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Praxis-Wissen kompakt

14. Juni 2024
Gesund feiern bis zum Finale

Fußball-EM: Risiken für Spieler und Fans

Auf dem Rasen drohen Sportlern etliche Gefahren. Doch auch Fans sind medizinischen Risiken ausgesetzt. Ein medizinischer Streifzug durch den Fußball.

Lesedauer: ca. 9 Minuten

Fußball Risiken für Spieler und Fans
Nicht nur während der EM sollten Fußballer auf ihre Gesundheit achten. (Foto: Getty Images | FotografieLink)

Autor: Michael van den Heuvel | Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Die Fußball-EM naht. Spieler, Besucher und die Fans zu Hause freuen sich auf die Spiele vom 14. Juni bis zum 14. Juli. Neben den hohen Erwartungen an die fußballerischen Leistungen wird es für Bundestrainer Julian Nagelsmann auch darum gehen, dass seine Jungs (siehe unten) das Turnier unbeschadet überstehen. Spektakuläre Unfälle auf dem Rasen bei früheren Turnieren sind vielen Fans in Erinnerungen geblieben. Ihre medizinische Aufarbeitung zeigt in dieser Diashow auf, was bei dem beliebtesten Ballsport alles schief gehen kann und was Mediziner daraus gelernt haben.

Nicht nur während der heißen EM-Wochen sollten auch fussballbegeisterte Amateure auf ihre Gesundheit achten, wenn sie bis zum Endspiel durchhalten wollen. Selbst das Fiebern vor dem Fernseher ist nicht ganz ohne Risiken. Knieprobleme oder Gehirnerschütterungen sind zwar typische Fussballmalaisen. Aber wie viele Kopfbälle sind noch gesund? Und kennen Sie das PECH-Schema bei Muskelschmerzen? Für die breite Masse können z.B auch Herzprobleme die Feierlaune trüben.

EM auf dem Bildschirm - ein Risiko für das Herz

Doch selbst wer zu Hause die Spiele ansieht und seine Mannschaft anfeuert, ist gefährdet, wie aus einer Studie hervorgeht. So war die Zahl der Herzinfarkte während der Weltmeisterschaft 2014 höher als in vergleichbaren Zeiträumen. Die Klinik-Mortalitätsrate blieb hingegen unverändert. Mit der höchsten Infarkt-Sterblichkeit im Krankenhaus war das Endspiel zwischen Argentinien und Deutschland verbunden, das Lahm, Schweinsteiger & Co. mit 1 zu 0 knapp gewonnen haben.

Die Ergebnisse im Detail: Die Gesamtzahl der Herzinfarkt-Patienten war während der WM 2014 höher als im Vergleichszeitraum 2013 (18.479 vs. 18.089, p < 0,001) und 2015 (18.479 vs. 17.794, p < 0,001). Auch die Zahl der Klinik-Einweisungen aufgrund eines Myokardinfarktes war in Deutschland während der WM 2014 um 3,7% höher als im gleichen Zeitraum 2015 und um 2,1% höher als im gleichen Zeitraum 2013. Die statistische Auswertung ergab, dass die WM 2014 signifikant unabhängig von anderen Parametern mit einer höheren Zahl an Herzinfarkten assoziiert war:

  • 2014 vs. 2013: Odds Ratio: 1,04,
  • 2014 vs. 2015: OR 1,07.

Die Patienten-Charakteristika und die Klinik-Mortalitätsraten (8,3%-8,4%) waren vergleichbar hoch.

Der plötzliche Herztod – ein Schreckgespenst für Profi-Fußballer

Noch immer sind vielen die Bilder vom Juni 2021 präsent, als der dänische Fußballspieler Christian Eriksen während des EM-Spiels gegen Finnland auf dem Platz zusammenbrach. Der damals 29-Jährige konnte durch Herzdruckmassage und Defibrillator erfolgreich wiederbelebt werden. Doch die Angst vieler Spieler – und Zuseher – bleibt.

Im Gespräch mit Medscape sagt Prof. Dr. Jürgen Scharhag, Sportmediziner und Kardiologie an der Universität Wien sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung: „Tatsächlich ist der plötzliche Herztod beim Sport eher selten. Gleichwohl ist dieser ein sehr dramatisches Ereignis, insbesondere wenn dieser – wie beim dänischen Fußballprofi Eriksen – vor laufenden Kameras geschieht.“ Je nach Studie sei 1 von 40.000 bis 200.000 Sportlern pro Jahr betroffen.

