19. Mai 2021

Fettleber: „Auch eine Zirrhose heißt nicht, es ist alles verloren“

Leberkrankungen und Zirrhosen nehmen in Deutschland zu sind aber gut behandelbar. Das funktioniert, wenn sie rechtzeitig diagnostiziert werden. 1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Leberkrankungen nehmen in Deutschland zu: „Die Zahl der Betroffenen mit Fettleber-bedingter Fibrose oder Leberzirrhose wird sich in den kommenden 10 Jahren etwa verdreifachen – von circa 500.000 im Jahr 2015 auf 1,5 Millionen im Jahr 2030“, stellte Prof. Dr. Frank Tacke, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hepatologie und Gastroenterologie der Charité Berlin, auf der Jahrespressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS) klar.

Dass die Früherkennung von Lebererkrankungen immer wichtiger wird, hob Prof. Dr. Heiner Wedemeyer hervor. Er ist der Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) „Auch eine Leberzirrhose heißt nicht: Es ist alles verloren. Wir können Patienten mit einer kompensierten Leberkrankung gut behandeln. Das geht aber nur dann, wenn Leberkrankungen und Zirrhosen rechtzeitig diagnostiziert werden“, so Wedemeyer. 

In Deutschland leiden bis zu 1 Million Menschen an einer Leberzirrhose. Symptome wie Bauchwasser, Gelbsucht oder Blutungen aus Krampfadern in der Speiseröhre tauchen häufig erst im Spätstadium der Erkrankung auf. Eine unbehandelte Leberzirrhose ist eine hochmaligne Erkrankung, zumal sich aus einer Leberzirrhose häufig ein Leberzellkarzinom entwickeln kann.

„Dennoch stimmt die Vorstellung‚ einmal Zirrhose – immer Zirrhose‘ nicht“, sagte Wedemeyer. Für viele Erkrankungen konnte gezeigt werden, dass sich frühe Leberzirrhosen sogar zurückbilden können. Das gilt zum Beispiel für konsequente Aderlässe bei der Eisenspeicherkrankheit, für die erfolgreiche antivirale Behandlung einer Hepatitis B oder Hepatitis C oder auch für die Fettlebererkrankung.

Für die Hepatitis C ist der Nutzen einer Ausheilung für die Leberfunktion und die Leberfibrose eindrücklich im Deutschen Hepatitis-C-Register mit mehr als 17.500 Patienten gezeigt worden.

Alkohol steht als Ursache von Leberzirrhose nicht an erster Stelle

Komplikationen einer Leberzirrhose können gut verhindert oder behandelt werden, erinnerte Wedemeyer. Und auch bei fortgeschrittenen Leberzirrhosen lassen sich Komplikationen durch regelmäßige Überwachung verhindern (z.B. Ultraschallüberwachung zur Entdeckung von Leberzellkrebs in frühen Stadien). Auch die Entstehung von Bauchwasser oder Krampfaderblutungen können verhindert werden, wenn ein Shunt zwischen Pfortader und Lebervenen durch die Leber eingesetzt wird.

Die Ursachen für Leberzirrhosen sind vielfältig. Schädlicher Alkoholkonsum kann zu einer Lebervernarbung führen, er steht quantitativ aber nicht an „erster Stelle“, so Wedemeyer. Zu den Ursachen gehören auch Virusinfektionen der Leber, autoimmune Leber- und Gallenwegserkrankungen, genetische Erkrankungen, Erkrankungen der Gefäße oder andere toxischen Ursachen.

Mehr und mehr steht die Fettlebererkrankung als Ursache im Vordergrund und „wird in den nächsten 10 Jahren nicht nur bei weitem der häufigste Grund für eine Leberzirrhose sein, sondern stellt auch eine wichtige Begleiterkrankung dar, die den Verlauf anderer Lebererkrankungen verschlechtert“, erklärte Wedemeyer.

18 Millionen Deutsche leiden an nicht-alkoholischer Fettleber

Nach Schätzungen leiden in Deutschland 18 Millionen Menschen (23% der Allgemeinbevölkerung) an einer nicht-alkoholischen Fettleber (NAFLD), berichtete. „Von diesen 18 Millionen ist bei 15% mit einer schweren Verlaufsform – der nicht-alkoholischen Steatohepatitis (NASH) – zu rechnen“, so Tacke. Weltweit ist die NAFLD die häufigste chronische Lebererkrankung und tritt oft gemeinsam mit Übergewicht/Fettleibigkeit, Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck und gestörtem Fettstoffwechsel auf.

