02. April 2020

Interview

Covid-19: Ärztin berichtet aus Österreich

Dr. Melanie Wohlgenannt ist Ärztin für Allgemeinmedizin mit eigener hausärztlicher Praxis in Innsbruck. Wir haben mit ihr über die Situation in ihrer Praxis, die aktuelle Lage in Österreich und ihren Kampf für klare und verständliche Handlungsanweisungen gesprochen.

Lesedauer: 4,5 Minuten

Interview: Marina Urbanietz

Vergangene Woche hat Österreich eine erfreuliche Nachricht vermeldet: Die Zahl der bestätigten Infektionen stieg nicht mehr so stark an. Doch dann schossen die Zahlen erneut in die Höhe. Wie würden Sie diese Entwicklung erklären?

Dr. Melanie Wohlgenannt, Ärztin für Allgemeinmedizin (Innsbruck)
Dr. Melanie Wohlgenannt, Ärztin für Allgemeinmedizin (Innsbruck)

Dr. Wohlgenannt: Während die Zahlen in einigen Bundesländern etwas zurückgegangen sind, kamen in den anderen Teilen Österreichs neue Fälle hinzu. So waren am Anfang in erster Linie die Grenzregionen zu Italien betroffen, wie z. B. Tirol. Nun meldet auch Oberösterreich immer mehr Fälle.

Was können Sie zur aktuellen Lage in Österreich sagen?

Dr. Wohlgenannt: Aktuell wird bei uns noch zu wenig getestet, weil wir nicht genug Test-Kits haben. Die Bundesregierung hat allerdings versprochen, dass wir bald Nachschub bekommen. Zudem sind auch die Testkriterien zu strikt. Tests von Menschen, die meiner Meinung nach als Kontaktpersonen definiert werden müssten, werden abgelehnt. Unter anderem auch deshalb gehe ich aktuell von einer hohen Dunkelziffer aus.

Wie bewerten Sie die Maßnahmen der österreichischen Regierung?

Dr. Wohlgenannt: Da wir mitten in der Skisaison waren, sprechen wir über Millionen von Touristen, die sich in Österreich aufgehalten haben. Die Maßnahmen der Regierung sind gut und richtig, leider kamen sie etwas verspätet, wie in den meisten anderen Ländern ja auch.

Erstaunlicherweise war der Ernst der Lage auch vielen Kollegen erst sehr spät bewusst geworden. Eine gute Bekannte von mir, selbst Ärztin, wurde vor ein paar Wochen positiv getestet. Kurz davor waren wir gemeinsam Essen. Ich habe allerdings erst vor ein paar Tagen davon erfahren und bei mir nun einen tiefen Nasen-Rachen-Abstrich durchgeführt. Unsere Hotline habe ich erst gar nicht angerufen, weil bei mir aufgrund fehlender Symptomatik laut den aktuellen Richtlinien keine Testung auf SARS-CoV-2 indiziert ist.

Wie ist die aktuelle Situation in Ihrer Praxis?

Dr. Wohlgenannt: Ich habe getrennte Sprechstunden eingeführt: Zwischen 8 und 11 Uhr habe ich nur nicht-infektiöse Patienten ohne Symptome, wie Husten, Gliederschmerzen und Schnupfen. Ab 11 bis 13 Uhr kommen dann Patienten mit dieser Symptomatik. Diejenigen, die aus den Risikogebieten kommen oder Kontakt zu bereits infizierten Personen hatten, dürfen nicht in die Praxis kommen. Sie müssen sich telefonisch melden und dann wird das weitere Vorgehen besprochen.

Derzeit – wir sind aktuell am Ende der zweiten Quarantänewoche in Tirol – erlebe ich immer mehr Patienten in der Praxis, die sich mit Durchfall (1 Tag), starken Bauchschmerzen und Fieber präsentieren. Dies könnten natürlich auch Symptome von Covid-19 sein.

Und wie sieht die Situation in den österreichischen Kliniken aus?

Dr. Wohlgenannt: Bei uns in Tirol haben die meisten Patienten bisher einen milden Verlauf, deshalb haben wir aktuell noch genug verfügbare Intensivbetten. Die Situation kann sich natürlich jederzeit ändern.

Wo gibt es aktuell die größten Probleme?

Dr. Wohlgenannt: Auch bei uns in der Praxis stellt die fehlende Schutzausrüstung das größte Problem dar. Ich habe bereits Mitte Januar versucht, mehr Schutzmasken zu bekommen – alle Bestellungen wurden angenommen, aber es kam bis heute nichts an.

Die Gesundheitsbehörde und die Ärztekammer haben uns vergangene Woche Schutzmasken geliefert – es sind nicht viele, aber wir sind über jede einzelne Maske froh.

Fühlen Sie sich zu Covid-19 gut informiert?

Dr. Wohlgenannt: Die Anlaufschwierigkeiten waren enorm – vor allem die Informationen unserer Ärztekammer waren sehr dürftig. Mittlerweile wird die Webseite laufend aktualisiert. Ich glaube aber ohne den Druck von uns, Ärzten, wäre dort immer noch nichts passiert.

Hier in Innsbruck haben sich alle Ärzte für Allgemeinmedizin organsiert und Druck auf die Kassenärztliche Vereinigung ausgeübt – in erster Linie über E-Mails und Anrufe, aber auch über die Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Zudem sind manche Kollegen an die Presse gegangen – dies zeigte aus meiner Sicht die größte Wirkung.

Was würden Sie deutschen Ärztinnen und Ärzten empfehlen?

Dr. Wohlgenannt: Ärzte müssen nach klaren, einheitlichen und nachvollziehbaren Handlungsanweisungen verlangen. Am Anfang hieß es, niedergelassene Ärzte müssen selbst wissen, wie sie zu handeln haben. Zudem sind sie auch für den ausreichenden Schutz ihrer Mitarbeiter und Patienten zuständig. Wir haben uns dann zusammengeschlossen und mit Praxisschließungen gedroht.

Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sollten in die Entscheidungen über die Präventionsmaßnahmen eingebunden werden. Mit dem Anstieg der Covid-19-Fallzahlen ändert sich auch die Falldefinition, damit auch die Definition der Personen, die getestet werden müssten. Dies sollte von den zuständigen Behörden klar kommuniziert werden.

Antikörperbestimmungen für Gesundheitspersonal: Außerdem wünsche ich mir die Durchführung von Antikörperbestimmungen – vor allem für das Gesundheitspersonal – um Personen mit vielleicht schon im Februar durchgemachten leichten oder stillen Infektionen ausfindig zu machen.

All dies würde ich auch meinen deutschen Kolleginnen und Kollegen ans Herz legen – sich organisieren und gemeinsam von den Kammern oder Berufsverbänden nach der nötigen Unterstützung verlangen.

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