Als wichtigste Risikofaktoren nennt Scharhag das männliche Geschlecht, die Belastungsintensität und – bei der EM eher irrelevant – das Alter. Risikofaktoren für Todesfälle im jüngeren Alter sind angeborene Herzerkrankungen, z.B. verschiedene Kardiomyopathien wie die Hypertrophe Kardiomyopathie (HCM), die Dilatative Kardiomyopathie (DCM) oder Arrhythmogene Kardiomypathie (ACM, früher ARVC), aber auch Koronaranomalien, Herzklappenerkrankungen oder Aortopathien.

Allen Profis, aber auch allen Amateursportlern, rät Scharhag, sich regelmäßig kardiologisch untersuchen zu lassen. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) hat spezielle Empfehlungen für den Einsatz genetischer Tests auf kardiologische Risiken veröffentlicht.

Beim Schädel-Hirn-Trauma wird Durchhalten schnell gefährlich

Erinnern Sie sich an die Fußball-WM 2022? Bei Irans Torhüter Alireza Beiranvand gab es während des Spiels gegen England den Verdacht auf eine Gehirnerschütterung. Trotzdem bekam er zunächst grünes Licht, um weiterzuspielen – und wurde erst später ausgewechselt. Solche Debatten drohen auch bei der EM 2024.

100 km/h – mit einer solchen Geschwindigkeit kann ein Leder-Fußball schon mal von einem Profispieler über das Feld gedroschen werden. Wer dann seinen Kopf in die Flugbahn hält, riskiert durchaus ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma. Fürchten sollten Fußballer aber nicht nur harte Kontakte mit dem Ball, sondern auch die schwereren Zusammenstöße mit den Mitspielern.

Bleibt als Problem: Gehirnerschütterungen werden in der Praxis meist ohne objektive Werte diagnostiziert. Aus der Forschung kommt ein neuer Ansatz: Die deutliche Zunahme verschiedener einfach zu bestimmender Pupillen-Reflexwerte nach einer stumpfen Kopfverletzung könnten sich als Biomarker eignen. Mit einem Pupillometer lassen sich Pupillenreaktionen objektivierbar und nicht invasiv bestimmen.

98 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, die aufgrund von Sportunfällen eine Gehirnerschütterung erlitten hatten, zeigten nach median 12 Tagen signifikante Änderungen bei 8 von 9 Parametern eines Pupillometers gegenüber 134 gesunden Kontrollprobanden.
Die Messungen mit dem Pupillometer dauerten jeweils nur 5 Sekunden und wurden im Minutenabstand pro Auge jeweils 3-mal wiederholt, um Artefakte auszuschließen. Den jeweils endgültigen Wert errechneten die Autoren als Mittelwert aus 2 Messungen ohne Störungen wie Zwinkern oder Augenbewegungen.

„Solch eine standardisierte Messung fehlt bisher. Sie hätte den Vorteil, die Diagnose schnell und sogar schon am Unfallort feststellen zu können“, erklärt Dr. Axel Gänsslen gegenüber Medscape. Er ist Arzt für Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Wolfsburg und Mannschaftsarzt eines Eishockey-Clubs. Bislang kommen solche Messungen auf dem Rasen aber nicht zum Einsatz.

Heute Kopfball, übermorgen Demenz?

Ehemalige Fußballprofis, die in ihrer aktiven Zeit mehr als 15 Kopfbälle pro Spiel ausgeführt hatten, zeigten in einer Studie mit 459 Teilnehmern ein mehr als 4-fach höheres Risiko für kognitive Beeinträchtigungen als solche, die auf höchstens 5 Kopfbälle pro Spiel und Trainingseinheit kamen.

In einer Querschnittstudie wurden ehemalige Fußballprofis im Durchschnittsalter von 64 ± 10 Jahren befragt, wie häufig sie in ihrer aktiven Karriere Kopfbälle in Spielen und Trainingseinheiten ausgeführt hatten, und daraufhin in 3 Gruppen eingeteilt: 0- bis 5-mal (120 Männer), 6- bis 15-mal (180 Männer) und über 15-mal (160 Männer).
Im nächsten Schritt wurden die kognitiven Funktionen dieser Männer per Telefoninterviews for Cognitive Status-modified (TICS-m), Hopkins Verbal Learning Test (HVLT), verbal fluency (VF) und independent activies of daily living (IADL) sowie evtl. bekannte Diagnosen von Alzheimer-Demenz abgefragt.

