29. März 2019

Faktencheck zur Zeitumstellung

Die aktuelle Umstellung zur Sommerzeit könnte eine der letzten sein: Das EU-Parlament plädiert für eine Abschaffung der Zeitumstellung im Jahr 2021. Welche der unzähligen Behauptungen zur Zeitumstellung treffen auch tatsächlich zu?

Lesedauer: 4 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Redaktionelle Umsetzung: Marc Fröhling

1. Die Zeitumstellung schadet der Gesundheit

Behauptung: Das bisherige Hin und Her schadet der Gesundheit, weil unsere Innere Uhr jedes Mal durcheinandergerät.
Bewertung: Teils richtig. Es gibt wissenschaftliche Anhaltspunkte dafür, dass die Anpassung des Biorhythmus besonders im Frühjahr nicht so einfach ist.

Fakten: Die Krankenkasse DAK etwa hat in einer Langzeitbeobachtung festgestellt, dass in den ersten drei Tagen nach der Zeitumstellung 25 % mehr Patienten mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus kamen als im Jahresdurchschnitt.

Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages zitierten im Jahr 2014 Studien aus Schweden und den USA, die ein leicht erhöhtes Infarktrisiko nach der Zeitumstellung im Frühjahr belegten. Eine australische Studie zeigte einen Zusammenhang zwischen Zeitumstellung und Suizidrate: Auch kleine Veränderungen im Biorhythmus könnten demnach bei gefährdeten Menschen destabilisierend wirken.

In einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK (2018) wiederum gaben 72 Prozent der Befragten an, sie können sich nicht erinnern, dass ihnen die Zeitumstellung schon einmal Probleme bereitet hätte.

2. Schüler und Studenten sind die Leidtragenden

Behauptung: Von einer dauerhaften Sommerzeit wären Schüler und Studenten besonders hart betroffen.
Bewertung: Richtig.

Fakten: Nach Umstellung auf die permanente Sommerzeit würde es im Winter morgens eine Stunde später hell. Mediziner weisen darauf hin, dass Menschen das blaue Licht der Sonnenstrahlung brauchen, um wach zu werden. Alfred Wiater, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), sagte dazu dem Deutschen Ärzteblatt, die Serotoninausschüttung werde durch Licht stimuliert – „so werden wir morgens wach und munter.”

Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg sieht besonders viele Teenager betroffen. Ihr typischer Biorhythmus verschiebe ihre Innere Uhr und mache sie zu Langschläfern. Schon der Schulstart um 08.00 Uhr morgens sei für sie vergleichbar mit einem Arbeitsbeginn um 04.00 Uhr bei Erwachsenen. „Das sollen sich einfach mal Erwachsene vor Augen führen, (…) wie aufmerksam sie dann sind und wie gut sie dann lernen können”, so Roenneberg in einem Podcast seiner Universität.

Die Zeitumstellung verschärfe dieses Problem noch: „Die Diskrepanz zwischen dem, was die Innere Uhr leben möchte, und dem, was wir leben müssen, (…) wird um eine Stunde noch vergrößert – mit allen Konsequenzen: Schlafmangel, mehr rauchen, mehr unter Stress stehen usw.”

Abschaffung der Sommerzeit: So denken Ihre Kollegen
Auch auf coliquio wurde die Zeitumstallung rege diskutiert. Hier geht´s zur Diskussion „Abschaffung der Sommerzeit: Sind Sie dafür?”

3. Dauerhafte Winterzeit am natürlichsten

Behauptung: Eine dauerhafte Winterzeit kommt den natürlichen Verhältnissen am nächsten.
Bewertung: Stimmt mit Einschränkungen

Fakten: „Natürlich” wäre es, wenn die Sonne punkt 12 Uhr mittags ihren Zenit erreichen würde – das entspricht der „Sonnenzeit.” So ist es beispielsweise im Winter in Görlitz, am östlichsten Zipfel Deutschlands. Die Stadt liegt genau auf dem 15. Längengrad, sie ist deshalb idealtypisch für die Berechnung der „Normalzeit” – der Mitteleuropäischen Zeit MEZ – in Deutschland. Schon in Hamburg oder Dortmund stimmen Sonnen- und Uhrzeit aber nicht mehr überein, weil sie deutlich westlicher liegen.

Die Zeitzonen orientieren sich an der Koordinierten Weltzeit (UTC). Dafür wird der Erdball, ausgehend vom Nullmeridian in Greenwich bei London, gedanklich in 24 Zonen mit einer Breite von je 15 Längengraden eingeteilt. Von einer dieser Zonen zur nächsten beträgt der Zeitunterschied jeweils eine Stunde.

In der Realität werden die Umrisse der Zeitzonen von politischen Grenzen und geografischen Gegebenheiten verzerrt. MEZ etwa gilt in Europa von der Atlantikküste bis an die polnische Ostgrenze. Das führt dazu, dass die Sonne in Spanien den höchsten Stand erst gegen 13 Uhr erreicht, in Polen schon gegen 11 Uhr. Den „natürlichen” Verhältnissen entspricht die dauerhafte Winterzeit also nur in einem kleinen Teil Europas.

4. Mythos Energieersparnis

Behauptung: Die Sommerzeit hilft dabei, Energie zu sparen.
Bewertung: Weitgehend falsch.

Fakten: Es gibt keinen Nachweis, dass in relevantem Maß Energie gespart würde. Das Umweltbundesamt etwa argumentiert: „Zwar wird durch die Zeitumstellung im Sommer tatsächlich abends weniger häufig das Licht angeknipst – im Frühjahr und Herbst jedoch wird in den Morgenstunden auch mehr geheizt. Das hebt sich gegenseitig auf.”

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag kommt zu dem Schluss, dass sich „bestenfalls nur sehr geringfügige Energieeinsparungen realisieren lassen.” Eine Auswertung von Studien aus verschiedenen Ländern habe 2016 mögliche Veränderungen in den Bereichen Stromverbrauch und Raumwärme von nicht mehr als einem Prozent ergeben. Auch eine Befragung bei rund 700 Unternehmen und Verbänden der deutschen Energiewirtschaft ergab kein anderes Ergebnis.

Die Wirtschaftswissenschaftler Korbinian von Blanckenburg und Julian Strauch haben anhand einer Analyse der Daten zweier Netzbetreiber in Kassel und Kempten errechnet, dass das derzeit geltende System der Zeitumstellung nur zu einer Einsparung von 0,78 Prozent beim Stromverbrauch privater Haushalte führt.

1. dpa; Katja Räther, 26.03.2019.

Titelbild: ©iStock.com/Wavetop

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653