24. Juni 2021

Herzbericht 2020

Regionale Unterschiede, Kinderkardiologie macht Sorgen und Auswirkungen der Corona-Pandemie

Immer mehr Deutsche leiden an Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen. Doch die gute Nachricht ist: Die KHK-Sterblichkeit nimmt ab.1

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Einen Grund zur Entwarnung sieht Prof. Dr. Thomas Voigtländer darin aber nicht: „Die Zahl der Todesfälle ist weiterhin erschreckend hoch“, erklärte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung bei der Vorstellung des Herzberichts 2020.1 Über 202.000 Menschen sterben jährlich an einer Herzkrankheit und aufgrund von Herzerkrankungen kommt es in Deutschland pro Jahr zu mehr als 1,7 Mio. Klinikaufnahmen.

Herzinsuffizienz häufigster Grund für Klinikaufenthalte

Schon seit Jahren ist die Herzinsuffizienz der häufigste Krankheitsgrund für stationäre Klinikaufenthalte in Deutschland: Zwischen 2000 und 2019 nahm die Zahl der Patienten um 40% zu. Allein von 2018 auf 2019 stieg die Zahl um 4,8%. Insgesamt 487.247 Krankenhausaufenthalte entfielen im Jahr 2019 auf Patienten mit einer Herzinsuffizienz. 

„Wir werden in den nächsten Jahren auch weiterhin steigende Patientenzahlen mit der Diagnose Herzinsuffizienz sehen“, sagte Prof. Dr. Stephan Baldus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK). Herzschwäche sei häufig die Folge und das Endstadium vieler anderer Herz- Kreislauferkrankungen, deren Häufigkeit leider ebenfalls zunehme, so Baldus.

Gestiegen ist auch die Zahl der Menschen mit Herzrhythmusstörungen: Zwischen 1995 und 2015 nahm die Zahl der Krankenhausaufnahmen aufgrund von Rhythmusstörungen um 98,6% zu. Die Ursache des Anstiegs sieht Baldus in der verbesserten Diagnostik und Therapie, „aber auch in der weiter fortschreitenden Alterung der Bevölkerung, nehmen diese Erkrankungen doch exponentiell mit dem Alter zu“. Seit 2015 hat sich der Anstieg aber deutlich verlangsamt.

KHK-Sterblichkeit gesunken

Auch wenn die Zahl der Krankenhausaufnahmen zugenommen hat – die Sterblichkeit hat sich verringert. „Unserer Ansicht nach liegt das an neu verfügbaren Therapieoptionen und der besseren Etablierung leitliniengerechter Therapien“, sagte Baldus. „Die Richtung stimmt“, betonte auch Voigtländer. Wie die Zahlen des Herzberichts 2020 zeigen, nahm zwischen 2017 und 2019 die Sterblichkeit bei Herzinsuffizienz um 12% ab, die Sterblichkeit bei ischämischen Herzerkrankungen ging um 9,1% zurück und die Herzinfarkt-Sterblichkeit um 5,7%.

Die regionalen Unterschiede sind dabei erheblich: Die höchste Infarkt-Sterberate weist Berlin mit 72,3 Verstorbenen pro 100.000 Einwohner auf, gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 67,1 Fällen, Brandenburg mit 67 Fällen, Sachsen mit 60,4 Fällen und Mecklenburg-Vorpommern mit 65,4 Verstorbenen.

Mit Ausnahme Berlins habe sich die Sterblichkeitsrate in diesen Bundesländern im Vergleich zu 2018 zwar spürbar verbessert. Insgesamt aber weisen die ostdeutschen Bundesländer die höchsten Infarkt-Sterberaten auf, berichtete Voigtländer. Die niedrigsten Sterblichkeitsraten werden aus Schleswig-Holstein (25,5), Nordrhein-Westfalen (36,6) und Hamburg (40,2) berichtet.

„Alle Möglichkeiten von früher Diagnostik, Therapie und vor allem der Prävention müssen genutzt werden“, sagte Voigtländer. Auch eine intensivierte Forschung zur Grundlage der KHK (genetische Faktoren) und zur personalisierten Diagnostik und Therapie sei notwendig. Voigtländer erinnerte auch daran, dass dem Plötzlichen Herztod (PHT) in 80% der Fälle eine KHK zugrunde liege. Selbst beim PHT von unter 50-Jährigen dominiere die KHK als Krankheitsbild.

Aus Sicht von Voigtländer haben die Chest Pain Units einen wesentlichen Anteil an der seit Jahren rückläufigen Sterblichkeit. Aktuell gibt es in Deutschland 321 zertifizierte CPUs. „Für Patienten mit KHK lohnt es sich, sich über die nächste CPU zu informieren“, betonte Voigtländer.

