20. August 2021

Entzündliche Darmerkrankungen

Fertiggerichte können krank machen

Je mehr hochverarbeitete Lebensmittel Menschen zu sich nehmen, desto höher ist ihr Risiko, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED) zu entwickeln. Das ist das Ergebnis einer großen, multinationalen, prospektiven Kohortenstudie, die im BMJ veröffentlicht wurde.1

Lesedauer: 6 Minuten

Autorin: Dr. Bianca Bach

Je mehr hochverarbeitete Lebensmittel Menschen zu sich nehmen, desto höher ist ihr Risiko, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED) zu entwickeln. Das ist das Ergebnis einer großen, multinationalen, prospektiven Kohortenstudie, die im BMJ veröffentlicht wurde.  

Das erhöhte CED-Risiko, das ähnlich sowohl für Colitis ulcerosa als auch für Morbus Crohn beobachtet wurde, schien dabei nicht mit den Ausgangslebensmitteln zusammenzuhängen. Denn weder Fleisch, Milchprodukte, stärkehaltige Nahrungsmittel, Früchte, Gemüse oder Hülsenfrüchte als solche wurden in der Studie als Risikofaktoren identifiziert.

Die Autoren um den Gastroenterologen Prof. Dr. Neeraj Narula von der McMaster University in Hamilton, Kanada, vermuten, dass es womöglich „nicht das Essen selbst ist, das das Risiko mit sich bringt, sondern eher die Art und Weise, wie das Essen verarbeitet oder hoch-verarbeitet wird“. So fanden die Forscher beispielsweise ein erhöhtes Risiko beim Konsum gebratener Speisen. Dazu gehören bekanntlich auch viele Fertiggerichte, etwa Pommes frites oder Chicken Nuggets.

Womöglich sind auch Zusatzstoffe verantwortlich

Eine hohe Salzzufuhr, etwa beim Verzehr salziger Snacks, die die Wissenschaftler stellvertretend anhand der Natriumausscheidung im Urin analysierten, war nicht mit einem erhöhten CED-Risiko assoziiert. Möglicherweise spielen Zusatzstoffe wie etwa Emulgatoren und Konservierungsstoffe eine Rolle. Welche Faktoren bei der Lebensmittelverarbeitung wesentlich für das CED-Risiko sind, muss weiter untersucht werden.

Das sieht auch Prof. Dr. Stephan Martin vom Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum (WDGZ) des Verbandes Katholischer Kliniken in Düsseldorf so. „Das Schlimme an der ganzen Sache ist: Man weiß ja gar nicht, woran es liegt“, sagte er im Gespräch mit Medscape. „Man müsste jetzt einzelne Bestandteile nehmen und dann gucken: Was machen die eigentlich?“

Es überrascht ihn nicht, dass gesundheitliche Probleme auftreten, „wenn chemische Produkte, die der Körper noch nie gesehen hat, jetzt in Nahrungsmittel hineingegeben werden, nur damit sie haltbarer sind oder damit sie weniger Fett haben.“

Der Diabetologe und Ernährungs-Experte betonte, dass nicht nur von vornherein als ungesund angesehene Speisen, etwa Fertigpizza oder fettige Snacks zu den hochverarbeiteten Lebensmitteln zählen, sondern ebenso Lebensmittel, die als gesund propagiert werden – wie etwa fettarme oder „Light“-Produkte, die die gewünschten Eigenschaften letztlich nur durch spezielle Verarbeitung der Ausgangsprodukte oder Zusatzstoffe erlangen.

Datensammlung mit Fragebögen

Der aktuellen Studien liegen Daten aus der Prospective Urban Rural Epidemiology (PURE)-Kohorte zugrunde. aufgenommen wurden zwischen 2003 und 2014 insgesamt 116.087 Erwachsene im Alter von 35 bis 70 Jahren in 21 Ländern mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen in 7 Weltregionen: Europa, Nordamerika, Südamerika, Afrika, Mittlerer Osten, Südasien, Südostasien und China.

Zu Studienbeginn füllten die Teilnehmer Fragenbögen zur Häufigkeit ihres Verzehrs von verschiedenen Nahrungsmitteln aus, die jeweils spezifisch für das betreffende Land validiert worden waren. Alle 3 Jahre wurden sie dann befragt, ob inzwischen die Diagnose einer Colitis ulcerosa oder eines Morbus Crohn gestellt worden war.

Voraussetzung für die Studienteilnahme war mindestens ein solcher Follow-up-Zyklus. Wer innerhalb des ersten Beobachtungsjahrs eine CED entwickelte, wurde ausgeschlossen. Damit sollte verhindert werden, dass anfängliche Änderungen in der Diät aufgrund etwaiger Magen-Darm-Symptome, die dann zur CED-Diagnose führten, die Ergebnisse verfälschen.

