25. April 2022

Gefährliche Schönheitstrends der Geschichte

Arsengetränkte Kleider, Quecksilberhüte, Bleicreme: Der menschliche Schönheitswahn konnte im Lauf der Geschichte extreme Blüten treiben. Was sich unsere Vorfahren auf die Haut schmierten, würde heutzutage kaum einer ohne Schutzkleidung anfassen.1–17

Lesedauer: 7 Minuten

Die Illustration „Der Arsen-Walzer“ spielt auf die Verwendung von Arsen in der Herstellung von Kleidern und Kunstblumen an. Die Illustration erschien 1862 in der britischen Satire-Zeitschrift „Punch“, kurz nachdem eine Arbeiterin aus der Modeindustrie an einer Arsenvergiftung verstorben ist.

Redaktion: Marie Fahrenhold

Bleikajal der Ägypter: heilsam oder giftig?

Blei im Lippenstift, Quecksilber und Arsen in Wimperntusche: Schlagzeilen über hochgiftige Schwermetalle in heutigen Kosmetikprodukten lassen wohl selbst die Eitelsten unter uns zweimal überlegen, welchen Preis wir für unsere Schönheit bereit sind zu zahlen.

Doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Frauen und Männer haben seit Menschengedenken den Hang, für Ihre Schönheit gesundheitliche Risiken einzugehen – sei es aus Unwissenheit, Gleichgültigkeit oder blanker Narzissmus.

Bleihaltiges Augen-Make-up der alten Ägypter: heilsam oder giftig? (Büste der Königin Nofretete, um 1340 v. Chr.)

Die alten Ägypter stellten vermutlich die erste toxische Kosmetik her: Der schwarze Kajal und andere Puder enthielten neben Antimon, Malachit, Mangan und Kupfer auch giftiges Bleisalz. Letzteres allerdings nur in niedrigen Dosen. Französische Forscher vermuten, dass die Ägypter um die heilende Wirkung von Bleisalzen wie Laurionit bei bakteriellen Augenerkrankungen wussten. Sparsam eingesetzt, könne Bleisalz die körpereigene Produktion von Stickstoffoxid um 240 % steigern und damit das Immunsystem stimulieren. So hätten wohl Augeninfektionen verhindert werden können – insbesondere mit Bindehautentzündungen hatte man im feuchtheißen Klima am Nildelta oft zu kämpfen.

Die chronische Bleiexposition habe für die alten Ägypter aber auch Reizbarkeit, Schlafstörungen und mentalen Abbau zur Folge gehabt, erklärt der US-amerikanische Dermatologe Dr. Joel Schlessinger – zumindest wäre das der wahrscheinliche Fall gewesen, wenn die Ägypter ein Alter jenseits der Vierziger erreicht hätten.

Noble Blässe dank Bleiweiß

Auch die Frauen des Römischen Reichs nutzten bleihaltige Kosmetik. Laut einem im Jahr 2001 in der Zeitschrift Clinics in Dermatology publizierten Artikel wurde die Bleicreme entwickelt, um „den Teint von Hautunreinheiten zu befreien und die Farbe und Textur der Haut zu verbessern“.

Trotz der gesundheitlichen Gefahren von Blei – von Hautrissen über Wahnsinn bis hin zu Unfruchtbarkeit – verwendeten die Römerinnen der Oberschicht Bleiweiß, auch als Bleihydroxidkarbonat oder Cerusa bekannt, um ihre Gesichter aufzuhellen. Rotes Minium, ein Bleioxid, das heutzutage zur Herstellung von Batterien und Rostschutzfarben verwendet wird, wurde für einen gesunden Rosenglanz auf die Wangen aufgetragen. 

Auch zum Haarefärben nutzen die Menschen in der Antike Blei: Eine Paste aus Bleioxid und Löschkalk war das Erfolgsrezept der Griechen und Römer, um graue Haare wieder dunkel zu färben. Mithilfe der giftigen Paste erzeugten die Menschen vor 2.000 in ihren Haaren winzige Kristalle aus dunklem Bleisulfid – Nanokristalle, wie sie heute für optoelektronische Bauteile benötigt werden. Das antike Haarfärbemittel scheint eine Art Ersatzfarbstoff für das natürliche Pigment Melanin im Inneren des Haares gebildet zu haben.

