14. Juni 2021

Plötzlicher Herzstillstand bei Profifußballer Eriksen:

„Es sah nach Kammerflimmern aus”

Christian Eriksen, ein 29-jähriger Fußballspieler für Dänemark, war am Samstag plötzlich auf dem Spielfeld zusammengebrochen und musste reanimiert werden. Laut DFB-Arzt Tim Meyer ist offensichtlich eine akute Rhythmusstörung aufgetreten. 1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Die behandelnden Ärzte bestätigten, dass der Profifußballer einen Herzstillstand erlitten hatte. Laut DFB-Arzt Tim Meyer sei offensichtlich eine akute Rhythmusstörung aufgetreten; „es sah nach Kammerflimmern aus, der Spieler ist noch auf dem Feld geschockt worden. So wurde er in den normalen Rhythmus zurückversetzt“, wird der Professor für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes im „Spiegel“ zitiert.

Welche Herzerkrankung dem zugrunde lag, könne er dem Bericht zufolge nicht sagen. Von Eriksens Klub Inter Mailand habe es geheißen, dass der Spieler nicht an Covid-19 erkrankt und nicht geimpft gewesen sei.

Plötzlicher Herztod: jährlich 65.000 Menschen in Deutschland 

Der plötzliche Herzstillstand ist, wie die ESC betont, ein großes medizinisches Problem: Er ist Ursache von rund 50 Prozent der kardiovaskulären Todesfälle und 20 Prozent aller natürlichen Todesfälle in westlichen Gesellschaften, so eine im „European Heart Journal“ veröffentlichte Studie.

Da vor allem ältere Menschen betroffen sind, wird angenommen, dass die Inzidenz des plötzlichen Herzstillstandes in den kommenden Jahren noch steigt. Welche Bedeutung der plötzliche Herzstillstand und Herztod allein in Deutschland haben, verdeutlicht zum Beispiel eine Zahl des Deutschen Zentrums für Herzkreislauf-Forschung: Danach erleiden allein in Deutschland jährlich etwa 65.000 Menschen einen plötzlichen Herztod. In etwa 80 Prozent der Fälle besteht eine strukturelle Herzerkrankung, meist eine KHK. Ein Infarkt erhöht das Risiko für einen plötzlichen Herztod um den Faktor 6–10. 

Plötzlich Herztod infolge einer KHK auch bei unter 50-Jährigen 

Die KHK und damit ein plötzlicher Herztod betreffen zwar überwiegend ältere Menschen. Aber in den vergangenen Jahren ist zunehmend erkannt worden, dass sie auch bei jüngeren Menschen bereits klinisch relevant sein kann. Forscher der Universität Oulu in Finnland haben daher in einer Studie untersucht, welche Ursachen ein plötzlicher Herztod bei jungen und mittelalten Menschen unter 50 Jahren hat. Hauptergebnis der Studie: Bei 44 Prozent der plötzlichen Herztodesfälle von Menschen unter 50 Jahren war eine KHK die Ursache („The American Journal of Cardiology“). 

Weitere Ergebnisse der Studie: Bei knapp 34 Prozent der gestorbenen Patienten wurde in der Autopsie ein stummer Herzinfarkt diagnostiziert. Der Anteil der plötzlichen Todesfälle aufgrund einer KHK nahm nach Altersgruppen stetig zu, wobei er bei den unter 30-Jährigen am niedrigsten (7 %) und bei den 45- bis 50-Jährigen am höchsten (50 %) war. Das Durchschnittsalter betrug 44 Jahre.

Bei der Mehrheit (90 Prozent) der Opfer des plötzlichen Herztodes durch eine KHK war vor ihrem Tod keine koronare Herzkrankheit diagnostiziert worden. Neun von zehn der Gestorbenen  waren Männer. Mehr als die Hälfte der unter 50 Jahre alten Gestorbenen wiesen mindestens einen kardiovaskulären Risikofaktor auf. Trotz ihres jungen Alters hatte ein signifikanter Anteil der Opfer des plötzlichen Herztods sogar eine fortgeschrittene koronare Herzkrankheit.

