30. Juli 2019

Fluorchinolone – Teil 1

Dr. Stefan Pieper: „Die Aufsichtsbehörden haben total versagt“

Laut einer Berechnung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) haben über 3 Millionen Patienten in den vergangenen beiden Jahren Fluorchinolone erhalten.1 Im April dieses Jahres werden Ärzte in einem Rote-Hand-Brief aufgefordert, die Medikamente nur noch im Einzelfall zu verschreiben.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dr. Stefan Pieper, Allgemeinmediziner und Autor der ersten deutschsprachigen Übersichtsarbeit zu Fluorchinolon-spezifischen Nebenwirkungen, im Gespräch mit Christoph Renninger.2

Bei welchen Krankheiten werden Fluorchinolone am häufigsten eingesetzt?

Dr. Pieper: Es ist bekannt, dass diese Medikamente in riesigen Mengen eingesetzt werden – und das auch bei banalen Infekten. An erster Stelle stehen vermutlich Harnwegsinfekte, bei denen Fluorchinolone unkritisch als erstes Antibiotikum zum Einsatz kommen. Häufig werden das Keimspektrum und die Resistenzlage nicht bestimmt und deshalb ein breit wirkendes Mittel anstelle eines passenden Antibiotikums verordnet.

Außerdem werden Infekte der oberen Atemwege (Sinusitis oder Bronchitis) und Sigmadivertikulitiden, teilweise als Mittel der Wahl, mit Fluorchinolonen behandelt. Bei bedrohlichen Erkrankungen kann der Einsatz angemessen sein, das Problem sind aber die banalen Infekte.

Welche Folgen können diese Wirkstoffe haben?

Dr. Pieper: Die Nebenwirkungen finden vor allem auf 4 Ebenen statt:

  • Am bekanntesten ist die Störung der Kollagensynthese durch den blockierten Umbau Prolin zu Hydroxyprolin bzw. die Andauung des gesunden Kollagens durch Matrix-Metallo-Proteinasen. Dadurch kann es zu Achillessehnenrissen oder Schäden anderer Sehnen kommen, ebenso zu Penisbrüchen, Netzhautablösungen, Leistenbrüchen, Aortendissektionen oder Wundheilungsstörungen.
  • Ein weiteres großes Gebiet ist die Erschöpfung, die häufig in ein Chronic Fatigue Syndrom übergeht und durch enormen oxidativen Stress in den Zellen und mitochondriale Schädigungen ausgelöst wird.
  • Auch neurotoxische Symptome sind möglich, die zum Teil irreversibel sein können. Die Bandbreite der neuropathischen Beschwerden reicht von leichtem Kribbeln bis zu schlimmsten brennenden Schmerzen. Auch autonome Nervenschädigungen können auftreten, mit Gastroparese, Resorptionsproblemen oder Malabsorptionssyndromen.
  • Der vierte Bereich ist das GABA-System (γ-Aminobuttersäure), da Fluorchinolone im Gehirn an GABA-Rezeptoren binden und diese blockieren. Durch die Verminderung der inhibitorischen Funktion kommt es zu einer Übererregbarkeit. Dies kann zu nervöser Unruhe, Schlafstörungen und vor allem Angst- und Panikattacken führen, bis hin zu Selbstmordgedanken und Suiziden.
  • Wie bei anderen Antibiotika auch, tritt außerdem eine Störung der Darmflora auf. Auch eine Antibiotika-assoziierte Enteritis ist möglich.

Dr. Pieper über den aktuellen Rote-Hand-Brief und Kostenübernahme durch Krankenkassen

Videodauer: 3 Minuten

In der WIdO-Studie geht man von jährlich ca. 40.000 Fluorchinolon-spezifischen Nebenwirkungen und sogar von bis zu 140 Todesfällen aus. Wie bewerten Sie diese Einschätzung?

Dr. Pieper: Aus meiner Sicht sind diese Zahlen sehr konservativ berechnet. Auf Grundlage von Berechnungen der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA, die auf Meldungen von Arzneimittelnebenwirkungen beruhen, komme ich bei der Übertragung auf die Verhältnisse in Deutschland auf Werte, die um den Faktor 10 höher liegen. Man kann von 398.000 betroffenen Patienten und 1500 Todesfällen ausgehen, das sind mehr als Verkehrsunfallverletzte und Verkehrsunfalltote.

Die Gesundheitssysteme der beiden Länder sind in etwa vergleichbar, durch die Pflichtversicherung in Deutschland werden Fluorchinolone wahrscheinlich sogar noch häufiger verordnet. Zudem sind hierzulande mehr verschiedene Wirkstoffe zugelassen als in den USA. Dies wurde in den Berechnungen jedoch nicht berücksichtigt.

Dr. Stefan Pieper ist Arzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie, Akupunktur und Rettungsmedizin. In seiner Praxis in Konstanz behandelt er Patienten mit Schäden durch Fluorchinolone aus ganz Deutschland. Zur Pathogenese und Therapie hat er die erste deutschsprachige Arbeit verfasst.2

Alle Beiträge zu Fluorchinolonen

  1. Schröder H et al. Risikoreiche Verordnungen von Fluorchinolon-Antibiotika in Deutschland. Wissenschaftliches Institut der AOK (WldO), Mai 2019
  2. Pieper S. Pathogenese und Therapie der Fluoroquinolone-Associated Disability (FQAD). Orthomolekulare Medizin und Ernährung 2019; 163: F36.

Bildquelle: © Getty Images/alvarez

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