Gesund war und ist Blei nicht! Die Vermutung, eine flächendeckende Bleivergiftung aufgrund von mit Blei ausgekleideter Wasserleitungen, Weingefäße und kosmetischer Prozeduren – und die daraus resultierende Vergiftung – sei schuld am Untergang des Römischen Reichs wurde mittlerweile allerdings mehrfach wiederlegt. 

Nach Ansicht einiger Historiker verstarb Elizabeth I. an den gesundheitlichen Folgen ihrer bleihaltigen Kosmetik.

Eine Renaissance, vor allem in Europa, erfuhr die Verwendung von bleihaltiger Kosmetik ab dem 16. Jahrhundert und im Rokoko des 18. Jahrhunderts. Noble Blässe galt als tres chic und so verpassten sich Männer und Frauen eine Mischung aus Bleiweiß und Essig, schälten ihre Haut mit Bleiweiß und Sublimat (Quecksilberchlorid) oder benutzten Bleisulfat, um ihre Sommersprossen zu entfernen. Die berühmteste Anwenderin war wohl Königin Elisabeth I. von England (1533–1603 n. Chr.), die ihrem Bleiweiß-Puder nicht nur ihre Porzellanhaut und verdeckten Pockennarben verdankt, sondern letztendlich wohl auch ihren Tod.

Verrückte Hutmacher: Schuld war das Quecksilber

Im 18. und 19. Jahrhundert hatte die Verwendung eines weiteren giftiges Schwermetalls Konjunktur: Quecksilber. Viele Filzhüte für Männer wurden aus Hasen- und Kaninchenfell hergestellt. Um die Felle zusammenkleben, damit daraus Filz wird, bürsteten die Hutmacher sie mit quecksilberhaltigen Salzen. Zudem arbeiteten sie – meist gänzlich ungeschützt – an quecksilbergelagerten Drehfeuern.

Dieser Zylinderhut wurde ca. 1859 in den USA angefertigt. Tests haben bestätigt, dass er noch immer Quecksilber enthält.

Akute Vergiftungserscheinungen entstehen, wenn Quecksilber verschluckt oder Quecksilberdämpfe eingeatmet werden. Eines der ersten Symptome sind neuromotorische Probleme wie Zittern und Krämpfe. Tritt das Quecksilber ins Blut über, lagert es sich in inneren Organen wie Leber und Nieren ab, schädigt Nervenzellen im Gehirn – und macht buchstäblich verrückt. Der englische Ausdruck „mad as a hatter“, also verrückt wie ein Hutmacher“, rührt also von den Nebenwirkungen eben dieser Profession.

Auch die fiktive Gestalt des verrückten Hutmachers (im englischen Original nur The Hatter) aus Lewis Carrolls Klassiker Alice im Wunderland greift die einstige Problematik dieses Gewerbes auf.

Wird ein gewisser Schwellenwert von Quecksilber im Körper überschritten, kommt es zu vermehrtem Speichelfluss und Zahnfleischentzündung, die Zähne lockern sich. Es kann sich ein bläulich-violetter Quecksilbersaum am Zahnfleischrand bilden. Chronische Schädigungen des zentralen Nervensystems äußern sich durch Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Sprachstörungen. Sind Hirnnerven betroffen, leidet das Hör- und Sehvermögen. Unbehandelt endet eine schwere Quecksilbervergiftung oft tödlich.

Das Quecksilber machte allerdings nur den Hutmachern selbst zu schaffen. Die Männer, die die Hüte letztlich trugen, waren durch das Hutfutter geschützt. 

Die tödliche Arsenmode des 19. Jahrhunderts

1776 macht der Apotheker Carl Wilhelm Scheele Experimente mit dreiwertigen löslichen Arsenverbindungen und Kupfer. Bei einem der Versuche setzte sich etwas am Boden des Gefäßes ab: ein hell leuchtendes Grünpigment.

Nicht nur das grüne Kleid, das in dieser Zeichnung aus dem Jahr 1840 beworben wird, enthielt Arsen, sondern auch die Illustration selbst.

