12. April 2019

Interview mit Priv.-Doz. Dr. Elisabeth Meyer

Fake News in der Medizin

„Alternative Fakten“ war 2017 das Unwort des Jahres. Auch in der Medizin werden wissenschaftliche Erkenntnisse infrage gestellt und Falschnachrichten finden zunehmende Verbreitung, insbesondere in sozialen Netzwerken.

Lesedauer: 3 Minuten

Priv.-Doz. Dr. Elisabeth Meyer, Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité, im Gespräch mit Christoph Renninger.

Welche „Fake News“ sind im medizinischen Bereich im Umlauf?

Elisabeth Meyer: Ein Klassiker sind Virusleugner, mit dem Paradebeispiel, dass das HI-Virus nicht existiere und nur eine Erfindung der Pharmaindustrie sei, um großen Profit zu machen. Auch um andere Viren, wie Ebola als Biowaffe oder SARS ranken sich Verschwörungstheorien.  

Ein weiteres Beispiel sind Impfgegner, welche die WHO als eine der 10 größten Bedrohungen für die weltweite Gesundheit eingeschätzt hat, neben Luftverschmutzung oder Antibiotikaresistenzen. Von Impfgegnern werden Zusammenhänge, etwa zwischen Autismus und der Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR), konstruiert. Dies wurde mehrfach widerlegt, ganz aktuell in einer großen dänischen Studie mit über 650.000 Kindern.

Auch Raubjournale und Fake-Konferenzen sind ein Problem in der Medizin, wie der Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung im vergangenen Jahr aufgedeckt hat. Gegen Bezahlung können Arbeiten ohne Peer Review publiziert werden und erscheinen im wissenschaftlichen Gewand.

Welche Folgen können derartige Theorien haben?

Elisabeth Meyer: In Südafrika wurde die virale Genese von AIDS sogar von der Regierung unter Thabo Mbeki geleugnet. Selbst die Gesundheitsministerin (Manto Tshabalala-Msimang, Anm. d. Red.) hat die Behauptung vertreten, dass antivirale Therapien die Menschen vergiften. Die Regierung kann dafür verantwortlich gemacht werden, dass letztlich über 330.000 Menschen nicht die entsprechende, wirksame Therapie erhalten haben. Stattdessen wurden Behandlungen mit Knoblauch, Yamswurzeln oder hochdosierten Vitaminpräparaten empfohlen.

Auch der Irrglaube, dass Sex mit Jungfrauen vor HIV-Infektionen schütze, hat die Verbreitung des Virus in Afrika noch weiter gefördert.

Raubjournale wirken auf den ersten Blick häufig seriös. Wie können Experten und Laien sie als solche erkennen?

Elisabeth Meyer: In der Wissenschaftsgemeinschaft ist meist bekannt, welche Zeitschriften ein strenges Peer Review-Verfahren und einen hohen Impact-Factor haben. Trotzdem werden auch immer wieder wissenschaftlich anmutende Konferenzen veranstaltet, mit einem breiten Themenspektrum und ohne kritische Fragen. Zur Unterscheidung ist eine gewisse Medienkompetenz notwendig: Bei Veranstaltungen sollte man nicht nur den Titel lesen, sondern auch die Themen und den Veranstalter prüfen.

Außerdem ist es wichtig, dass wir auf bestimmte Institutionen vertrauen können, wie z.B. das Robert-Koch-Institut oder die WHO.

Was kann man als Arzt oder Wissenschaftler gegen Verschwörungstheorien unternehmen?

Elisabeth Meyer: Von großer Bedeutung ist eine verständliche Darstellung der eigenen Ergebnisse für die Öffentlichkeit. Vielleicht muss man hier auch neue Wege bei der Kommunikation beschreiten, beispielsweise in den sozialen Medien, mit all ihren Vor- und Nachteilen. Ein positives Beispiel für ein solches Engagement ist das Cochrane-Netzwerk.  

Häufig reicht es nicht aus, eine Falschmeldung einmalig zu korrigieren, da unbewusst eine Verknüpfung bestehen bleibt, wie beim Beispiel Autismus und Impfen.

Was müsste auf (berufs-)politischer Ebene geschehen?

Elisabeth Meyer: Es gibt eine Tendenz in der Wissenschaft, dass „Fake News“ häufig ignoriert werden, da die Auseinandersetzung lästig sein kann. Gerade aber, wenn das Leben von Menschen auf dem Spiel steht, wie bei der Leugnung von Viren oder abstrusen Krebstherapien, sollte es harte Sanktionen geben. Wer solche Theorien vertritt, dem sollte die Approbation aberkannt werden.

Außerdem sollten teure, unwirksame Therapien nicht von der Allgemeinheit durch Krankenkassen finanziert werden. Es gibt in Deutschland nur wenige Krankenkassen, die Homöopathie nicht bezahlen. Hier wird eine Therapieform, die über den Placebo-Effekt hinaus keine Wirkung hat, subventioniert. Das hat für mich nichts mit Wissenschaft zu tun.  

Priv.-Doz. Dr. med. Elisabeth Meyer ist Hygienikerin und Internistin an der Charité in Berlin. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehören neben der Prävention nosokomialer Infektionen die Epidemiologie von Infektionserkrankungen und Entwicklung von Antibiotikaresistenzen.

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Bildquelle: © istock.com/Eoneren

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