09. September 2020

Evidenzbasierte Behandlung von Kopfläusen

Nach wie vor herrschen Unsicherheiten bei der Behandlung von Kopfläusen. Eine Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin möchte zu zielführender Beratung und wissensbasierten Empfehlungen verhelfen.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Harmlose Parasitose mit enormer gesellschaftlicher Bedeutung

Bei Kopflausbefall handelt es sich um eine meist symptomfreie Parasitose. Infestationen treten endemisch auf, epidemische Verläufe mit relevanten Fallzahlen sind selten. Das häufig mit einem Befall assoziierte Jucken tritt der Stellungnahme zufolge nur bei einer Minderheit der Betroffenen auf. Da die typischen Nissen zudem erst Monate nach dem Schlüpfen der Larven auffallen, sind lange Latenzen bis zur Diagnose möglich.

Therapieindikation: Nachweis einer lebenden Laus im Kopfhaar

Die Diagnosestellung erfolgt meist zufällig. Als eindeutig gilt der Nachweis mindestens einer beweglichen Laus auf dem Kopf der betroffenen Person. Ohne diesen Nachweis ist jede Intervention kritisch zu bewerten. Demnach stellt auch der Nachweis von Nissen im Haar keine Therapieindikation dar. Allerdings können die sozialen Folgen einer Pedikulose durch emotionale Reaktionen Betroffener und deren Umfeld von Bedeutung sein. Problematisch sind außerdem irrationale, nicht zielgerichtete Handlungen.

  • Allgemeines

    • Wirtsspezifischer Parasit (Größe: 2-4 mm).
    • Auf dauerhaftes Besiedeln des behaarten Menschenkopfes angewiesen.
    • Außerhalb dieses Mikroklimas: Entwicklung von Ei und Larve unterbrochen, adultes Tier ist innerhalb von Stunden geschwächt und stirbt ab (fehlende Blutmahlzeiten).

    Übertragung

    • Geschickte Kletterer an Haaren – ohne Haarkontakt jedoch kaum bewegungsfähig.
    • Nach Kontaktverlust aktive Rückkehr auf den Kopf fast ausgeschlossen.
    • Kaum aktives Bestreben, einen neuen Wirt zu suchen, Übertragung fast ausschließlich über Haar-zu-Haar-Kontakte.
    • Laboruntersuchungen lassen hierbei Kontaktzeiten von mindestens 30 Sekunden vermuten. Daher sind flüchtigere Haar-zu-Haar-Kontakte, wie in Gemeinschaftseinrichtungen üblich, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht übertragungsrelevant.

    Entwicklungszyklus

    • Eiablage erfolgt in Kopfhautnähe direkt an das Haar.
    • Nach 8-10 Tagen schlüpft die Larve, es folgen 3 Nymphenstadien mit Häutungen bis zur adulten Laus. Fertilität und erneute Eiablage nach 16-20 Tagen, weibliche Laus legt rund 200 Eier ab.
    • Dennoch in der Regel keine hohe Besiedlungsdichte: Prävalenzuntersuchungen ergeben meist unter 20 Läuse pro Kopf.

Behandlung richtet sich nur gegen Läuse und Larven auf dem Kopf

Abb. 1: Entwicklungsstadien der Kopflaus

Leitendes Therapieprinzip ist die Elimination der Lauspopulation auf dem befallenen Kopf. Dabei sind ausschließlich Maßnahmen gegenüber lebenden Läusen und Larven direkt auf dem Kopf angebracht – demnach sind beispielsweise Kopfbedeckungen, Bettwäsche oder Haarbürsten bei der Übertragung kaum von Bedeutung. Auch eine Entfernung der Läuseeier aus den Haaren ist nicht erforderlich, gestaltet sich dies doch oft als zeitaufwändig und zuweilen schmerzhaft.

Nach 8-10 Tagen wird mindestens eine weitere Behandlung erforderlich – dies entspricht dem Zeitintervall von der Eiablage bis zum Schlüpfen der nächsten Larvengeneration, welcher so ein neuer Generationszyklus unmöglich gemacht wird.  
Wird 8-14 Tage nach Behandlungsabschluss keine lebende Laus mehr nachgewiesen, gilt die Therapie als erfolgreich abgeschlossen. Ohne Lausnachweis sind therapeutische Schritte nur bei erheblichen Beschwerden angebracht, wenn etwa eine symptomatische Behandlung des Juckreizes erforderlich ist.

