27. April 2022

Vermeintliche Lyme-Borreliose

An diese Erkrankungen sollten Sie auch denken

Langanhaltende Symptome infolge eines Zeckenstichs werden oft fälschlicherweise als “chronische Lyme-Borreliose” gedeutet. Tatsächlich können sich dahinter eine Reihe anderer, teils schwerwiegender Erkrankungen verbergen, wie ein US-Ärzteteam herausgefunden hat. 1-3

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Fehlerhafte Schätzungen

Die Lyme-Borreliose ist in Europa die mit Abstand häufigste durch Zecken übertragene Krankheit. Abrechnungsdaten zufolge wird jährlich bei 240.000 (2010) bis 312.000 (2018) Patientinnen und Patienten der Gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland eine Lyme-Borreliose diagnostiziert.2

Aufgrund von klinischen Fehldiagnosen oder fehlerhafter Kodierung können Analysen von Abrechnungsdaten aber zu fehlerhaften Schätzungen führen. Zwar ist unter Fachleuten unstrittig, dass es sich bei der Lyme-Borreliose um eine weit verbreitete und ernst zu nehmende Krankheit handelt, doch kann sie aufgrund der vielfältigen dermatologischen, muskuloskelettalen, neurologischen und kardialen Symptome gelegentlich fehl- und überdiagnostiziert werden.

Gerade Betroffene, die sich von einer (vermeintlichen) Lyme-Borreliose nicht so rasch erholen – und auch nach Abschluss der Behandlung von anhaltenden (> 6 Monate) unspezifischen Beschwerden wie Fatigue, Gelenk- und Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, kognitiven Störungen und depressiven Verstimmungen berichten, sollten genauer betrachtet werden. Denn die Symptome einer klassischen Lyme-Borreliose sollte nach der Gabe von Antibiotika in der Regel vollständig verschwinden.

Umstrittener Begriff: „chronische Lyme-Borreliose“

Auch wenn die Ursache dieser lang anhaltenden Symptome bisher nicht geklärt ist, hat sich aufgrund ihres zeitlichen Auftretens in Verbindung mit einer definierten Lyme-Borreliose der Begriff „chronische Lyme-Borreliose“ oder „Post-Lyme-Syndrom“ bzw. „Post-Treatment Lyme-Disease“ (PTLDS) geprägt.  Dabei handelt sich um ein umstrittenes und unzureichend definiertes Syndrom, das aufgrund einer uneinheitlichen Datenlage nicht als eindeutige Krankheitsentität akzeptiert ist.3

Tatsächlich werden viele Fälle dieser chronischen Beschwerden irrtümlich auf eine Infektion mit Borrelia burgdorferi zurückgeführt, wie ein Forscherteam um Dr. Takaaki Kobayashi von der Klinik der Universität Iowa in den USA in einer retrospektiven Beobachtungsstudie herausfand.

Die Ärztinnen und Ärzte gingen der Frage nach, welche alternativen Erkrankungen Krankheiten sich hinter den chronischen Beschwerden Betroffener mit vermeintlicher Lyme-Borreliose verbergen können. Die Ergebnisse ihrer Analyse wurden in der Fachzeitschrift „The American Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Lyme-Borreliose häufig überdiagnostiziert

Das Team wertete Daten von Personen aus, die in den Jahren 2000 bis 2013 mit Verdacht auf Lyme-Borreliose in die Klinik der Johns Hopkins University School of Medicine in Lutherville, USA, überwiesen wurden. Von den insgesamt 1.261 Patientinnen und Patienten wiesen 1.061 (84 %) keine Evidenz für eine aktive oder kürzliche Lyme-Borreliose auf.  

Das primäre Ergebnis der Analyse waren klinisch beschriebene Diagnosen, die zu den Beschwerden beitragen. Zu den sekundären Ergebnissen gehörten die Dauer der Symptome und die Feststellung, ob es sich um neue Diagnosen oder um Diagnosen handelte, die auf bestehende Erkrankungen zurückzuführen waren.

Von den 1.061 überwiesenen Patientinnen und Patienten ohne Befund einer aktiven Borreliose ließ sich bei 690 Probanden (65 %) mindestens eine alternative Diagnose stellen.