„Wir haben hier natürlich eine Beobachtungsstudie“, räumte Martin ein. Und: „Das Problem bei den Ernährungsstudien ist: Man fragt das nur einmal ab, etwa: Wieviel Fleisch essen Sie? – Ich weiß nicht, ob das so richtig verlässlich ist. Aber das ist das grundsätzliche Problem bei solchen Studien. Lebensstil lässt sich nicht wie ein Medikament analysieren.“

Follow-up über fast 10 Jahre

Über eine mediane Nachbeobachtungszeit von 9,7 Jahren entwickelten 467 Teilnehmer eine CED, davon 90 einen Morbus Crohn und 377 eine Colitis ulcerosa. Nach Adjustierung möglicher Einflussfaktoren – wie Rauchen, Body-Mass-Index, Alkohol oder Wohnort – war das CED-Risiko bei Verzehr hochverarbeiteter Lebensmittel 1,82-fach erhöht, wenn die Menschen davon mehr als 5 Portionen täglich zu sich nahmen.

Für Morbus Crohn war das Risiko bei ≥5 Portionen 4,5-fach und für Colitis ulcerosa 1,45-fach so hoch – im Vergleich zu Menschen, die weniger als ein hochverarbeitetes Lebensmittel pro Tag zu sich nahmen. Die Hazard Ratios bei 1 bis 4 Portionen täglich betrugen insgesamt 1,67, für Morbus Crohn 2,72 und für Colitis ulcerosa 1,55.

Das erhöhte Risiko ließ sich auch für die einzelnen Gruppen verarbeiteter Lebensmittel nachweisen, also etwa für Fleischgerichte, Soft-Getränke, mit raffiniertem Zucker gesüßte Speisen sowie salzige Speisen und Snacks.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die Studie aufgrund der Altersverteilung der PURE-Teilnehmer (35 bis 70 Jahre) möglichweise zu wenig Power hat, um die Risikofaktoren für die Entwicklung eines Morbus Crohn hinreichend zu beurteilen. Er manifestiert sich oft bei Jüngeren. „Auch ist unklar, ob sich die Ergebnisse auf Patienten, die in jüngeren Jahren (Kindheit oder Jugend) eine CED entwickeln, übertragen lassen.“

Letztlich ließe sich auch nicht ausschließen, dass möglicherweise weitere Einflussfaktoren bestehen, die in der Studie nicht erfasst wurden oder noch unbekannt sind.

Fokus geht weg von Makro- und Mikronährstoffen

Martin bewertet den neuen Fokus auf hochverarbeitete Lebensmittel als „total spannend“: „Im letzten oder vorletzten Jahr gab es da ja große Analysen, in denen auch eine erhöhte kardiovaskuläre Mortalität nachgewiesen wurde.“ Die Studie zu den CED bringe jetzt wieder einen neuen Aspekt hinein. Der Mediziner begrüßt es, „dass da eine neue Tür aufgemacht wird, und dass man nicht mehr nur auf Mikronährstoffe und Makronährstoffe achtet“ – etwa wie viel Proteine, Kohlenhydrate oder Fette in Speisen enthalten sind.

„Ich sehe das auch für die Adipositas als ein großes Problem an“, so Martin. „Nur den Fettkonsum und den Kohlenhydratkonsum dafür anzuschuldigen, dass die Menschen weltweit dick werden, ist sicherlich falsch. Denn wahrscheinlich sind in den Lebensmitteln noch andere Stoffe enthalten, die die ganze Sache sehr ungünstig gestalten.“ Auch sei beispielsweise von künstlichen Süßstoffen bekannt, dass sie den Darm durchlässiger machten.

Am häufigsten wurden verarbeitete Lebensmittel, besonders Fleischprodukte und Soft-Drinks, laut der Studie in Nordamerika, Europa und Südamerika verzehrt. Süßspeisen mit raffiniertem Zucker konsumierten vorrangig die Südamerikaner, gefolgt von den Menschen im Mittleren Osten und Südostasien. Snacks und salzige Speisen wurden vorwiegend in Nordamerika und Südostasien gegessen, während in China die höchste Natriumaufnahme beobachtet wurde.

„Esst bitte das, was eure Oma auch schon gegessen hat“

Eine Diät westlichen Typs, typischerweise mit einem hohen Gehalt an Protein, Fett, Salz und Zucker, aber wenig Obst, Gemüse und Ballaststoffen, ist bekanntlich mit einem höheren CED-Risiko assoziiert. Das hängt wohl auch mit Veränderungen des Mikrobioms zusammen. Etwaige Veränderungen der Ernährungsweisen in den einzelnen Regionen über die Zeit, etwa durch einen zunehmend „westlichen“ Lebensstil, wurden in der Studie nicht berücksichtigt.

„Wir haben eine weltweite Problematik“, betonte Martin, „weil die Menschen Fertigprodukte kaufen.“ Seinen Patienten sage er immer: „Esst bitte das, was eure Oma auch schon gegessen hat.“ Das sei ursprünglicher.

Die Verantwortung sieht der Mediziner künftig auch stärker bei den Regierungen, „dass man fordert, dass viel stärker die Zusatzprodukte in Studien analysiert werden“. Zugleich sieht er aber Hindernisse: „In dem Bereich wird nicht geforscht. Und wenn geforscht wird, macht das die Industrie allein, und öffentliche Forschung gibt es da gar nicht.“

Das Problem in Deutschland sei, dass klinische Forschung nicht finanziert werde. „Der überwiegende Teil geht in die molekulare Forschung. Und Dinge des täglichen Lebens bleiben auf der Strecke. Dafür gibt es kein Institut, das das macht.“

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.“

Bildquelle: © gettyImages/monkeybusinessimages

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