23. April 2019

Interview

Sexualität in Zeiten des Internets

Seit das Internet ein fester Bestandteil unseres Alltags ist, hat es auch unsere Beziehungsgestaltung verändert, z.T. mit negativen Folgen für die psychische Gesundheit. Wie Sie als Behandler mit Patienten mit internetbezogenen Beziehungs-Störungen umgehen können, erklärt Frau Dr. med. Melanie Büttner.

Lesedauer: 5 Minuten

Interview und Redaktion: Laura Cabrera

Welche Auswirkungen hat das ständige sexuelle und interaktive Angebot des Internets auf Menschen?

Das Internet birgt Chancen und Risiken für Menschen, die online nach Liebe oder Sex suchen. Vor allem Personen, für die es sonst nicht so leicht ist, mit anderen date-bereiten Menschen anzuknüpfen, bietet das Internet viele Möglichkeiten. Vor allem Menschen in der Lebensmitte, die beruflich sehr eingespannt sind, nach einer Trennung vielleicht alleinerziehend oder die zu einer speziellen Personengruppe gehören, profitieren hiervon. Ich denke da zum Beispiel an homo- oder bisexuelle Menschen, Trans*-Personen oder Menschen mit Behinderungen, die es beim Offline Dating oft nicht so leicht haben, jemand Passenden in ihrer Umgebung zu finden.

Heute gehen wir davon aus, dass etwa jede dritte Partnerschaft online beginnt. Vielen Menschen macht das ständig verfügbare und unüberblickbare Online-Angebot aber auch Angst. Sie befürchten, Beziehungen könnten hierdurch zerstört werden, wir könnten gar beziehungsunfähig werden. Die bisherigen wissenschaftlichen Daten sprechen allerdings nicht hierfür. Letztlich scheint diesbezüglich vieles beim Alten, lediglich der Ort der Beziehungsaufnahme hat sich verlagert – wenn man so will vom Freundeskreis, Arbeitsplatz oder der Kneipe ins Netz. 

Ein anderes wichtiges Thema ist die Sexualisierung der Medien und das unfassbar große Angebot an Pornographie. Hier werden viele unrealistische Bilder von Sexualität transportiert, die von einem Teil der Menschen für bare Münze genommen werden. So entstehen neue Normen, Stereotype und Zwänge, unter denen nicht wenige Menschen leiden, weil sie versuchen dem zu entsprechen. 

Welche Störungsbilder werden besonders vom Internet geprägt?

Vor allem seit der Jahrtausendwende verzeichnen wir einen Anstieg an Lustlosigkeit, Erektionstörungen und Orgasmusproblemen bei Männern, die von verschiedenen Experten mit dem stark angewachsen Pornographieangebot in Verbindung gebracht werden. Es besteht die Vermutung, dass es v.a. bei denjenigen, die viel und regelmäßig Pornos konsumieren, durch die ständige Exposition mit sogenannten „supernormalen Stimuli“ zu einer Konditionierung auf die oft extremen Reize kommt, die in Pornos dargestellt werden. Ein immergleicher fester Partner mit einem ganz normalen Körper, der nicht ausgefallene Sextechniken mitmacht, löst dann einfach kein Verlangen und keine Erregung mehr aus. 

Auch Pornosucht wird immer mehr zum Thema. Schon Jugendliche weisen zum Teil erste Anzeichen einer Abhängigkeit auf. Gleichzeitig ist Pornokonsum vor allen Dingen bei männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr verbreitet. Etwa jeder zweite männliche Neuntklässler schaut mittlerweile regelmäßig Pornos, obwohl hierfür eine Altersbeschränkung ab 18 Jahren besteht. Kinder und Jugendliche werden heute auch häufiger unfreiwillig mit pornographischen Inhalten konfrontiert, die sie belasten. Die gängigen Mainstream-Pornos enthalten häufig Gewaltdarstellungen, die vor allem die sehr jungen Menschen überfordern, die noch in ihrer sexuellen Entwicklung begriffen sind. Hier sind Schulen und Eltern gleichermaßen gefragt, Kinder und Jugendliche gut darauf auf das vorzubereiten, was ihnen begegnen kann und ihnen eine Orientierung und Einordnung zu ermöglichen.

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Geschlechtern?