Nach Bereinigung der Ergebnisse aus den Befragungen um Alter, Body-Mass-Index, Tabak- und Alkoholkonsum, Krankheitsstatus und sozioökonomische Faktoren ergab sich für Spieler, die 6 bis 15 Kopfbälle pro Spiel und Trainingseinheit angegeben hatten, ein 4,3-fach erhöhtes Risiko (95%-Konfidenzintervall [KI] 1,14-16,10) für kognitive Beeinträchtigung gegenüber den Spielern, die auf höchstens 5 Kopfbälle pro Spiel und Trainingseinheit kamen, z.B. auch Torwarte. Für diejenigen, die hier mehr als 15 Kopfbälle angaben, war das Risiko sogar um das 4,7-Fache erhöht (95%-KI 1,20-18,45).

Erste Hilfe bei Verletzungen - PECH ist oft das Glück der Fußballer

Aufgrund der plötzlichen Richtungswechsel, der Sprünge und der schnellen Läufe im Fußball sind Verstauchungen der Bänder im Sprunggelenk, insbesondere des Außenbandes, häufig. Auch Verletzungen des Kreuzbandes im Knie können vorkommen. Oft treten auch Zerrungen und Risse der Muskeln, vornehmlich der Oberschenkelmuskulatur wie des M. quadriceps femoris oder der Adduktoren, auf.

Sportler werden möglichst rasch anhand des PECH-Schemas versorgt:

  • P – Pause: Sofortige Pause der Aktivität, um weitere Schäden zu vermeiden. Der verletzte Bereich sollte ruhiggestellt und vor weiterer Belastung geschützt werden.
  • E – Eis: Einsatz von Eis oder einer Kältepackung auf die verletzte Stelle, um Schwellungen, Entzündungen und Schmerzen zu vermindern. Das Eis sollte nicht direkt auf die Haut aufgetragen werden und für etwa 15-20 Minuten alle 2-3 Stunden angewendet werden.
  • C – Compression (Kompression): Anlegen eines Kompressionsverbandes oder einer elastischen Bandage, um die Schwellung zu verringern und die Stabilität der verletzten Stelle zu verbessern. Die Kompression sollte fest, aber nicht zu straff sein, und regelmäßig überprüft werden, um sicherzustellen, dass die Durchblutung nicht beeinträchtigt wird.
  • H – Hochlagern: Anheben der verletzten Extremität über das Niveau des Herzens, um die Durchblutung zu fördern und die Schwellung zu verringern. Das Hochlagern kann helfen, den Flüssigkeitsabfluss aus dem verletzten Bereich zu erleichtern und die Heilung zu beschleunigen.

Typisch Fußball: Knieverletzungen

Der brasilianische Fussballer Neymar da Silva Santos Júnior hat sich beim WM-Qualifikationsspiel in Uruguay im Herbst 2023 das vordere Kreuzband sowie den Meniskus im linken Knie gerissen. Er wird länger ausfallen.
Kreuzbandrisse beim Fußball sind ein Klassiker. Dabei reißt das vordere Kreuzband (VKB) sehr viel häufiger als das hintere. Die Verletzung des VKB gehört zu den schwersten Verletzungen im Fußball. Zehntausende Fußballer im Amateur- und Profi-Fußball erleiden diese Verletzung pro Jahr. Bei wiederholten Kreuzbandrissen kann dies das Karriere-Ende bedeuten. Typische Verletzungs-Situationen beim Fußball sind:

  • Landung nach einem Sprung oder langen Schritt mit Wegknicken und Verdrehen des Kniegelenkes nach Innen
  • Abbremsen beim Laufen/Sprinten (teilweise mit aber auch ohne Drehbewegung nach innen)
  • Überstreckung des Kniegelenks
  • Direkter Schlag auf das Kniegelenk von hinten oder von der Seite
  • Verdrehen des Beins, während der Fuß mit dem Stollenschuh im Rasen arretiert

Mit einer vorderen Kreuzband-Rekonstruktion, die von einem erfahrenen Kniechirurgen durchgeführt wird, erreichen Ärzte nach 8 bis 12 Monaten gute bis sehr gute Ergebnisse in 80 bis 90 Prozent der Patienten.