Kinderkardiologie: Exzellente Ergebnisse sind akut gefährdet

Prof. Dr. Nikolaus Haas, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und angeborene Herzfehler (DGPK), berichtete von einer „sehr guten flächendeckenden medizinischen Versorgung auf höchstem Niveau“, wies aber auch darauf hin, dass die Versorgung akut gefährdet ist.

Operiert werden Patienten vom Neugeborenen bis zu jungen Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern (EMAH). Mehr und mehr werden dabei Katheter-Interventionen eingesetzt. Sie machen inzwischen 70% aller Eingriffe bei Patienten mit angeborenen Herzfehlern aus. In Kooperation mit den Herzchirurgen werden auch zunehmend Hybrideingriffe durchgeführt. Bei den Herztransplantationen sind die mangelnde Spenderbereitschaft und die langen Wartezeiten das Problem, aktuell warten 30 Kinder auf ein Spenderherz.

Haas bezeichnete die Morbidität und Mortalität herzkranker Kinder in Deutschland als „extrem niedrig“. Im Jahr 2019 starben 600 Kinder in Deutschland an Herzkreislauf-Erkrankungen, das entspricht 20% aller Todesfälle im Kindesalter.

Diese „hervorragenden Ergebnisse“ sind laut Haas allerdings gefährdet. Das liege am erheblichen Mangel an Pflegekräften, der noch verschärft werde, weil das Berufsbild der Kinderkrankenpflege abgeschafft wurde. Weil die Quoten nicht eingehalten werden könnten, würden einzelne Abteilungen von Kliniken erhebliche finanzielle Schwierigkeiten bekommen. Operationen von komplexen Fällen müssen verschoben werden. „Die Kinder werden häufig später operiert als sie eigentlich sollten“, berichtete Haas.

„Leider gibt es aus unserer Sicht kein erkennbares politisches Interesse an der Kindermedizin. Wir haben als Kinderkardiologen zusammen mit den Kinderherzchirurgen Ende September 2020 einen offenen Brief an Gesundheitsminister Spahn geschrieben – leider wurde dieser bis heute nicht beantwortet“, schloss Haas.

Kardiovaskuläre Langzeitfolgen durch Pandemie befürchtet

Baldus erinnerte daran, dass die Covid-19-Pandemie gezeigt habe, wie wichtig die engmaschige und sorgfältige Überwachung von Patienten mit Herzinsuffizienz ist. „Wir mussten leider beobachten, dass an Herzschwäche erkrankte Patienten im letzten Jahr von einer deutlichen Übersterblichkeit betroffen waren, auch wenn sie nicht an Covid erkrankt waren“, berichtete der DGK-Präsident.

„Dies mag sicher auch daran gelegen haben, dass viele Eingriffe verschoben werden mussten, um die Intensivstationen zu entlasten aber auch daran, dass viele Patienten aus Sorge vor einer Ansteckung nicht in die Krankenhäuser gekommen sind, wenn sich ihr Zustand verschlechtert hat.“

Die Covid-19-Pandemie birgt ein doppeltes Risiko für Herzpatienten: Sie tragen nicht nur ein erhöhtes Risiko einen schweren Verlauf zu erleiden oder zu sterben, sie zögerten während des Lockdowns auch, bei akuten Beschwerden einen Arzt aufzusuchen. „Es ist zu befürchten, dass die verzögerte oder überhaupt nicht durchgeführte Diagnostik erhebliche Langzeitfolgen für die kardiovaskuläre Gesundheit haben wird“, schreiben die Autoren des Herzberichts.

Baldus zeigte anhand der Daten hessischer Krankenhäuser, dass während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 insgesamt 7,6% mehr Menschen als im selben Zeitraum des Vorjahres an einer Herz-Kreislauf-Komplikation starben. Die Sterblichkeit allein durch eine Herzerkrankung war um 11,8% höher. Im selben Zeitraum sank in den 26 Kliniken, die an der Untersuchung teilgenommen hatten, die Zahl der Herzkatheter-Eingriffe um 35% gegenüber 2019.

Aus den Zahlen des Herzberichts 2020 zog der DGK-Präsident ein durchaus gemischtes Fazit. Dass es trotz der Zunahme bei der Erkrankungshäufigkeit gelungen sei, die Sterblichkeit bei Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen zu senken, sei eine große Erfolgsgeschichte. „Darauf dürfen wir uns aber keinesfalls ausruhen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind seit Jahren und mit Abstand Todesursache Nummer 1 in Deutschland und aufgrund der zunehmenden Fallzahlen gibt es keinen Anlass zu glauben, dass sich das in absehbarer Zukunft ändern wird“, warnte Baldus.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.

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  1. Deutscher Herzbericht 2020. Deutsche Herzstiftung

Bildquelle: © gettyImages/demaerre

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