11. September 2020

Ethik-Report 2020

Affäre mit Patienten & Bruch der Schweigepflicht:
Wie handeln Ärzte im ethischen Dilemma?

Jeder zehnte Arzt schließt laut einer Medscape-Umfrage eine Liebesbeziehung mit aktuellen Patienten nicht aus und jeder zweite würde die Schweigepflicht brechen, wenn Gefahr für andere droht. Erfahren Sie hier weitere Ergebnisse der aktuellen Befragung deutscher Ärzte zu heiklen Themen im Arztalltag.

Lesedauer: 4,5 Minuten

Quelle: Medscape-Ethik Report 2020, Redaktion: Dr. Nina Mörsch, Christoph Renninger

Methodik der Umfrage

Medscape hat von Januar bis März 2020 Daten auf Grundlage einer Online-Befragung von 1.008 deutschen Ärzten und Ärztinnen erhoben. Die Teilnehmenden stammen etwa zu gleichen Teilen aus dem niedergelassenen Bereich und aus dem Krankenhaus. 12 % der Ärzte befanden sind Weiterbildung. Die Stichprobengröße ist nicht repräsentiv.

Liebesbeziehung mit Patienten

Intime Beziehungen zu Patienten können für Ärzte und Ärztinnen unter Umständen berufs- und strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Juristen raten deshalb dazu, das Behandlungsverhältnis möglichst schnell zu beenden. Einem rein persönlichen Verhältnis würde dann aber nichts mehr im Wege stehen.

Doch wie stehen Ärzte selbst zu diesem pikanten Thema? Laut Befragung schließen weniger als die Hälfte (44 %) eine Liebesbeziehung mit einem Patienten oder einer Patientin eindeutig aus. Dennoch halten immerhin 10 % eine Beziehung sogar mit aktuellen Patienten für akzeptabel. Ein Fünftel (21 %) der Ärzte gibt an, einer Liebesbeziehung grundsätzlich offen gegenüber zu sein, sofern das Arzt-Patienten-Verhältnis mindestens 6 Monate zuvor beendet worden ist.

Jeder vierte Arzt würde sich je nach Situation für oder gegen eine private Beziehung zu Patienten entscheiden. Zwar sollte man sich nicht für “eine popelige Affäre in diesen Konflikt begeben”, so die Meinung einer Gynäkologin. Dennoch sei nichts dagegen einzuwenden, wenn der zukünftige Partner aus dem Arbeitsumfeld komme.

Einige ärztliche Kollegen haben nach eigenen Angaben eine frühere Patientin geheiratet. Dies trifft auch auf so manche coliquio-Ärzte zu, wie die Kommentare in unserem Beitrag “Wenn Patienten Avancen machen: 5 Tipps vom Rechtsanwalt” zeigen.

#MeToo: Hat die Debatte in Klinik und Praxen etwas bewirkt?

Die im Oktober 2017 gestartete MeToo-Bewegung hat eine weltweite Debatte über Sexismus ausgelöst und sexuelle Belästigungen auch am Arbeitsplatz in den Fokus gerückt.

Im vergangenen Jahr hat eine Umfrage das Ausmaß der Problematik auch in der Medizin aufgedeckt: Danach hat fast jeder sechste Arzt oder Ärztin in den drei Jahren zuvor sexuelle Übergriffe an seinem Arbeitsplatz erlebt oder bei Kollegen beobachtet.

In einer Forumsfrage vor 2 Jahren haben auch coliquio-Ärzte und Ärztinnen ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung im Arbeitsalltag geschildert. [Link zur Forumsfrage]

Sexuelle Übergriffe kein Kavaliersdelikt
Die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichen Studie unterstreichen, dass Sexismus am Arbeitsplatz kein Kavaliersdelikt ist: Denn sexuelle Übergriffe können in jedweder Form das Selbstmordrisiko erhöhen.

Laut aktuellem Medscape-Report scheint die MeToo-Diskussion im ärztlichen Arbeitsumfeld jedoch kaum zu Verbesserungen beigetragen zu haben: Nur 15 % der befragten Ärzte meinen, dass sich die Einstellung zu sexueller Belästigung im Berufsalltag zum Besseren verändert hat. Knapp die Hälfte hingegen nimmt keinen Unterschied wahr. Allerdings ist für immerhin einem Drittel der Umfrageteilnehmer sexueIle Belästigung im beruflichen Umfeld kein Thema.

Schweigepflicht: Würden Ärzte sie brechen, wenn jemand in Gefahr ist?