Aktive Suche nur bei familientypischen Sozialkontakten empfohlen

Abgesehen von der Indexperson erachtet die Stellungnahme eine aktive Laussuche und damit gegebenenfalls eine Behandlung „ausschließlich bei Kontaktpersonen mit familientypischen Sozialkontakten (zum Beispiel Übernachtungsbesuche)“ für sinnvoll. Keine Notwendigkeit bestehe dagegen für das Screening kompletter Kindergarten- und Klassengruppen. Scheinbar plötzliche Ausbrüche in solchen Einrichtungen erklären die Autoren mit der häufig längeren Latenz eines zufällig entdeckten Indexfalles und der folgenden aktiven Suche nach weiteren Fällen. Weitere Infestationen würden so mitunter nicht zwischen aktivem und zurückliegendem Befall unterschieden. Unabhängige Einflussfaktoren sind Studien zufolge viel eher die Größe der Familie und die Zahl der Geschwister. „Läusealarm“ in Kindereinrichtungen dagegen wird als zumeist kontraproduktiv beschrieben.

Therapeutika: Wirksamkeitsfrage weiter ungeklärt

Läuse können grundsätzlich mechanisch oder mittels chemischer Behandlung durch Medikamente oder Medizinprodukte eliminiert werden. Eine exakte Klärung der Wirksamkeitsfrage der verschiedenen Substanzen ist laut der Stellungnahme trotz intensiver Diskussionen bisher nicht erfolgt: Metaanalysen weisen methodische Schwächen auf, herstellerabhängige Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, eine Vergleichbarkeit ist kaum möglich.

Eine Befragung des Robert-Koch-Instituts und des Bundesumweltamtes aus dem Jahr 2018 zu den gegen Lausbefall eingesetzten Mitteln und deren Wirksamkeit konnte keine signifikanten Unterschiede zwischen den verschiedenen Substanzen feststellen. Das war auch dann der Fall, wenn beim Einsatz von Pyrethroiden bei den Läusen ein Resistenz-Gen nachgewiesen wurde. Auch wurde keine Überlegenheit gegenüber nichtmedikamentösen Maßnahmen festgestellt.

Mehr zur Behandlung von Kopfläusen und die Empfehlungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung lesen Sie in diesem Beitrag.

Empfehlungen der Kommission für die Praxis

  • Die Lausentfernung gelingt am besten mit dem systematischen Auskämmen der Haare mit einem Läusekamm. Das Haar sollte dabei nass und mit Haarspülung behandelt sein.
  • Schon das Auskämmen schließt eine Weiterverbreitung mit hoher Sicherheit aus.
  • Das Kämmen wird auch wiederholt und zusätzlich zu einer chemischen Behandlung empfohlen.
  • Die Behandlung gilt als abgeschlossen, wenn 8 bis 14 Tage nach der letzten Maßnahme beim Kämmen keine lebende Laus nachgewiesen wird.
  • Zwei weitere Kämmungen im Wochenabstand werden empfohlen (z.B. jeden Samstag) um den Therapieerfolg zu kontrollieren, nicht aber Zusatzkämmungen unter der Woche.

  • Die Evidenz über die Wirkung von Medikamenten und Medizinprodukten zur Lausbekämpfung ist begrenzt.
  • Empfohlen wird eine Untersuchung und Mitbehandlung ausschließlich bei Personen aus dem eigenen Haushalt und mit familienähnlichen Sozialbeziehungen.
  • Die Entfernung von Nissen wird nicht empfohlen.
  • Behandlungen, die nicht den behaarten Kopf betreffen, sind in der Regel nicht indiziert.

1. Huppertz, Hans-Iko: Evidenzbasierte Kontrolle der Pediculosis capitis und deren Sekundärprävention. Stellungnahme der Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. Geschäftsstelle der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DAKJ); 27.04.2020.
2. Huppertz, H., Iseke, A., Heininger, U. et al. Evidenzbasierte Kontrolle der Pediculosis capitis und deren Sekundärprävention. Monatsschr Kinderheilkd (2020). https://doi.org/10.1007/s00112-020-00987-9.

Abbildung 1: © Getty Images/KevinDyer
Titelbild: © Getty Images/KevinDyer

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