21. Oktober 2020

Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2020

Naturheilkunde in der Schmerzmedizin

In welchen Fällen sind naturheilkundliche Verfahren in der Schmerzmedizin sinnvoll? Und wann sollte man davon eher abraten? Dr. Marc Werner und Dr. Thomas Rampp, Oberärzte an den Evang. Kliniken Essen-Mitte, Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, sprechen hier über die Möglichkeiten und die Grenzen moderner naturheilkundlicher Therapien in der Schmerzmedizin.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Dieses Interview entstand in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS). Fragen: Marina Urbanietz, coliquio-Medizinredaktion

Welche naturheilkundlichen therapeutischen Ansätze gibt es heute in der Schmerzmedizin?

Dr. Werner: Die Naturheilkunde zielt auf viele Strukturen ab: Dazu gehören u.a. das vegetative Nervensystem, der Stoffwechsel, die fasziale Ebene sowie die Verhaltensebene. Hierfür benutzen wir die fünf naturheilkundlichen Grundsäulen und ergänzende Verfahren:

  • Wassertherapie
  • Pflanzentherapie
  • Ordnungstherapie
  • Bewegungstherapie
  • Ernährungstherapie
  • Ergänzende Verfahren (z.B. manuelle Therapie, Neuraltherapie, therapeutische Lokalanästhesie, Akupunktur)

Dr. Rampp: Ich würde noch gerne ergänzen, dass im Fokus unserer Behandlung der multimodale naturheilkundliche schmerztherapeutische Ansatz steht. Die multimodale Therapie kennt man bereits aus der klassischen Schmerzmedizin – in unserem Fall ist diese durch die oben genannten naturheilkundlichen Verfahren ergänzt.

In welchen Fällen ist die Naturheilkunde in der Schmerzmedizin sinnvoll? 

Dr. Rampp: Grundsätzlich als Ergänzung immer. Allerdings gibt es Fälle, die für die naturheilkundlichen Verfahren quasi prädestiniert sind. Es sind in erster Linie Patienten, die einerseits viele Nebenwirkungen unter der konventionellen Therapie haben und andererseits auch weiterhin von Schmerzen geplagt sind. Auch chronische therapieresistente Schmerzerkrankungen gehören zu den häufigsten Indikationen für die Naturheilkunde.

Gibt es auch Kontraindikationen?

Dr. med. Thomas Rampp, Oberarzt der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, <span>KEM</span> Evang. Kliniken Essen-Mitte.  Autor und Mitautor vieler Bücher und Fachartikel zum Thema naturheilkundliche Schmerztherapie
Dr. med. Thomas Rampp, Oberarzt der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, KEM Evang. Kliniken Essen-Mitte. Autor und Mitautor vieler Bücher und Fachartikel zum Thema naturheilkundliche Schmerztherapie

Dr. Rampp: Ja, auf jeden Fall. Bei akuten Geschehnissen, wie z. B. Cauda-equina-Syndrom, Stuhl- und Blasenentleerungsstörungen, Lähmungen oder einem akuten Bandscheibenvorfall mit schweren neurologischen Ausfällen kann man mit rein naturheilkundlicher Therapie sogar Schäden anrichten. Auch deshalb ist ein integratives Therapiekonzept aus Schulmedizin und Naturheilkunde entscheidend, um für jeden Patienten individuelle Methoden oder Kombinationen aus verschiedenen Methoden zu finden. Für manche Patienten bedeutet es eben auch, dass der Schwenk wieder zurück zur konventionellen Schmerztherapie unumgänglich und auch die beste Lösung ist.

Dr. Werner: Da kann ich nur zustimmen. Man muss die Grenzen der Naturheilkunde kennen. Gefährlich wird es immer dann, wenn man die konventionelle Therapie kategorisch ablehnt.

In Ihrer Klinik setzen Sie auf ein individualisiertes Reiz-Response-Konzept. Können Sie diese Methode genauer erläutern?

Dr. med. Marc Werner, Oberarzt der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, <span>KEM</span> Evang. Kliniken Essen-Mitte und Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftungsprofessur für Naturheilkunde, Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen
Dr. med. Marc Werner, Oberarzt der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, KEM Evang. Kliniken Essen-Mitte und Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftungsprofessur für Naturheilkunde, Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen

Dr. Werner: Mit unseren therapeutischen Methoden versuchen wir gezielte Impulse an relevante Stellen zu setzten. So wie nach einem Krafttraining ein Muskelwachstum folgt, versuchen wir z. B. durch Kälte-Reize die vegetative Regulation anzusteuern, mittels Fasten den Stoffwechsel zu beeinflussen oder durch manuelle Behandlung und Bewegungstherapie die Statik zu verbessern. Die Kunst ist es, für jeden einzelnen Patienten die naturheilkundlichen Reize so zu kombinieren und aufeinander abzustimmen, dass sich dadurch eine klinische Verbesserung ergibt.

