24. September 2020

Die Höhenkrankheit – Gefahr erkennen & richtig handeln

Bei der Behandlung der Höhenkrankheit ist entscheidend, die Gefahr rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Alle Informationen zu Symptomen, Verlaufsformen und den empfohlenen Maßnahmen finden Sie in der folgenden Übersicht.

Lesedauer: 4 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling

Höhenkrankheit: Drei Verlaufsformen

Alle Aspekte der Höhenmedizin basieren auf der Grundlage, dass der Luftdruck mit steigender Höhe kontinuierlich abnimmt. Durch zunehmende Hypoxie in Kombination mit Kälte, trockener Luft und höherer UV-Strahlung lässt die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit in der Höhe nach.1 Akute Anpassungsreaktionen des Körpers können die Einschränkung des maximalen Sauerstofftransportes nicht verhindern. Höhenkrankheiten treten durch Sauerstoffmangel bei Personen auf, die – ansonsten gesund – zu schnell und nicht ausreichend akklimatisiert in zu große Höhen gelangt sind.2

Unter dem Oberbegriff Höhenkrankheiten werden drei Verlaufsformen subsummiert. Die akute Bergkrankheit, das Höhenlungenödem und das Höhenhirnödem. In allen Fällen ist ein frühzeitiges Erkennen und eine rasche Behandlung wichtig.3 Daher lautet ein Grundsatz der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin, zunächst jede Gesundheitsstörung im Gebirge im Zweifel als höhenbedingt anzusehen und auf entsprechende Frühzeichen zu achten.1

  • Bei gesunden Personen kann die akute Bergkrankheit (acute mountain sickness, AMS) ab einer Höhenlage von 2.500 m auftreten4, die Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin weist dabei jedoch auf individuelle Abweichungen hin.1 Die akute Bergkrankheit kann demnach auch in den Alpen auftreten, ist dort aber selten gefährlich, da in der Regel ein rascher Abstieg möglich ist.5 Nicht an die Höhe adaptiert, sind erfahrene Bergprofis und Einsteiger dem gleichen Risiko ausgesetzt – ab einer Höhe von 3.000 m sind, je nach Quelle, zwischen 10 und 30 % der Bergsteiger betroffen. Bei einer Höhe über 4.500 m weisen 50-80 % der Nicht-Angepassten Symptome auf.6
    Tückisch ist das Auftreten allgemeiner Symptome wie Kopfschmerz und Schwindel oder psychiatrischer Störungen wie Überaktivität und unvernünftiges bis riskantes Verhalten, die häufig toleriert werden, in der Folge aber schwere Unfälle auslösen können.3

  • Ohne Vorerkrankungen tritt das Höhenlungenödem (high altitude pulmonary edema, HAPE) meist nach sehr schnellen Anstiegen in Höhen über 4.000 m über einen Zeitraum von 2 bis 3 Tagen, auch ohne Symptome einer AMS7, auf. Als frühes Symptom gilt ein übermäßiger Leistungsverlust beim Aufstieg, der von Dyspnoe und trockenem Husten begleitet werden kann. Unbehandelt bei Verbleib in der gleichen Höhe oder bei weiterem Aufstieg verschlechtert sich der Zustand – bei schwerer Hypoxämie führt diese begleitend zu einem Höhenhirnödem. Tritt ein HAPE bereits in Höhen unter 3.000 m auf, müssen Vorerkrankungen wie eine Lungenembolie oder eine Linksherzinsuffizienz in Betracht gezogen werden.3

  • Das Höhenhirnödem (high altitude cerebral edema, HACE) entwickelt sich meist aus einer AMS7. Entsprechend gehen in der Regel Symptome wie Kopfschmerzen und Erbrechen voraus, jedoch kann ein HACE auch ohne die Symptome der AMS vorkommen. Derartige Hirnschwellungen können in der Regel bei mindestens zweitägigem Aufenthalt in Höhen über 4.000 m auftreten. Ein HACE tritt in Höhen zwischen 4.000 und 5.000 m bei 0,5-1% der Bergsteiger auf. Die Krankheit äußerst sich durch Rumpfataxie und Bewusstseinsstörungen. Die arterielle Sauerstoffsättigung liegt bei unter 20 % des höhenspezifischen Normalwertes. Ohne rasche Therapie ist mit einem letalen Verlauf zu rechnen – der Tod tritt durch Einklemmung des Hirnstammes ein.2

Die Anzeichen einer Höhenkrankheit – und was zu tun ist

Bei den Anzeichen einer drohenden Höhenkrankheit unterscheidet der Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amtes zwischen Frühzeichen, Warnzeichen und Alarmsymptomen.3 Die Symptome fallen je nach Schweregrad der Erkrankung unterschiedlich aus.4

Auch bei Frühzeichen zunächst kein weiterer Aufstieg: Zu den Frühzeichen einer Höhenkrankheit zählen, neben dem Leitsymptom Kopfschmerz, Übelkeit, Schlafstörungen, Leistungsabfall, Sehstörungen, Wassereinlagerungen unter der Haut und ein in Ruhe um über 20 % beschleunigter Herzschlag. Auch Frühzeichen einer möglichen Höhenkrankheit sollten ernst genommen und der weitere Aufstieg bis zum Verschwinden aller Symptome unterbrochen werden. Verschafft eine Rast keine Besserung, ist ein zügiger Abstieg in Höhen unter 2500 m erforderlich. Der weitere Aufstieg sollte nur bei vollständiger Symptomfreiheit langsam fortgesetzt werden. Es wird ausdrücklich davor gewarnt, frühe Krankheitsanzeichen durch Medikamente oder einen starken Willen herunterzuspielen.3