Gerade das Thema Porno ist bei männlichen Jugendlichen und Erwachsenen viel verbreiteter als bei Mädchen und Frauen. Gleichzeitig stehen aber beide Geschlechter unter Leistungsdruck, was die Erfüllung der neuen sexuellen Normen betrifft. Vor allem die jüngeren Generationen – die sogenannten Millenials, die in den 80ern und 90ern geboren sind, und die Digital Natives, die mit dem Internet aufgewachsen sind, spüren diese Anforderungen. Beim Online-Dating haben die Frauen die Nase etwas vorn, wenn es um die Suche nach einem Lebenspartner geht. Männer hingegen suchen deutlich häufiger als Frauen nach unverbindlichen sexuellen Kontakten. 

Welche Risikofaktoren bringen Betroffene mit, die sie vulnerabler machen für die Folgen des Internets? Oder wird jeder von uns in seinem sexuellen Verhalten und Denken beeinflusst?

Wer Selbstwertprobleme hat, ist z. B. besonders anfällig für Beeinflussungen durch die sexualisierten Medien und entwickeln auch besonders leicht sexuelle Probleme, die damit in Verbindung stehen. Menschen, die sich nicht gut abgrenzen und behaupten können, lassen sich etwa leichter dazu verleiten, Nacktfotos an einen Online-Kontakt zu schicken oder eine ihnen eigentlich fremde Person zu treffen, weil diese sie dazu drängt. Auf diese Weise werden Betroffene leicht Opfer von Gewalttaten. Und Menschen mit einer Suchtneigung – sei es Alkohol-, Medikamenten- oder Arbeitssucht – docken besonders leicht an das Suchtmedium Porno an. Häufig bilden besondere Lebensbelastungen in der Biografie oder im Alltag der Betroffenen den Hintergrund dieser Vulnerabilitäten. 

Welche Herangehensweisen können Sie Ihren therapeutischen Kollegen in der Behandlung von internetbezogenen Störungen empfehlen?

Wichtig ist es, die verschiedenen Risikofaktoren, die mit dem Internet in Verbindung stehen, im Blick zu haben, um solche Einflüsse auf eine bestehende Symptomatik aufdecken zu können. Mit diesem Wissen lassen sich bestehende Therapiekonzepte dort ,wo es nötig ist, erweitern. Die Betroffenen kommen ja zumeist nicht wegen internetbezogener Störungen in die Therapie, sondern zum Beispiel wegen einer psychischen Erkrankung, wie etwa einer Depression. Oder sie erleben Schwierigkeiten in der Sexualität, mit denen sie sich in einer Therapie auseinandersetzen möchten. Um Belastungen, die mit dem Internet in Verbindung stehen, erkennen und gut begleiten zu können, ist es notwendig, sich in dieser Lebenswelt der Betroffenen auszukennen. Aber natürlich gibt es auch spezielle Therapiekonzepte, die beispielsweise zur Behandlung einer Pornosucht eingesetzt werden können. 

Und welche Fallstricke gibt es bei der Therapie?

Einer der wichtigsten Fallstricke ist die Berührungsangst, die viele Therapeuten empfinden, wenn es darum geht, sich mit der Sexualität ihrer Patientinnen und Patienten zu befassen. Das kann dazu führen, dass ein Problem in diesem Bereich zum Hemmschuh für Weiterentwicklung und einen guten Therapieverlauf wird. Bis heute haben viele Therapeuten im Kopf, dass es sich dabei um ein Thema handelt, um das man sich kümmern kann, wenn irgendwann „Zeit dazu“ ist. So kann es aber z. B. leicht passieren, dass ich eine Pornosucht, eine sexuelle Funktionsstörung oder ein Beziehungsproblem übersehe, die oder das mit dafür verantwortlich ist, dass es zu einer Depression gekommen ist. Als Therapeuten können wir uns nicht darauf verlassen, dass unsere Patienten diese Themen in der Therapie ansprechen. Fragen wir nicht proaktiv nach, bleiben die Betroffenen mit diesen Problemen alleine.

Zur Person:
Dr. med. Melanie Büttner. Ärztin, Sexual- und Traumatherapeutin, betreut die Sprechstunde für sexuelle Störungen der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar (TU München) und ist Herausgeberin und Autorin des Fachbuches “Sexualität und Trauma: Grundlagen und Therapie traumaassoziierter sexueller Störungen“. Im ZEIT-ONLINE-Podcast „Ist das normal?” beantwortet sie Fragen rund um das Thema Sexualität.

  1. Titelbild: © istock.com/gorodenkoff
  2. Artikelbild: © istock.com/stnazkul
  3. Artikelbild: © istock.com/KatarzynaBialasiewicz

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