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Praxis-Wissen kompakt

28. Feb. 2025
Neue JAMA-Studie

Führt Stress zu mehr Krebs?

Nach Krebsrisikofaktoren gefragt, denken die meisten an Rauchen, Alkohol, Übergewicht, ungesunde Ernährung und Genetik. Dass aber auch vermehrter Stress ein wichtiger Tumortreiber sein kann, haben die meisten dagegen weniger auf dem Schirm. Eine aktuelle Studie ist jetzt tiefer in den Zusammenhang zwischen Stress, Immunsystem und Tumorwachstum eingestiegen.1

Lesedauer: ca. 3 Minuten

Stress Krebs
Alle chronischen Stressfaktoren beeinflussten systemische Immunreaktionen, die lokale Immun-Mikroumgebung des Tumors und die Tumorbiologie. (Foto: © Dreamstime.com | Imagegeneration )

Autorin: Maria Weiß | Redaktion: Marina Urbanietz

Die Beobachtung, dass Karzinome oft in zeitlichem Zusammenhang mit stressigen Ereignissen oder Lebensphasen auftreten, haben viele Onkologen gemacht. Unklar war aber bisher, über welche Mechanismen ein erhöhtes Stressniveau das Tumorwachstum fördern könnte.

Dieser Frage sind jetzt Alexandra B. Harris vom US-amerikanischen National Cancer Institute in Bethesda und ihre Arbeitsgruppe bei Frauen mit Brustkrebs nachgegangen. Eingeschlossen waren 121 Patientinnen mit Mammakarzinom, von denen sich 65 selbst als „weiß“ und 56 als „schwarz“ bezeichneten. Das mittlere Alter lag bei 56 Jahren. Es wurden chronische Stressoren aus den vier Domänen Alltagsstress (Arbeit, Familie, Beziehung), unzureichende soziale Unterstützung, rassistische Diskriminierung und Isolation in der Nachbarschaft abgefragt und in Bezug zu zahlreichen immun-onkologische Biomarkern im Blut, Tumorgewebe und -umgebung gesetzt.

Auswirkungen auf lokales und systemisches Immunsystem

Alle chronischen Stressfaktoren beeinflussten systemische Immunreaktionen, die lokale Immun-Mikroumgebung des Tumors und die Tumorbiologie. In gewisser Weise versetzt Stress das Immunsystem in Alarmbereitschaft – in Bezug auf die Krebsprävention ist das aber alles andere als hilfreich. So kommt es unter Stressbedingungen z.B. zu einem Anstieg von angiopoetischen Faktoren, die Gefäßneubildungen und damit das Wachstum des Tumors fördern. Auch proinflammatorische Zytokine, Chemokine und proinvasive Moleküle wie MMP12 sind vermehrt nachweisbar und es wird eine Suppression der Anti-Tumorimmunität beobachtet.

Veränderte Mikroumgebung schützt Tumorzellen

Was ist passiert unter Stress mit der lokalen Mikroumgebung des Tumors, die die Forschenden anhand der RNA-Produktion der umgebenden Zellen auswerteten? Auch hier gibt es keine guten Nachrichten. Bestimmte Immunzellen wie proinflammatorische M1-Makrophagen und immunsuppressiv wirksame M2-Makrophagen sind vermehrt nachweisbar – dagegen sind Feinde von Tumorzellen wie natürliche Killerzellen und follikuläre Helfer-T-Zellen vermindert. Folge ist eine verminderte Antitumor-Immunität und ein ungestörtes Tumorwachstum.

Höhere Mutationslast macht Tumor aggressiver

Zusätzlich wird unter Stress die Mutationslast des Tumors erhöht, was die Aggressivität des Tumors fördern kann. Dies könnte allerdings auch eine positive Seite haben, da es den Tumor auch empfindlicher gegenüber Immun-Checkpoint-Inhibitoren und anderen Krebsmedikamenten machen kann. 

Alle negativen Stresseffekte waren in dieser Untersuchung bei schwarzen Frauen ausgeprägter als bei weißen. Dies könnte erklären, warum die Inzidenz und der Schweregrad von Mammakarzinomen in dieser Population höher ist. Auch wenn alle vier untersuchten Stress-Domänen zu signifikanten Veränderungen führten, zeigte sich für einen andauernden Alltagsstress die stärkste Assoziation.

Limitationen

Als Limitationen gibt das Autorenteam u.a. die begrenzte Zahl an Teilnehmerinnen und die Beschränkung auf eine geographische Region in den USA an. Zudem lässt sich mit einer Querschnittsstudie keine Kausalität beweisen. Die Ergebnisse liefern aber wichtige Ansatzpunkte für weitere Untersuchungen zum komplexen Zusammenhang zwischen psychologischen Faktoren und Tumorbiologie.

Alltagsstress nach Krebsdiagnose reduzieren

Vielleicht sollte man aber schon heute Stress zu den möglichen Krebsrisikofaktoren hinzufügen, schreibt Dr. F. Perry Wilson auf Medscape.2 Für Menschen, die gerade eine Krebsdiagnose bekommen haben, ist die einfache Aufforderung „kein Stress“ natürlich schwer umzusetzen. Es gibt aber schon Studien, die zeigen konnten, dass sich stressreduzierende Praktiken wie Yoga und Mediation bei Krebs positiv auswirken. Letztendlich muss aber jeder Mensch selbst herausfinden, wie er in seinem Leben den Alltagsstress reduzieren kann. Für den einen ist vielleicht Yoga oder Golf der richtige Weg – für andere das Treffen mit Freunden oder Computerspiele. Lohnen tut sich der Stressabbau auf jeden Fall.

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