Gibt es auch Nachteile?

Dr. Rampp: Die Wirksamkeit unserer Methoden ist meist an die Mitarbeit der Patienten gekoppelt. Die Patienten, die zu uns kommen, sich ins Bett legen und auf eine rundum Versorgung warten, ohne etwas dafür zu tun, werden unsere Methoden bestimmt als nachteilig empfinden. Eine wirksame Therapie ohne die Mitarbeit von Patienten können wir nicht anbieten – so wird man bei uns nicht geheilt.

Dr. Werner: Gerade bei längeren Krankheitsverläufen und ungünstigen Wirkfaktoren wird manchmal etwas mehr Zeit benötigt und die Veränderung von alten Mustern (Ernährung, Bewegung, Stressverarbeitung) kann für den Patienten anstrengend sein. 

Bieten Sie sowohl ambulante als auch stationäre Behandlung an?

Dr. Rampp: Wir haben drei Behandlungsmodi: stationäre Behandlung, tagesklinische Behandlung und auch ambulante Behandlungsstränge. Eine stationäre Behandlung wird natürlich nur dann angeraten, wenn die Patienten ambulant nicht mehr adäquat betreut werden können oder aber auch aufgrund extrem langer Anfahrtszeiten.

Welche sind die häufigsten Krankheitsbilder in Ihrer Klinik? 

Dr. Werner: Überwiegend behandeln wir nicht-krebsbedingte chronische Schmerzerkrankungen und chronische internistische Erkrankungen: Von Kopfschmerzen über entzündliche Gelenkserkrankungen bis hin zu degenerativen und funktionellen Schmerzerkrankungen. Mein Eindruck ist, dass diese Erkrankungen durch Einsamkeit, Stress und sozialen Druck in letzter Zeit zugenommen haben.

Wie können niedergelassene Ärzte ihre Patienten, für die naturheilkundlichen therapeutischen Methoden infrage kommen, zu Ihnen überweisen?

Dr. Werner: Wir haben eine reguläre Krankenhauszulassung, d.h. Patienten können durch Haus- oder Fachärzte eingewiesen werden. Im Kontext der MDK-Prüfungen ist es allerdings wichtig, dass der Patient hinreichend ambulante Therapie im Vorfeld erhalten hat. Was „hinreichend“ bedeutet, ist natürlich je nach Erkrankung immer unterschiedlich. Aus meiner Erfahrung können die niedergelassenen Kollegen dies jedoch gut abschätzen.

Dr. Rampp: Seit über zehn Jahren arbeiten wir erfolgreich mit zwei Krankenkassen zusammen. Mit der Techniker Krankenkasse haben wir ein gemeinsames Behandlungsprogramm für Rücken- und Kopfschmerzen, bei dem sowohl eine ambulante als auch eine stationäre Therapie möglich ist. Mit der Barmer Krankenkasse haben wir ein ähnliches Projekt für die Behandlung von KopfschmerzpatientenHierfür müssen Patienten von niedergelassenen Schmerzmedizinern oder Hausärzten in das jeweilige Programm eingeschrieben werden.

Für welche pflanzlichen Schmerzmittel gibt es aktuell gute Evidenz?

Dr. Werner: Die beste Evidenz gibt es z.B. für Weidenrinde, die in der nationalen Versorgungsleitlinie „Kreuzschmerz“ als Kann-Option aufgeführt ist. Zudem gibt es vielversprechende Studien für Brennnessel, Weihrauch oder Teufelskralle. Dazu muss ich sagen, dass wir in der Klinik einen starken nicht-pharmakologischen therapeutischen Ansatz haben und gerne auf die oben genannten Methoden setzen.

Wo können sich Ärzte über die unterschiedlichen naturheilkundlichen Methoden und ihre Anwendung in der Schmerzmedizin informieren?

Dr. Rampp: An unserem Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Universität Duisburg-Essen bieten wir eine naturheilkundliche Zusatzweiterbildung an, die von der Ärztekammer Nordrhein zertifiziert ist. Zudem befindet sich aktuell die 6. Auflage des Buchs „Schmerzmedizin“ (Herausgeber C. Maier, Hans-Christoph Diener, U.Bingel) im Druck, dort ist auch ein ausführliches Kapitel zu den naturheilkundlichen Verfahren in der Schmerzmedizin enthalten. Sowohl die Kurse als auch das Buch können wir allen interessierten Kollegen guten Gewissens empfehlen.

Mit rund 4.000 Mitgliedern setzt sich die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) für eine bessere Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen ein. Um die Schmerzmedizin zukunftsfähig zu machen, bietet die DGS neben der Fortbildung von Ärzten zum Erwerb der Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ ihre Fortbildungen auch Apothekern und Physiotherapeuten an, die in der Beratung und Betreuung von Schmerzpatienten tätig sind.

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Bildquelle: © Getty Images/andresr

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