23. Februar 2019

Interview mit Dr. Helmut Kolitzus

“Sucht ist die häufigste Diagnose in der gesamten Medizin“

Hoher Alkoholkonsum, Medikamentenmissbrauch oder illegale Drogen – Sucht und Abhängigkeit sind allgegenwärtige Probleme, auch in medizinischen Fachkreisen. Welche Heransgehensweisen gibt es für diese Problematik?

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Herr Dr. Kolitzus, schon lange beschäftigen Sie sich mit dem Thema „Sucht“, auch unter Ärzten. Welche Abhängigkeiten sind unter Kollegen am weitesten verbreitet? Welche Besonderheiten bestehen im Vergleich zu anderen Berufsgruppen?

Dr. Helmut Kolitzus Am häufigsten ist, wie in der übrigen Bevölkerung, die Alkohol-Problematik. Daneben besteht für die Kollegen eine große Griffnähe zu Medikamenten. Das verführt zum Gebrauch, Missbrauch und schließlich zur Abhängigkeit von Benzodiazepinen, Schmerzmitteln oder Betäubungsmitteln. Die Statistik zeigt eine überdurchschnittliche Betroffenheit bei Ärzten. Gleichzeitig sind aber auch die Therapie-Ergebnisse besser als bei anderen Berufsgruppen, ähnlich wie bei Piloten.

Das Syndrom der Coabhängigkeit ist in Kliniken ausgeprägt. Man traut sich lange nicht zu konfrontieren, im Sinne von „Schnaps ist Schnaps – und Dienst ist Dienst“. Vorgesetzte machen sich mitschuldig und sind mit verantwortlich, wenn sie wegschauen, obwohl es schon jeder weiß.

Etwa 1,8 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig. Dennoch sind Alkoholprobleme noch oft ein Tabuthema zwischen Arzt und Patient. Wie kann ein problematischer Konsum thematisiert werden?

Dr. Helmut Kolitzus Auch die weit höhere Zahl der Missbraucher richten bei sich und ihrer Umgebung eine Menge Schaden an! „Arzt und Alkoholiker gehen sich aus dem Weg.“ Diese schillernde Formulierung von Professor Walter Schulte bedeutet am ehesten: im Zusammenspiel meidet man das Thema gerne.

Mehrfach haben mir Patienten berichtet, dass Kollegen versucht haben, ihnen die klare Diagnose wieder auszureden: „Ich gratuliere Ihnen. Sie sind gar kein Alkoholiker!“ Ärzte sind wie angedeutet selbst überdurchschnittlich betroffen. Nicht nur bei hübschen Privatpatientinnen schaut man gerne weg. Würde ich die Patienten womöglich verlieren, wenn ich das peinliche Thema anspreche?

Im Nachhinein, nach Entgiftung und Entwöhnung, beschweren sich Patienten nicht selten und völlig zurecht, dass man sie nicht adäquat behandelt hat. Bei anderen Diagnosen spricht man schnell von „Kunstfehler“. Wieso ist das Übersehen von Sucht keiner? Sucht – von „siech“ – ist die häufigste Diagnose in der gesamten Medizin. Sie wird nur zu selten gestellt!

Ganz nebenbei sind 15 % der erwachsenen Bevölkerung und nicht wenige Jugendliche Nikotin-abhängig. Etwa die Hälfte davon wird letzten Endes daran sterben. Auch das sollte in Arztberichten dokumentiert und codiert werden.

Mit welchen Methoden versuchen Sie Betroffenen beim Weg aus der Sucht zu helfen?

Dr. Helmut Kolitzus Ohne Leidensdruck geht niemand zum Arzt oder gar zum „Irrenarzt”. Erst wenn körperlich, psychisch oder sozial z.B. in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz ernsthafte Probleme auftauchen, entsteht die Bereitschaft zur Therapie, kurz gefasst die drei FFF: Frau, Firma, Führerschein.

Wer zu mir kommt, ist in der Regel abhängig. Nicht selten sind es sogar Partner, Kinder oder Mütter, die schon vor den Betroffenen bei mir anfragen. Nicht wenige fragen, ob denn auch ihnen Therapie zustehe, natürlich ja. Der Leidensdruck ist in der Umgebung oft lange Zeit viel höher als beim Suchtkranken, der seine Gefühle mit Substanzen manipuliert und betäubt.

Hinter so mancher angeblichen „Depression“ steckt in Wirklichkeit ein Alkoholproblem. Der Verzicht auf das Nervengift Alkohol führt fast immer zur Stimmungsaufhellung bis hin zur Euphorie, auch „Honeymoon“-Phase genannt. Der Schlaf normalisiert sich, Gewichtsabnahme ist nahezu garantiert.

Das falsche Konzept des „kontrollierten Trinkens“ führt oft zu weiteren Leidenszeiten bei allen Beteiligten. Suchtkranke berufen sich darauf, besuchen teure Seminare, trinken angeblich „kontrolliert“ weiter, um irgendwann festzustellen, dass das ein gefährlicher Irrweg ist. Ich konfrontiere ganz sachlich mit den Fakten, ohne erhobenen Zeigefinger.

Für die Psychotherapie verlange ich Abstinenz. Bei Rückfällen, die es natürlich gibt, besprechen wir die emotionalen Auslöser. Die klare Regel hilft, wie mir u.a. ein Brief eines Kollegen nach 18 Jahren gezeigt hat: „Ohne Ihre klare Ansage hätte ich heimlich weitergetrunken.“ So hatte der Mann seine Ehe gerettet und ist beruflich nach beginnendem Abstieg erfolgreich aufgestiegen.

Erfahren Sie im zweiten Teil des Interviews mehr über die Probleme der Angehörigen von Suchtkranken und wie bei Co-Abhängigkeit agiert werden kann.

Bildquelle: © istock.com/axelbueckert

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