„Scheeles Grün“ war eine Sensation in einer braun-beigen Welt, in der Farbtöne hauptsächlich aus der Natur gewonnen und entsprechend stumpf waren. Dreiwertige Verbindungen des Arsens, also Arsen(III)oxid, auch als weißer Arsenik und Arsenicum album, umgangssprachlich aber meist als „Arsen“ bezeichnet, sind hoch toxisch. Optisch ähnnelt Arsenoxid dem Kochsalz oder Zucker und war im viktorianischen Zeitalter ein weit verbreitete Mord- und Suizidmittel. Und trotz dieses Wissens wurde das giftige Halbmetall großzügig in Kerzen, Vorhängen, Tapeten, Kleidern, Handschuhen, Schuhen und künstlichen Blumenkränzen verarbeitet, um ihnen das leuchtende „Giftgrün“ zu verpassen. Als mutagenes Klastogen stört Arsenik die Transportvorgänge innerhalb des Körpers, behindert die DNA-Reparatur und stört den zellulären Energiestoffwechsel. Arsenvergiftungen können akut auftreten oder einen chronischen Verlauf nehmen.

Bei einer akuten Arsenvergiftung ist, je nach Höhe der Dosis und der Konstitution des Giftopfers, der Tod eine wahrscheinliche Folge. Zuvor kommt es zu schweren Magen-Darm-Entzündungen mit Erbrechen, starken Schmerzen, Übelkeit und starken wässrigen Durchfällen. Zur Kompensation erhöht sich der Puls. Innerhalb kurzer Zeit erleiden die Betroffenen einen Schock. Der Tod tritt innerhalb von wenigen Stunden bis Tagen infolge von Nieren- oder Herz-Kreislauf-Versagen ein.

Arsenvergiftungszeichen: krankhafte Hornhautbildung an den Fußsohlen

Die Komplikationen nach einer chronischen Arsenintoxikation können indes unterschiedlich schwer ausfallen. Besonders problematisch ist die lange Latenzzeit von bis zu dreißig Jahren. Typisch für eine chronische Arsenvergiftung sind Veränderungen des Hautbilds, etwa Pigmentstörungen oder eine zunehmende Verhornung der Fußsohlen und Hautflächen. Eine weitere Folge sind schwere Entstellungen und nachhaltig geschädigte Blutgefäße, bis hin zu absterbenden Extremitäten. Dunkelgraue Hautpigmentierungen und weiße Bänder an den Fingernägeln sind ebenso typisch.

Giftgrüne Galle, Fingernägel und Skleren

Des Weiteren fallen den Betroffenen bei einer Arsenvergiftung die Haare aus, es kann zu Entzündungen der Augenbindehaut kommen, Gehirn und Nerven können Schaden nehmen. Die Folge sind Lähmungen, Rückbildung der Muskeln und Störungen der Sensibilität. Auch ein Kropf kann entstehen – denn Arsen blockiert die Aufnahme von Jod in der Schilddrüse.

Durch die Verwendung von grünem Arsen verursachte Hauterscheinungen, Illustration von 1859

Im Jahr 1861 verstarb die 19-jährige Kunstblumenmacherin Matilda Scheurer, deren Aufgabe darin bestand, die Blumen mit arsenhaltigem Pulver grün zu färben, einen qualvollen und „farbenfrohen“ Tod, schreibt Prof. Dr. Alison Matthews David von der School of Fashion, Toronto/Kanada, in dem Buch Fashion Victims: The Dangers of Dress Past and Present. „Scheurer hatte Schüttelkrämpfe […] und Schaum vor dem Mund. Ihre Galle war grün, ebenso ihre Fingernägel und die Skleren der Augen. Bei einer Autopsie fand man Arsen in ihrem Magen, ihrer Leber und ihrer Lunge.“ 

Deadly Denim: Sandstrahlen noch heute ein Problem

Arsengetränkte Kleidung mag wie das bizarre Relikte eines brutaleren Zeitalters erscheinen, doch zeigen aktuellere Beispiele, dass tödliche Mode in nicht allzu ferner Vergangenheit liegt. Erst 2009 verbot die Türkei das Sandstrahlen, eine Technik, die Zulieferfirmen von H&M, Diesel, Levi’s und Zara angewendet hatten, um Jeansstoffen den beliebten Used Look zu verleihen.

Der ehemalige Sandstrahlarbeiter Adülhalim Demir bei einer Clean-Clothes-Aktion im Jahr 2010 in Istanbul. Er ist nach jahrelager Arbeit mit einem Sandstrahlgerät an Silikose erkrankt.