Plötzlicher Herztod beim Sport: meist Männer 

Im Vergleich zu allgemeinen Häufigkeit des plötzlichen Herztodes sind solche Todesfälle bei Sportlern nicht häufig. Wie Professor Jürgen Scharhag, Kardiologe und Sportmediziner der Universität Wien in einem Beitrag für die Deutsche Herzstiftung erläutert, gibt es je nach Untersuchung auf 100.000 Sporttreibende pro Jahr zwischen 0,7 und 3,0 Todesfälle. Nach Daten des deutschen Registers zum plötzlichen Herztod beim Sport (Sudden Cardiac Death Register, SCD Deutschland) sind 96 Prozent der betroffenen Sportler Männer. 

Die möglichen Ursachen

Der plötzliche Herztod beim Sport hat dem Kardiologen zufolge unterschiedliche Auslöser.

  • Bei Menschen unter 35 Jahren gehörten Erkrankungen des Herzmuskels, der Herzklappen, der Aorta sowie der Herzkranzgefäße zu den möglichen Auslösern. Dazu zählten etwa die hypertrophe Kardiomyopathie und auch die arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie. Mitunter seien auch Herzkranzgefäße falsch angelegt. In Ruhe führten diese Erkrankungen meist zu keinen Beschwerden; sie blieben daher oft unentdeckt. Bei körperlicher Belastung Belastung jedoch komme es dann zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen.
  • Anders sieht laut Jürgen Scharhag die Datenlage bei über 35-jährigen Sportlerinnen und Sportlern aus. Bei ihnen sei mit etwa 80 Prozent die koronare Herzkrankheit die häufigste Ursache eines plötzlichen Herztods. Als ein Risikofaktor, der unabhängig von Alter ist, gilt die Myokarditis. 

Plötzlicher Herztod bei Profisportlern selten 

Betroffen von plötzlichen Herztod beim Sport sind vor allem besonders ambitionierte Freizeitsportler, nicht hingegen Hochleistungssportler wie der dänische Profifussballer Christian Eriksen. 

„In unserem deutschlandweiten Register sind nur vier professionelle Athleten betroffen“, wurde vor wenigen Jahren der Kardiologe Philipp Bohm vom Universitären Herzzentrum Zürich in einem Beitrag zur Jahrestagung der Deutschen Kardiologen-Gesellschaft im „Deutschen Ärzteblatt“ zitiert. Bohm betreut dem Bericht zufolge das deutsche „Sudden Cardiac Death Register“. Laut Bohm waren von den dokumentierten 265 plötzlichen kardialen Todes-Fällen beim Sport fast ausschließlich Männer betroffen;  das Durchschnittsalter habe bei 47 Jahren gelegen. Am häufigsten hätten sich die Todesfälle beim den in Deutschland populärsten Sportarten ereignet, also beim Fußball­spielen und Laufen.

Plötzliche Herztode bei Profisportlern erregen zwar meist großes Aufsehen, sind aber vermutlich sehr selten. Allerdings ist die exakte Inzidenz nicht bekannt. Die Schätzungen reichen von 0,3 bis 13 Fällen pro 100.000 Athleten. Eine Analyse von plötzlichen Herztoden bei Profisportlern haben vor drei Jahren Wissenschaftler um Dr. Sanjay Sharma  von der „University of London“ im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Basis der Studie waren die Daten von rund 11.000 im Mittel 16,4 Jahre alte Nachwuchs-Fußballer, die bereits einen Profivertrag hatten. Die in Großbritannien verbindlichen kardiologische Untersuchungen aller Nachwuchs-Fußballer mit Profivertrag ergaben bei 42 Jugendlichen (0,38%) eine kardiale Erkrankung mit erhöhtem Risiko für einen plötzlichen Herztod.

Am häufigsten war ein Wolff-Parkinson-White-Syndrom (n=26), gefolgt von einer hypertrophen Kardiomyopathie (5). Bei jeweils zwei Personen wurde eine arrhythmogene rechtventrikuläre Kardiomyopathie und Koronararterien-Anomalie diagnostiziert worden. Ein Sportler hatte den Autoren zufolge eine dilatative Kardiomyopathie. Innerhalb von zehn Jahre starben 23 Sportler. Häufigste Todesursache war mit einem Anteil von rund einem Drittel ein plötzlicher Herztod, meist infolge einer Kardiomyopathie (7/8).Die Inzidenz für einen plötzlichen Herztod bei jungen Profifußballern lag nach Angaben der Autoren bei einem Todesfall pro 14.794 Personen-Jahre und bei  knapp sieben Fällen pro 100.000 Sportler.

Diese Studien erschien im Original auf univadis.de.

  1. IUnivadis, 14.06.2021:

Bild: © GettyImages/anton5146

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