Sofortiger Abstieg bei Warnzeichen: Warnzeichen können unter anderem ein rapider Leistungsabfall, starke, anhaltende Kopfschmerzen, schwere Übelkeit und Erbrechen, Atemnot bei Anstrengung, nächtliche Atemnot in Ruhe, trockener Husten, Gangunsicherheit und eine verminderte Urinausscheidung auf weniger als 0,5 Liter in 24 Stunden sein.
Treten Warnzeichen auf, ist ein sofortiger Abstieg in eine geringere Höhe einzuleiten, auch bei Nacht. Die betroffene Person muss dabei begleitet werden. Bei leichten Symptomen genügen einige 100 m mit einer Ruhephase für die Akklimatisierung. 3

Akute Lebensgefahr bei Alarmsymptomen: Alarmsymptome sind Atemnot in Ruhe, schwerer Husten mit braunem Auswurf, Bewegungsstörungen, Druck auf der Brust und rasselnde Atmung. Die Person schwebt in akuter Lebensgefahr und ist möglicherweise bewusstlos. Hier muss ein sofortiger Abstieg auf eine Höhe von 500 bis 1000 m eingeleitet werden, um eine Verbesserung der Beschwerden zu erreichen. Der Abstieg ist bis zum vollständigen Verschwinden der Symptome fortzuführen. Für den Transport schwer Erkrankter in großen Höhen sollte eine hyperbare Kammer in Form eines aufblasbaren Rettungssackes zur Ausrüstung gehören.3

Prophylaxe – langsame Adaption Mittel der Wahl

Die langsame Adaption an die Höhe wird als beste Prophylaxe der Höhenkrankheit beschrieben. Der Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amtes empfiehlt ab einer Höhe von 2500 m einen täglichen Aufstieg von nicht mehr als 400-600 Höhenmetern. Nach dem Motto „Hoch steigen – tief schlafen“ sollte außerdem in niedrigen Höhenlagen übernachtet werden.
Im Zuge eines Aufstieges sollte alle 1000 Höhenmeter oder nach drei Tagen ein Ruhetag eingelegt werden. Rasche motorisierte Aufstiege sind zu vermeiden.3 Die deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin rät außerdem dazu, anaerobe Anstrengung in der Anpassungsphase zu vermeiden, auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zur Reduktion des Thromboserisikos und kohlenhydratreiche Ernährung zu achten.1

Einsatz von Medikamenten zur Prophylaxe der Höhenkrankheit?

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes ist bislang kein Medikament für die Prophylaxe der Höhenkrankheit zugelassen, der Off-Label-Use wird allerdings weltweit praktiziert. Höhenbergsteigern und -touristen wird generell von Medikamenten abgeraten, die die Akklimatisation erleichtern sollen. Besteht eine bekannte Neigung zur Höhenkrankheit, kann die Gabe von Acetazolamid (Diamox®) in Erwägung gezogen werden, bei bekannter Neigung zum Höhenlungenödem wird zu Nifedipin geraten. Bei beruflichen Höhenexpositionen im Zuge einer Höhenrettung wird zur Erhaltung der Handlungsfähigkeit nach einer ärztlichen Beratung die Einnahme von Acetazolamid (Diamox®) empfohlen. Eine niedrige Dosis von 2 × 125 mg/Tag gilt hierbei als ausreichend.3

Abb. 1: Prophylaxe der Höhenkrankheit nach Höffler D. <sup>6</sup>
Abb. 1: Prophylaxe der Höhenkrankheit nach Höffler D. 6

Eine in der Arzneiverordung in der Praxis (AVP) erschienene Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2018 hat sich mit der medikamentösen Prophylaxe der Höhenkrankheit befasst und mögliche Medikamente tabellarisch zusammengefasst. Auch diese Arbeit empfiehlt als beste Prophylaxe die Adaption. Kann die nötige Adaptionszeit nicht eingehalten werden, dränge sich die prophylaktische Gabe von ASS auf, welche hypoxiebedingte entzündliche Prozesse hemme, so der Autor. Wie aber die aufgeführten Medikamente – wie ASS, Ibuprofen und Dexamethason – abgesehen vom Kopfschmerz die weiteren Symptome der Höhenkrankheit beinflussen, sei der Literatur nur schwer zu entnehmen.6

1. Informationen der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin e.V.
2. Schommer K, Bärtsch P: Basic medical advice for travelers to high altitudes. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(49): 839–48. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0839
3. Höhenkrankheit. Informationen für Beschäftigte und Reisende. Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amts. Stand 02/2019.
4. Stemberger, Heinrich.: Höhenkrankheit. Institut für Reise- und Tropenmedizin (Österreich).
5. Treibel, Walter.: Höhenmedizin für Ärzte; 2011.
6. Höffler, Dietrich: Die Höhenkrankheit. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. 11.06.2018.
7. Berghold, Franz; Schaffert, Wolfgang: Handbuch der Trekking- und Höhenmedizin. Praxis der Höhenanpassung – Therapie der Höhenkrankheit. 7. Auflage 2009.
Abbildung 1: Höffler, Dietrich: Die Höhenkrankheit. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Tabelle 2; 11.06.2018.
Titelbild: © Getty Images/AscentXmedia

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