08. April 2020

Interview

„Durch die Maßnahmen schieben wir die Welle in die Zukunft“

Prof. Dr. Martin Eichner, Epidemiologe an der Universität Tübingen, hat einen Simulator der Covid-19-Epidemie entwickelt. Im Interview berichtet er über die Wirkung von Maßnahmen und wann die Fallzahlen eingedämmt werden können.

Lesedauer: 2 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Sie haben mit CovidSIM einen Simulator für verschiedene Szenarien der Ausbreitung von SARS-CoV-2 entwickelt. Welche Faktoren können hier verändert werden?

Einflussfaktoren, die simuliert werden können, sind unter anderem die Zahl der Infektionen, die Inkubationszeit, die Zeit der Hospitalisierung, die Schwere der Erkrankung oder die Reproduktionsrate. Das können Sie gerne unter http://covidsim.eu ausprobieren.

An welchen Stellen hat die Simulation noch Schwachstellen, da noch Informationen fehlen?

Eigentlich überall. Viele der Anteile kommen aus der Literatur oder von einer WHO-Seite, aber die Schätzungen dieser Anteile (wie viele der Infizierten krank werden oder wie viele ins Krankenhaus oder auf die Intensivstation müssen etc.) ist noch nicht völlig klar. Auch die Frage, wie viele Personen von einer Person im Mittel angesteckt werden (R0), ist noch nicht völlig geklärt. Wir bauen CovidSIM gerade um, damit wir auch altersabhängige Einstellungen machen können und altersabhängige Interventionen beurteilen können (also z.B. Schulschließungen).

Wie wirken sich der derzeit ergriffenen Maßnahmen zur Kontaktreduzierung in Deutschland auf die Verbreitung aus?

Die derzeitigen Kontaktmaßnahmen bewirken, dass sich weniger Leute anstecken. Im Umkehrschluss heißt das aber auch „dass weniger Leute immun werden“. Im Wesentlichen gewinnen wir damit Zeit. Wir haben die Pandemie aber damit nicht bewältigt. Im Simulator zeigt sich, dass man durch solche Maßnahmen die pandemische Welle (die noch auf uns zu kommt) immer weiter in die Zukunft schiebt – bis man dann doch wieder Kontakte zulässt.

Was würde passieren, wenn die Auflagen schrittweise oder komplett aufgehoben würden?

Dann wird es sicher auch schrittweise wieder zu mehr Infektionen kommen. Die Infektion wird sich weiter ausbreiten, solange noch nicht die oft genannten 2/3 der Bevölkerung immun sind. Wir können uns immer wieder „Pausen“ verschaffen, in denen die Zahl neuer Fälle nicht wächst oder sogar fällt, aber wenn wir damit aufhören, dann wachsen die Zahlen wieder.

Liese sich die Ausbreitung so lange ausbremsen, bis ein Impfstoff für die Bevölkerung zur Verfügung steht? Experten gehen hier von 12-18 Monaten aus?

Wollen wir wirklich die Kontaktreduktion auf dem gegenwärtigen Level für über ein Jahr lang durchziehen? Damit könnte dieses Ziel erreicht werden.

Welche Strategie wäre zur Eindämmung von SARS-CoV-2 rechnerisch ideal?

Das kommt darauf an, was man mit „Eindämmung“ meint. Wenn unsere Grundannahmen stimmen, werden mindestens 2/3 der Bevölkerung die Infektion durchmachen müssen. Wenn Interventionen vorher aufhören, werden die Fallzahlen wieder steigen.

Prof. Dr. Martin Eichner arbeitet am Institut für klinische Epidemiologie und angewandte Biometrie (IKEAB) der Eberhard Karls Universität Tübingen. Zusammen mit dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg hat er das interaktive Simulationsmodell CovidSIM entwickelt. Außerdem ist er Geschäftsführer der Epimos GmbH, die mathematische Modelle u.a. zu viralen Erkrankungen erarbeitet.

Bildquellen: © Getty Images/gremlin ; © Martin Eichner

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