Ärztinnen und Ärzte sind dazu verpflichtet, über das zu schweigen, was ihnen ihre Patienten anvertraut haben. Geregelt wird die ärztliche Schweigepflicht durch das Strafgesetzbuch, den Behandlungsvertrag zwischen Arzt und Patient, das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG), die Berufsordnungen der Landesärztekammern und die Datenschutzgesetze der Bundesländer.

Was aber, wenn einem als Arzt bewusst ist, dass die Erkrankung des Patienten auch für andere gefährlich werden kann (z.B bei übertragbaren Erkrankungen)? Sollte man die Schweigepflicht in dieser Situation brechen?

Hier spricht sich deutlich mehr als die Hälfte der befragten Mediziner und Medizinerinnen (57 %) für das Brechen der Schweigepflicht aus. Jeder Dritte würde je nach Situation entscheiden. Wichtig für einen Urologen aus Niedersachen ist zum Beispiel, dass sich der Patient der Gefahr eindeutig bewusst und entsprechend ausführlich darüber aufgeklärt ist. „Sonst frage ich ihn, ob ich seiner Familie oder zumindest einer Person seines Vertrauen das Problem mitteilen kann. Bei gewissen Sachen besteht Meldepflicht”, so sein Kommentar.

In welchen Situationen Ärzte von der Schweigepflicht abweichen können, lesen Sie hier.

Bezahlte Pharmavorträge: Wie beeinflussbar sind Ärzte?

„Haben Sie das Gefühl, durch bezahlte Pharmavorträge beeinflusst zu werden?” – diese Frage der Medscape-Umfrage hat eine große Mehrheit (68 %) der Ärzte und Ärztinnen mit “Ja” beantwortet. Nur etwa ein Fünftel (22 %) bleibt nach eigenen Angaben standhaft und ändert trotz bezahlter Industrie-Veranstaltungen nichts am eigenen Verordnungsverhalten.

Eine junge Ärztin erklärt diese “Bestechlichkeit” damit, dass viele Kongresse und Fortbildungen von der Finanzierung durch Pharmaunternehmen abgängig seien. „Ohne Fortbildungen hätte man schlechter ausgebildetet Ärzte. Die Ausbildung der Assistenzärzte ist durch Arbeitsverdichtung und die hohe Arbeitsbelastung im Rahmen der Arbeitszeiten nicht mehr gewährleistet”, so ihre Argumente. Externe Fortbildungen seien für die Ausbildung des Medizinernachwuchses notwendig.

Suchtkranke Ärzte: Regelmäßige Tests zum Substanzmissbrauch?

Fast jeder vierte Arzt in Deutschland betreibt einen gefährlichen Alkoholkonsum, wie eine Online-Befragung 2018 gezeigt hat. Männliche Ärzte hatten danach deutlich mehr Probleme mit einem hohen Alkoholkonsum als Ärztinnen (32 vs. 13%). Die Risiken bei der Patientenversorgung liegen dabei auf der Hand. Dennoch sehen die meisten Mediziner laut aktueller Medscape-Umfrage keinen Anlass für eine regelmäßige Kontrolle auf Drogen- oder Alkoholkonsum.

Nur 21 % der hier Befragten halten solche Tests für nötig. Die meisten Ärzte befürchten vielmehr, dass solche Maßnahmen die gesamte Berufsgruppe unter Generalverdacht stellen. Und eine junge Kinderärztin verweist auf eine ganz andere Problematik: „Bevor 24-Stunden Schichten, die zu einer ähnlichen mangelhaften Konzentration wie Alkoholintoxikation führen, nicht abgeschafft werden, bin ich auf alle Fälle gegen Tests”.

Dennoch würden die meisten Ärzten nicht einfach über die Suchtprobleme eines Kollegen hinwegsehen. Eine Meldung sehen sie aber erst als zweiten Schritt. Vielmehr sollte zunächst der Versuch unternommen werden, den Kollegen darauf persönlich anzusprechen.

Weitere Tipps, wie Ärzte bei Verdacht auf eine Suchterkrankung eines Kollegen reagieren, lesen Sie auch in unserem Beitrag “Suchtkranker Kollege: 6 Tipps wie Sie bei Verdacht richtig reagieren“.

Impfpflicht für Ärzte & legalisierte Sterbehilfe
Mehr darüber, was Ihre Kollegen von einer Impfpflicht für Ärzte halten und ob die Mehrheit für oder gegen eine Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids ist, erfahren Sie hier in einem weiteren Beitrag.

  1. Gottschling C „Report über ethische Herausforderungen: Was Ärzte über Sex, Alkohol, Behandlungsfehler, Impfpflicht, Sterbehilfe und COVID-19 denken“ vom 16. Juni 2020

Bild: © GettyImages/nortonrsx

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