Dabei reicht das Spektrum von der einfachen Fettleber über die Fettleberentzündung (NASH) mit erhöhtem Risiko für einen fortschreitenden Verlauf. Dazu zählen z.B. Folgeschäden am Herz-Kreislauf-System oder an der Leber bis hin zur Zirrhose und zur Entwicklung eines hepatozellulären Karzinoms (HCC). Der Verdacht auf eine Fettleber ergibt sich oft beim Hausarzt oder Internisten aufgrund eines auffälligen Ultraschallbildes und/oder erhöhter Leberwerte (Gamma-GT, ALT/GPT).

Fibrose ja oder nein? Bluttest FIB-4 erlaubt eine Risikoabschätzung

Für die Prognose entscheidend ist das Fibrosestadium der Leber, das heißt der bindegewebige Umbau des Gewebes („Lebervernarbung“). Durch einfache Bluttests wie z.B. den FIB4-Score kann der Hausarzt oder Internist erkennen, ob eine Leberfibrose vorliegt, und dann zum Gastroenterologen bzw. Leberspezialisten überweisen.

In den FIB4-Score gehen Alter, Thrombozytenzahl und die Leberwerte AST und ALT ein – „der daraus berechnete Wert stellt den Risikoindikator dar“, so Tacke. Mit der transienten Elastografie (einer speziellen Ultraschalltechnik) kann dann die Steifigkeit des Lebergewebes gemessen und die Diagnose Leberfibrose gesichert werden.

Entscheidend für die Behandlung der Fettleber ist ein gesunder Lebensstil, betonte Tacke: „Dazu gehört eine Lebensstilberatung, Gewichtsabnahme, Bewegung, Verzicht auf zuckerhaltige Getränke, Süßigkeiten und Snacks – also genau das, was ein hohes Anfluten von Zucker in die Leber bewirkt und die Verfettung der Leber verursacht.“

Tacke wies darauf hin, dass bei starkem Übergewicht auch die aus der Diabetologie bekannten GLP-1-Analoga und die SGLT-2-Hemmer als Behandlungsoptionen infrage kommen. Neben gewichtsreduzierenden Medikamenten können endoskopische Verfahren (z.B. Magenballon) oder die Adipositas-Chirurgie eingesetzt werden.

Fruchtzucker: Obst in Maßen ist okay, zuckerhaltige Getränke nicht

Für die Therapie der Fettleber existiert aktuell keine zugelassene medikamentöse Therapie. Allerdings laufen derzeit zahlreiche klinische Studien an Universitätskliniken und spezifischen Leberzentren. „Viele Zentren bieten die Möglichkeit, Patienten in Studien einzuschließen. Auch wenn es noch keine zugelassenen Medikamente gibt, kann man Patienten über die Teilnahme an Studien innovative Therapien anbieten“, berichtete Tacke.

Fruchtzucker (Fructose) begünstigt Fetteinlagerungen in der Leber. Anders als Glucose, die zur Energiegewinnung in den Zellen unverzichtbar ist, ist der Körper auf Fructose nicht angewiesen. Fructose kann nicht gespeichert werden und wird deshalb in der Leber in Fett umgewandelt. Sollte man wegen des Fruchtzuckers von Obst besser die Finger lassen?

„Zuckerhaltige Getränke, Cola, gesüßter Apfelsaft – das ist sicherlich extrem problematisch“, sagte Tacke. Fruchtzucker aus Obst werde hingegen – auch aufgrund der Ballaststoffe – etwas langsamer freigesetzt, der steile Zuckeranstieg zeige sich deshalb nicht ganz so sehr wie beim Trinken von zuckerhaltigen Getränken. „Für Obst gilt deshalb wohl der alte Satz aus der Medizin: Die Dosis macht das Gift. Ein Apfel am Tag ist wahrscheinlich okay, 3 kg Äpfel am Tag sind vermutlich nicht mehr gesund“, sagte Tacke.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.

  1. Jahrespressekonferenz der DGVS; dgvs; 18.05.2021.

Bildquelle: © gettyImages/magicmine

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