18. Juni 2019

Interview

Wenn das Internet zur Sucht wird

Internetspielsucht wird im ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation erstmals als Krankheit anerkannt. Doch welche anderen Abhängigkeitsgefahren lauern im Netz?

Lesedauer: 3 Minuten

PD Dr. Bert te Wildt, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, im Interview mit Christoph Renninger.

Ab wann wird die Internetnutzung klinisch relevant?

te Wildt: Entscheidend ist nicht allein die Zeit, die jemand mit Anwendungen im Internet verbringt, sondern die Symptome. Es geht darum, ob jemand ein typisch süchtiges Verhalten aufweist, mit Kontrollverlust, gedanklicher Einengung auf das Suchtmittel oder auch Entzugserscheinungen.

Eine Diagnose im engeren Sinne wird gestellt, wenn mindestens ein Lebensbereich durch das Suchtverhalten nachhaltig negativ beeinflusst wird. Menschen, die internetsüchtig sind, vernachlässigen häufig den eigenen Körper, die sozialen Beziehungen, wie Partnerschaft oder Freundschaften, oder auch die Ausbildung, das Studium oder den Beruf.

Wenn jemand trotz der negativen Auswirkungen der Sucht weiter dem Verhalten nachgeht, auch um sich darüber hinweg zu trösten, dann haben wir den typischen Kreislauf der Sucht. Das Internet wird zum einzigen Ort, an dem noch etwas Positives erlebt wird.

Welche Varianten der Internetabhängigkeit gibt es?

te Wildt: Eine allgemeine Abhängigkeit vom Internet spielt bislang nur eine untergeordnete Rolle, was sich aber noch ändern kann.

Am häufigsten, bei mehr als die Hälfte der Patienten, besteht eine Online-Computerspielsucht, vor allem von onlinebasierten Rollenspielen, Strategiespielen und Shootern. An zweiter Stelle stehen die Onlinesex-Süchtigen, die abhängig sind von Pornographie, Chats oder Datingapps. An dritter Stelle steht die Abhängigkeit von sozialen Medien, ein relativ neues Phänomen, welches im klinischen Kontext bislang noch selten vorkommt.

Während bei den erstgenannten Abhängigkeiten vor allem Männer betroffen sind, gibt es bei sozialen Medien mehr abhängige Frauen.

Zudem beobachten wir zunehmend Menschen, die von Online-Videodiensten oder Streamingangeboten (z.B. Youtube oder Netflix) abhängig werden. Wir müssen uns darauf einstellen, dass noch weitere Varianten dazukommen, da sich das Internet weiterentwickelt.

Auch bekannte Abhängigkeiten, wie Glücksspiel- und Kaufsucht, verlagern sich immer mehr auf eine virtuelle Ebene.

Welche Merkmale bringen Betroffene häufig mit?

te Wildt: Besonders gefährdet sind Menschen mit bestimmen Eigenschaften, wie Unsicherheit und Ängstlichkeit oder einem niedrigen Selbstwertgefühl, aber auch Menschen, die besonders impulsiv sind und alle Bedürfnisse sofort erfüllt haben wollen, andere, wichtige Aufgaben jedoch aufschieben (Prokrastination).  

Typische Komorbiditäten von Internetsüchtigen sind daher vor allem Depressionen, Angsterkrankungen, soziale Phobien und ADHS.

Wie sollten Therapeuten bei internetabhängigen Patienten vorgehen?

te Wildt: Es gibt noch wenige Therapiestudien, die Auskunft über die Wirksamkeit der Behandlungsstrategien geben können. Am meisten Erfolg verspricht, wie bei anderen substanzgebundenen Suchterkrankungen, eine störungsspezifische, verhaltenstherapeutische Behandlung in Gruppen und möglichst manualisiert.

Zunächst erfolgt die Behandlung ambulant. Manche Patienten sind aber so schwer betroffen, dass eine stationäre Behandlung notwendig ist, mit Entzug und Entwöhnung. Hierbei geht es einerseits darum, die Kontrolle über das Internet zurückzuerlangen und eine Abstinenz von Computerspielen oder Cybersex zu erzielen.

Andererseits müssen alternative Handlungsspielräume angeboten und entwickelt werden, da die Patienten plötzlich 10-12 Stunden mehr zur Verfügung haben und häufig nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Die Therapie soll helfen wieder einen lebendigen, erfüllenden Alltag erleben zu können, mit sozialen Kontakten und neuer Leistungsfähigkeit.

Gibt es Möglichkeiten, wie Online-Sucht schon in der Entstehung verhindert werden könnte?

te Wildt: Wichtig ist die Prävention besonders im Hinblick auf Kinder und Jugendliche. Je früher und intensiver man mit dem Internet in Kontakt kommt, gerade mit Inhalten, die süchtig machen können (etwa Computerspiele oder Pornographie), desto größer ist die Gefahr einer Suchtentwicklung.

Für Familien ist es wichtig, zu prüfen, ob es überhaupt noch Zeiten, Räume und Situationen gibt, in denen alle digitalen Medien ausgeschaltet sind.

Im Moment sind die meisten von uns auf die ein oder andere Weise permanent online und müssen uns bewusst Reservate des analogen Lebens schaffen. Das können die erste oder letzte Stunde des Tages sein, die gemeinsamen Mahlzeiten oder Orte wie das Schlaf- oder Badezimmer. Hierbei müssen vor allem Eltern gute Vorbilder sein.

Zur Person: PD Dr. Bert te Wildt, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, leitet die Psychosomatische Klinik Kloster Dießen am Ammersee. Medienabhängigkeit zählt seit Jahren zu seinen Arbeitsschwerpunkten. Neben seiner ärztlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit verfasst er Fachbücher, zuletzt „Digital Junkies: Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder“.

Bildquellen: © istock.com/patat; privat

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