen. Willkür beginnt da, wo man diese Regeln nicht einhält oder, in der laufenden Debatte, nicht transparent macht, wo genau die Lücken in den Daten oder im eigenen Wissen liegen.

Falsche Informationen können dazu führen, dass sich Menschen weniger schützen und Risiken aussetzen. Wie können Richtigstellungen mehr Menschen erreichen, gerade in sozialen Medien?

Wir beim #Faktenfuchs versuchen, unsere Recherchen nicht nur über die Webseite von BR24, sondern ganz stark über unsere Social-Media-Kanäle zu verbreiten – was auch gelingt. Wir haben deutlich mehr Verbreitung als zu anderen Zeiten. Wir sprechen auch im Hörfunk über unsere Recherchen. Grundsätzlich sollte aber jeder, dem in den sogenannten sozialen Medien, Desinformation begegnet, hinterfragen und widersprechen – auch mithilfe von Links zu gut recherchierten Faktenchecks.

Wie können Ärzte reagieren, wenn Patienten mit Verschwörungstheorien oder unbelegten Therapiewünschen an sie herantreten?

Nicht mit Spott oder Ärger. Sondern mit Zeit und der Ernsthaftigkeit eines sich sorgenden Arztes. Selbst Fragen stellen – nach den Bedenken, aber auch nach Quellen der Verschwörungsmythen oder Therapie-Ideen. Mit dem eigenen Wissen antworten, dieses belegen. Transparent machen, was der Stand des Wissens ist. Erklären, weshalb man bestimmte Schlüsse zieht. Menschen, die fest überzeugt sind von Verschwörungsmythen zum Beispiel, erreicht man eher nicht. Es geht immer um die Verunsicherten.

Mit welchen Methoden gehen Sie bei #Faktenfuchs vor, um Meldungen auf ihre Korrektheit zu überprüfen?

Wir recherchieren – wir rufen Expertinnen und Experten an, im eigenen Haus oder an Forschungsinstituten und in Behörden. Wir lesen Studien und andere Dokumente. Und wir machen deutlich, was wir wissen – und was nicht – oder noch nicht. Wenn falsche Bilder oder Videos – oder richtige Bilder im falschen Kontext – kursieren, machen wir Bilder-Rückwärtssuchen, zum Beispiel. Wir tragen so viele Hinweise und Informationen zusammen wie möglich.

Sophie Rohrmeier ist Teamlead bei #Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks. Mit ihren Kollegen dort ist sie zuständig für Faktenchecks und Hintergrundrechereche zu häufig gestellten Fragen. Zur Coronakrise wurden bereits eine Reihe von Überprüfungen durchgeführt.

  1. Risk communication and community engagement Managing the 2019-nCoV ‘infodemic’. World Helath Organization, Novel Coronavirus(2019-nCoV) Situation Report – 13, 02.02.2020

Bildquelle: © Sophie Rohrmeier

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