30. Juli 2019

Fluorchinolone – Teil 2

So handhaben es Ihre Kollegen

Aktuelle Zahlen zeigen eindeutiges Bild: Deutschlandweit gibt es viele Fluorchinolon-Verordnungen und die damit assoziierten Nebenwirkungen. Dr. Stefan Pieper bedauert mangelndes Interesse für die Thematik bei vielen Ärzten. Doch was sagen Ihre Kollegen zum eigenen Verordnungsverhalten?

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Marina Urbanietz

Die Zahl der Nebenwirkungen um das Zehnfache höher?

In Deutschland werden immer noch häufig Fluorchinolone verschrieben – trotz schwerwiegender Nebenwirkungen. Etwa 40.000 der Patienten in Deutschland könnten von Sehnenrissen, Schädigungen des Nervensystems sowie der Hauptschlagader betroffen sein, so die aktuelle Berechnung des Wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse AOK (WIdO). 1

Der Allgemeinmediziner Dr. Stefan Pieper aus Konstanz, der Patienten mit Fluorchinolon-spezifischen Nebenwirkungen aus ganz Deutschland behandelt, schätzt diese Zahl um das Zehnfache höher und beklagt mangelndes Interesse sowohl seitens der Wissenschaft als auch bei den behandelnden Hausärzten, Urologen, Gynäkologen und HNO-Ärzten.

„Patienten fangen an zu weinen, wenn ich sage, ich glaube Ihnen“

Videodauer: 3 Minuten

So denken Ihre Kollegen

Auf Basis von AOK-Daten gibt das WIdO an, dass 3,8 Millionen Patienten im Jahr 2017 und 3,2 Millionen Patienten 2018 mit einem Medikament aus dieser Wirkstoffgruppe behandelt wurden. Das entspreche jährlich um die 5 Prozent der mehr als 72 Millionen gesetzlich Krankenversicherten.1

Zum gleichen Zeitpunkt haben Ärzte über ihr Verhalten bei den Fluorchinolon-Verordnungen im coliquio-Forum diskutiert. Dabei haben sich die meisten Kollegen grundsätzlich für einen vorsichtigen Umgang mit den Präparaten dieser Gruppe ausgesprochen.

Meinungen der coliquio-Ärzte

Wenn alle Mittel versagt haben: „selzer“, Facharzt für Innere Medizin, bezeichnet Fluorchinolone als Reserveantibiotika, die er nur bei schwerwiegenden Erkrankungen einsetzt, wenn eine Zeitverzögerung nicht mehr zu verantworten wäre. Der Allgemeinmediziner „mandoep“ geht noch einen Schritt weiter und erklärt, dass es nur wenige unumgängliche Notwendigkeiten für Fluorchinolone gibt. Er verordnet sie nur dann, wenn alle anderen Mittel versagt haben.

Häufiges Auftreten von Pseudomonas und MRSE: „vdg007“ aus dem Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie berichtet über häufiges Auftreten von Pseudomonas und MRSE nach einer Chinolon-Behandlung und hält die Präparate grundsätzlich für sehr problematisch.

Mehr Fortbildungen nötig: Allgemeinmediziner „thonieknr“ bezeichnet die Verschreibung von Fluorchinolonen bei den unkomplizierten Harnweginfekten sogar als grob fahrlässig und fordert mehr Fortbildungen für Ärzte zur rationalen Antibiotikatherapie.

Keine Angst vor rechtlichen Konsequenzen: „ebegeke“ berichtet aus seiner Erfahrung als langjähriger Gutachter und macht die Kollegen auf einen ganz anderen Aspekt aufmerksam. Laut „ebegeke“ gäbe es einige Ärzte, die aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen banale Harnwegsinfekte mit Ciprofloxacin, Levovloxazin und Consorten behandeln würden. In diesem Zusammenhang betont „ebegeke“ noch einmal, dass Ärzte nicht wegen leitliniengerechten Verordnungen verurteilt werden, aber wohl wegen einer nicht angezeigten Antibiose.

Die meisten Kollegen haben sich im coliquio-Forum gegen Fluorchinolon-Verordnungen bei banalen Harnweginfektionen ausgesprochen. Doch es gab auch ein paar Gegenstimmen, die Fluorchinolone immer noch als Mittel der Wahl oder sogar als Mittel der ersten Wahl bei urologischen Infektionen sehen.

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Unkomplizierte Harnwegsinfektionen brauchen meist keine Antibiotika

In der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten deutschen ICUTI-Studie zeigte sich, dass etwa zwei Drittel der 494 Patientinnen mit unkomplizierter Harnwegsinfektion auch ohne Antibiotikum wieder gesund wurden. Eine rein symptomatische Behandlung mit einem entzündungshemmenden Schmerzmittel reichte aus. Bei jeder dritten Patientin hielten die Symptome zu lange an oder verschlimmerten sich, sodass doch noch mit Antibiotika behandelt werden musste.2

Aufklärung auch bei Patienten wichtig: Oft verspüren Ärzte einen Verordnungsdruck, weil Patienten selbst nach einem Antibiotikum verlangen. Die aktuelle Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie „Sommerleiden Blasenentzündung: Erst einmal ohne Antibiotikum behandeln“ könnte bei der Aufklärungsarbeit Abhilfe schaffen.

  1. Schröder H et al. Risikoreiche Verordnungen von Fluorchinolon-Antibiotika in Deutschland. Wissenschaftliches Institut der AOK (WldO), Mai 2019
  2. Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie e.V. Sommerleiden Blasenentzündung: Erst einmal ohne Antibiotikum behandeln. 23.07.2019

Titelbild: © Getty Images/Chatchai Limjareon

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