Schmerzen an Muskeln und Sehnen? Diese Möglichkeiten haben Sportmediziner

Beschwerden nach dem Spiel sind keine Seltenheit. Der Sportorthopäde PD Dr. Thilo Hotfiel, Oberarzt im Osnabrücker Zentrum für muskuloskelettale Chirurgie des Klinikums Osnabrück, hat gegenüber Medscape zusammengestellt, welche Möglichkeiten Ärzte dann haben.
„Weil der Muskel mit der Sehne verbunden ist und funktionell eine Einheit bilden, hängt beides schon zusammen“, weiß Hotfiel. „Typischerweise wird die Sehnenverletzung auch an der Sehne bemerkt. Anfangs tritt der Schmerz als Anlaufschmerz auf, wenn man mit dem Sport beginnt. Das kann dann aber so weit fortschreiten, dass man den Schmerz auch in Ruhe oder nach dem Sport merkt.“ Der Muskel hingegen lasse sich nicht so leicht überlasten.
„Sehnenverletzungen oder schmerzhafte Sehnen sollten sehr ernst genommen werden“, gibt der Experte zu bedenken. „Der Rat eines Orthopäden sollte möglichst früh eingeholt werden, sodass frühzeitig und stadiengerecht behandelt werden kann.“

Hotfiel: „Kortison ist relativ kurz wirksam, führt zu einer Schmerzlinderung und reduziert auch Entzündungsprozesse. (…) Wir stehen dieser Therapie sehr kritisch gegenüber.“
Er rät vielmehr, die Belastung, welche zur Überlastung geführt hat, zu verringern. Sportler sollten alternative Sportarten oder Trainings wählen, welche die Sehnen nicht so sehr belasten wie z.B. Radfahren und Schwimmen. „Mit einer Trainingstherapie durch einen geschulten Physiotherapeuten werden die Sehnen ganz aktiv aber sehr langsam und zielgerichtet mit mehreren, langsamen Wiederholungen angesprochen“, so der Orthopäde weiter.

Doping – auch beim Fußball ein großes Thema

Kürzlich wurde der französische Fußball-Nationalspieler Paul Pogba wurde wegen Dopingmissbrauchs für vier Jahre gesperrt. Er war im August 2023 nach einem Spiel zwischen Juve und Udinese Calcio positiv auf Testosteron getestet worden. Die B-Probe hatte das Ergebnis bestätigt.

Auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) finden sich eine Reihe von Wirkstoffen, die bei Wettkämpfen, aber auch beim Training verboten sind. Dazu zählen auch Substanzen, die für die therapeutischen Anwendung beim Menschen nicht zugelassenen sind, etwa Medikamente in der Entwicklung, Designerdrogen oder Mittel aus der Veterinärmedizin. Außerdem finden sich auf der Liste:

  • Anabole Wirkstoffe wie anabol-androgene Steroide (z.B. Stanozolol, Testosteron) und andere anabole Stoffe (z.B. Clenbuterol),
  • Peptidhormone, Wachstumsfaktoren und verwandte Stoffe (z.B. Erythropoetin, HGH, IGF-1),
  • Beta-2-Agonisten (Ausnahmen sind etwa Salbutamol zur Inhalation),
  • Hormon-Antagonisten und metabolische Modulatoren (z.B. Aromatasehemmer, Tamoxifen, Insulin), zur Behandlung der Doping-Nebenwirkungen,
  • Diuretika und andere Maskierungsmittel (z.B. Furosemid, Dextran).

Immer verbotene Methoden sind eine Erhöhung des Sauerstofftransfers (etwa durch Blutdoping), Manipulationen (z.B. Fremdurin) und Gendoping (Veränderung der Genexpression).

Bestimmte Wirkstoffe sind nur im Wettkampf verboten (Stimulanzien, Narkotika, Cannabinoide, Glukokortikoide), manche nur bei einzelnen Sportarten (z.B. Beta-Blocker bei Konzentrationssportarten wie Darts, Schießen und seit diesem Jahr auch Minigolf und Speerfischen).

Alkohol steht seit 2018 nicht mehr auf der Liste. Dagegen kommt ab 2024 Tramadol auf die Verbotsliste, da es Hinweise auf einen signifikanten Gebrauch beim Radsport, Rugby und Fußball gibt.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.

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