405 (59 %) wiesen eine neu diagnostizierte Erkrankung auf und fast ein Fünftel (134) litt an einer bereits bekannten Krankheit, die zu den medizinischen Problemen führte. Bei weiteren 22 % (151) ließen sich die Beschwerden sowohl neuen als auch bereits bestehenden Erkrankungen zuordnen.

Häufigste Alternativdiagnosen

Insgesamt stellte das Team 139 Einzeldiagnosen. Die Symptomdauer betrug im Mittel 796 Tage bei denjenigen mit Diagnosen und 567 Tage bei denjenigen ohne gesicherte Diagnose.

Infektionskrankheiten machten nur 3,2 % der Diagnosen aus. Die häufigsten Diagnosen waren

  • Angst/Depression 21 %,
  • Fibromyalgie 11 %,
  • chronisches Müdigkeitssyndrom 7 %,
  • Migräne 7 %,
  • Osteoarthritis 6 % und
  • Schlafstörungen/Apnoe 5 %.

Borreliose als Sündenbock?

Als einen möglichen Grund für die Überdiagnose der Lyme-Borreliose nennen Kabayashi und sein Team, dass chronische Beschwerden sowohl für Betroffene als auch für deren Ärztinnen oder Ärzte zu Frustrationen führen können. Eine scheinbar heilbare Diagnose wie die Lyme-Borreliose könne da „Erleichterung bringen“.

Auf der anderen Seite könne aber auch die bloße Annahme, dass eine Borreliose keine Erklärung für langfristige Symptome ist, dazu führen, dass Mediziner Betroffene schnell entlassen – ohne mögliche alternative Ursachen zu besprechen, so das Autorenteam weiter.

Desillusionierte Patientinnen und Patienten würden sich dann Hilfe außerhalb der Schulmedizin suchen und sich etwa einer Langzeitherapie mit Antibiotika unterziehen, mit zuweilen schweren Komplikationen.

„Die schiere Bandbreite der verschiedenen Diagnosen zeigt, dass die Borreliose häufig zum Sündenbock für unzureichend verstandene Probleme geworden ist”, schreiben die US-Ärztinnen und -Ärzte. Eine gründliche Untersuchung, ein ehrliches ärztliches Gespräch und die Abklärung alternativer Diagnosen sollten deshalb bei diesem schwierigen Patientenkollektiv zur Routine gehören.

  • Die Autorinnen und Autoren weisen auf wesentliche Einschränkungen der Studie hin: Die Diagnosen wurden nicht systematisch oder prospektiv bewertet, sondern spiegelten die realen klinischen Diagnosen wider. Es handelte sich um eine retrospektive Beobachtungsreihe mit damit verbundenen Verzerrungen. Da die Einzelstudie nur an einem einzelnen Krankenhaus mit einem potenziell medizinisch komplizierten Patientenkollektiv stattgefunden hat, könnte sich diese Population von der breiteren Gemeinschaft unterscheiden. Etwas mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten mit vermeintlichen Borreliose-Symptomen wurde nur ein einziges Mal untersucht.

Lesen Sie auch: Chronische Borreliose: Eine der größten Kontroversen der Medizin
Viele Ärzte hatten es bereits mit Patientinnen und Patienten zu tun, die davon überzeugt waren, an einer chronischen Borreliose zu leiden – entgegen ihrer somatischen oder psychiatrischen Diagnose. Manche brechen deshalb sogar eine schulmedizinische Behandlung ab. Was hat es mit dem Phantom „chronische Borreliose“ auf sich? >> Zum Beitrag

  1. Takaaki Kobayashi, Yvonne Higgins, Michael T. Melia, Paul G. Auwaerter, Mistaken Identity: Many Diagnoses are Frequently Misattributed to Lyme Disease, The American Journal of Medicine, Volume 135, Issue 4, 2022, Pages 503-511, https://doi.org/10.1016/j.amjmed.2021.10.040.
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Leitlinie Neuroborreliose, 21.3.2018 

Bild: © GettyImages/fhm

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Jeremy Schneider, Blake DeSimone
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653