11. November 2020

EKG-Befundung: Viele Ärzte machen Fehler

Ein EKG kann in seiner Interpretation mitunter hochkomplex sein. Selbst Kardiologen befunden im Schnitt nur 75 % der EKGs korrekt, wie Forscher aus den USA in einem Review herausfanden.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Artikel basiert auf der Publikation von Cook et al. (2020). Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Ein systematisches Review zur diagnostischen Treffsicherheit

Das einfache Instrument zur Messung der kardialen Erregungsausbreitung kann in seiner Interpretation sehr komplex sein und erfordert vor allem viel Übung. Doch wie treffsicher sind Ärzte bei der Beurteilung von EKGs? Dieser Frage sind David Cook und seine Kollegen nachgegangen. In einem systematischen Review mit Meta-Analyse haben die US-Forscher 78 verschiedene Studien gefunden, die die diagnostische Treffsicherheit von Medizinstudenten und Ärzten bei der Befundung von EKGs untersuchten. Dabei gab es auch Interventionen in Form von Kursen und Fortbildungen unterschiedlicher Art, mit einer prä- und post-interventionellen Messung.

Selbst Kardiologen befunden 25% der EKG-Diagnosen nicht korrekt

Wie erwartet schnitten die Teilnehmer immer besser ab, je weiter sie in ihrer medizinischen Karriere fortgeschritten waren. Medizinstudenten taten sich mit einer EKG-Befundung erwartungsgemäß am schwersten, Fachärzte für Kardiologie interpretierten EKGs am zutreffendsten – allerdings stellten auch Kardiologen bei 25% der vorgelegten Befunde nicht die richtige Diagnose. Die Genauigkeit der getesteten Studenten und Ärzte betrug im Median 54%.

Das waren die Ergebnisse je nach Ausbildungsstand:

  • Medizinstudenten (n= 4256) hatten eine Trefferrate von 42 % (95 % KI 34-50 %).
  • Assistenzärzte (n=2379) hatten eine Trefferrate von knapp 56 % (95 % KI 48-64 %).
  • Nicht-kardiologische Fachärzte (n= 1074) hatten eine Trefferrate von 68,5 % (95% KI 58-80 %).
  • Kardiologen (n= 2094) hatten eine Trefferrate von 75 % (95 % KI 63-87 %).

Bessere Ergebnisse nach der Fortbildung

Nach einem EKG-Training konnten alle Gruppen ihr diagnostisches Können deutlich verbessern. So sahen die Trefferraten danach aus:

  • Medizinstudenten: 61,5% (95% KI 56-67 %)
  • Assistenzärzte: 66,5% (95% KI 57-76 %)
  • Nicht-kardiologische Fachärzte: 80 % (95% KI 73-87,5 %)
  • Kardiologen: 87,5% (95% KI 85-90 %)

Ernüchternde Trefferraten: Können die Ergebnisse so stimmen?

Doch wie zuverlässig sind diese ernüchternden Trefferraten? Um sich einer Antwort darauf zu nähern, hinterfragten die Forscher, wie die Studien die „richtigen“ Antworten festlegten.
Dafür teilten sie die Studien in zwei Lager ein: In der „robusten“ Gruppe wurde die richtige Diagnose durch andere Untersuchungsmethoden belegt (Laborwerte oder Echokardiogramm) oder durch mindestens zwei Experten im unabhängigen Review oder Konsens festgelegt. In der weniger robusten Gruppe legte nur ein einzelner Experte die richtige Diagnose fest, oder die Studie erklärte gar nicht erst, wie die Richtigantworten definiert wurden.
Wenn nur diejenigen Studien mit einer robusten Definition der richtigen Diagnose analysiert wurden, lag über alle Probandengruppen hinweg die mittlere Trefferquote bei 58%.

Um diese Zahlen in Relation zu setzen, lohnt sich ein Blick in die Empfehlungen zur standardisierten Beurteilung von EKGs der American Heart Association (hier frei zugänglich). Darin kommen über 200 unterschiedliche Items vor, die Auffälligkeiten im EKG beschreiben. Die Studienautoren hinterfragen daher, ob ein Test über im Schnitt 10 Fragen die diagnostische Sicherheit eines Arztes tatsächlich abbilden kann.
(Für Studenten und als Refresher deutlich pragmatischer ist das Lehrkonzept aus einer internationalen Arbeit um Pavel Antiperovitch, mit einer Auswahl von 37 EKG-Mustern, die eingeteilt werden in häufig vs. weniger häufig und Notfall vs. kein Notfall.)

Möglichkeiten zum Auffrischen der EKG-Kenntnisse

Als zertifizierte Online-Fortbildung steht in Deutschland zum Beispiel der Intensivkurs EKG auf Kardiologie.org zur Verfügung (Preis: 129 €/Jahr, für DGK-Mitglieder 99 €/Jahr). Medizinstudenten schwören auf das Buch EKG-Kurs für Isabel“, das ebenfalls 80 Übungs-EKGs anbietet.
Die medizinische Fakultät der Universität New York bietet eine Online-Sammlung an, die mehr als 80.000 EKGs umfasst und die anhand vieler verschiedener Kriterien durchsucht werden kann.

  1. Cook DA, Oh S, Pusic MV. Accuracy of Physicians’ Electrocardiogram Interpretations: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Intern Med. 2020;180(11):1461–1471.

Bildquelle: © Getty Images/ enot-poloskun

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