Die große Mehrheit der Fabrikmitarbeiterinnen und -mitarbeiter hat durch das Einatmen des kristallinen Quarzsandes (Siliziumdioxid) eine Silikose, auch Quarzstaublunge, entwickelt. Die Kristalloberfläche der Siliziumdioxid-Partikel tritt in direkte Wechselwirkung mit der Zellmembran des Lungengewebes. Nach Deposition in den Alveolen führen diese Kristalle zu einer gesteigerten Fibroblastenaktivität und damit zum schrittweisen Gewebeumbau des Lungenparenchyms (Lungenfibrose): Das Gewebe vernarbt unwiderruflich.

Viele Betroffene beklagen im Verlauf einer Silikose einen dunklen Auswurf. Dieser entsteht, wenn das quarzstaubhaltige, narbige Lungengewebe abstirbt, dadurch aufweicht und abgehustet wird. Der Sauerstoffmangel infolge der Beeinträchtigung der Lungenfunktion kann sich über eine bläuliche Verfärbung von Haut und Schleimhäuten (Zyanose) bemerkbar machen.

Nachdem die Türkei das Sandstrahlen verboten hatte, verlagerte sich die Jeansproduktion in weniger regulierte Länder wie Bangladesch, China, Pakistan und nordafrikanische Staaten. Die gefährliche Technik wird dort noch heute vereinzelt praktiziert.

Ein Siegel, dass das gesundheitsgefährdende Sandstrahl-Verfahren nicht angewendet wurde, gibt es bislang nicht. Unternehmen, die Mitglied in der Fair Wear Foundation sind, verpflichten sich jedoch für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz (auch ihrer Subunternehmen und Zulieferfirmen) zu sorgen.

Schnürleber, Rippenbrüche, Tobsucht

Lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags über die gesundheitlichen Risiken von Korsetts, Bandwurmdiäten und Lotusfüßen – und weshalb die alten Römer portugiesischen Urin zu schätzen wussten.

  1. NBC News. Suffering for beauty has ancient roots, 10.1.2008
  2. Spektrum der Wissenschaft, Der Kajal der Ägypter: schön und heilsam, 12.1.2010
  3. National Geographic, Arsenpille & Bleipuder: Die Geschichte des giftigen Make-ups, 3.12.2019
  4. Der Spiegel, Römer kaschierten mit Nano-Paste ihre grauen Haare, 4.10.2006
  5. Curioctopus, Die Kosten der Schönheit, 3.2.2019
  6. NetDoktor.de, Quecksilbervergiftung von Astrid Leitner, 14.6.2021
  7. Deutschlandfunk Kultur, Quecksilber: Nervengift und Wunderpille von Frank Kaspar und Jennifer Rieger, 6.3.2019
  8. National Geographic, Killer Clothing Was All the Rage In the 19th Century, 17.10.2016
  9. Whaton JC. The Arsenic Century, How Victorian Britain Was Poisoned at Home, Work, and Play, Journal of Occupational and Environmental Medicine, 2011; 53(2): 224
  10. The New Yorker, Murder by poison – The rise and fall of arsenic, 7.10.2013
  11. Deutschlandfunk Nova, Scheeles Grün: Eine giftige Farbe erobert die Welt, 20.4.2018
  12. MedLexi.de, Arsenintoxikation, 10.11.2021
  13. onkopedia, Akute Promyelozyten Leukämie (Kapitel Arsentrioxid) von Eva Lengfelder et al., 2020
  14. NetDoktor.de, Silikose von Florian Tiefenböck, 14.4.2021
  15. Neue Züricher Zeitung. Todbringendes Jeans-Sandstrahlen, 30.3.2012
  16. umweltnetz-schweiz.ch, Eine blaue, gebrauchte Hose bitte von Sacha Rufer, 14.6.2018  
  17. cleanclothes.org, Killer Jeans still being made, 24.4.2013
Bilderquellen:
„Arsenic Waltz“: © Wellcome Collection / Wikimedia Commons; Nofretete: © Gunnar Bach Pedersen / Wikimedia Commons; Königin Elisabeth I: © George Gower / Wikimedia Commons; Zylinderhut: © Brooklyn Museum Costume Collection at The Metropolitan Museum of Art / Wikimedia Commons; Arsen Element: © getty Images / AMilkin; Arsenvergiftung an den Füßen: © Thomas Dunker / Wikimedia Commons, Arsen Hauterscheinungen: © Wellcome Images / Wikimedia Commons; Sandstrahlen: © picture alliance / dpa / Carsten Hoffmann

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Jeremy Schneider, Blake DeSimone
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653