15. November 2019

Schnupfen & Niesen: Welche Behandlung ist evidenzbasiert?

Triefende Nase und ständiges Niesen können den Alltag schwer beeinträchtigen. Schnell greift man bei einer Erkältung deshalb zu Nasenspray oder anderen rezeptfreien Mitteln, die Linderung versprechen. Aber was nützt wirklich? Ein evidenzbasierter Überblick. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Der vorliegende Beitrag basiert auf einem Übersichtsartikel aus der Fachzeitschrift The BMJ 2018;363:k3786 doi: 10.1136/bmj.k3786. 1 Redaktion: Dr. Nina Mörsch.

Wissenschaftliche Studien sind rar

Die Wirksamkeit vieler OTC-Präparate und anderer Behandlungsansätze ist bei Schnupfensymptomen längst nicht wissenschaftlich erwiesen, wie Forscher um die Professorin Mieke van Driel von der University of Queensland, Australien feststellten. 1

Zu dieser Erkenntnis kamen sie nach einer Auswertung systematischer Übersichtsarbeiten und einzelner randomisierter kontrollierter Studien (Pubmed). Die Wissenschaftlter interessierten sich insbesondere für den Einfluss häufiger OTC-Präparate und Hausmitteln auf subjektive Schwere und Dauer nasaler Symptome (verstopfte und laufende Nase) sowie auf das Niesen. Auch mögliche Nebenwirkungen der Anwendungen flossen in ihre Untersuchung mit ein. Ihre Ergebnisse zu häufig verwendeten Behandlungsansätzen von Erkältungssymptomen sind in Tabelle 1 (Erwachsene) und in Tabelle 2 (Kinder) zusammen dargestellt.

Erwachsene

Tabelle 1: Behandlungsansätze bei Erwachsenen, verändert nach van Driel et al., BMJ 2018;363:k3786

Auf Basis ihrer Untersuchungen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass für Erwachsene mit nasalen Symptomen abschwellende Wirkstoffe und Antihistaminika in der Monotherapie oder in Kombinationsprodukten die beste Wahl sind. Der Effekt sei jedoch gering, zudem könnten sie zu leichten, aber unerwünschten Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Problemen führen.

Die Ergebnisse in der Kurzübersicht:

  • Sedierende Antihistaminika können Rhinorrhoe und Niesen im Vergleich zu Placebo lindern, für Effekte auf eine nasalen Stauung fehlen indes Studien.
  • Nicht sedierende Antihistaminika zeigen keinen eindeutigen Effekt auf eine verstopfte Nase und keine Wirkung auf Rhinorrhoe oder Niesen. Nebenwirkungen sind im Vergleich zu Placebo nicht häufiger.
  • Antibiotika können nasale Beschwerden nicht lindern, führen jedoch häufiger zu Nebenwirkungen.
  • Für die Wirksamkeit von antiviralen Mitteln und intranasalen Kortikosteroiden zur Linderung von Nasensymptome fanden die Autoren keine Studien.
  • Paracetamol und nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), die zur Schmerzlinderung bei Erkältung verschrieben werden, scheinen keinen Einfluss auf eine verstopfte oder laufende Nase zu haben.

Pflanzliche Präparate und Hausmittel

Zur Wirksamkeit von Sonnenhut, Vitamin C, Zinkbonbons, warmer feuchter Luft oder Dampf fanden die Wissenschaftler keine Untersuchungen zum Einfluss auf nasale Symptome. Ihre Auswertung ergab folgendes:

  • Sonnenhutpräparate scheinen die Gesamtsymptome nicht zu verbessern.
  • Zinkbonbons reduzieren nachweislich die Dauer, aber nicht die Schwere von Erkältungssymptomen. Es fehlen aber Hinweise zur optimalen Zusammensetzung und Dosierung der Bonbons.
  • Kochsalzlösungen sind bei Erwachsenen wahrscheinlich nicht wirksam.

Studien zum Einfluss von Probiotika, Knoblauch, chinesischen Heilkräutern, Dampf, Eukalyptusöl, Honig, Ginseng oder zu einer gesteigerten Flüssigkeitsaufnahme fehlen nach Angaben der Wissenschaftler.

Kinder: Vorsicht vor abschwellenden Wirkstoffen & Antihistaminika

Tabelle 2, Behandlungsansätze bei Kindern, verändert nach van Driehl et al., BMJ 2018;363:k3786

Die Autoren bemängeln das Fehlen qualitativ hochwertiger Studien zur Linderung von Erkältungssymptomen bei Kindern unter 12 Jahren, der am häufigsten betroffenen Altersgruppe. Sie fanden entsprechend keine Evidenz dafür, dass Kochsalzlösungen oder Tropfen bei Kleinkindern wirksam und sicher sind. Zwar könnten einige abschwellende Präparate die Nasensymptome bei Kindern verbessern, aber ihr Sicherheitsprofil insbesondere bei Kleinkindern sei unklar.

Keine Hinweise auf eine Wirksamkeit fanden die Autoren auch für die Anwendung anderer gängiger Behandlungen und Hausmitteln bei Kindern, wie warme feuchte Luft oder Dampf, Analgetika, Sonnenhut, Probiotika, Kräuter oder Vitamine.

Abschwellende Mittel oder Formulierungen mit Antihistaminen sollten aus Sicht der Autoren bei Kindern unter 6 Jahren aufgrund möglicher Nebenwirkungen gar nicht zum Einsatz kommen und bei älteren Kindern zwischen 6 und 12 nur in Ausnahmebedingungen. Sie verweisen auf das erhöhte Risiko von Krämpfen, schneller Herzfrequenz und Tod durch abschwellende Wirkstoffen insbesondere bei kleinen Kindern. Eltern, die ihren Kindern Linderung verschaffen möchten, könnten ihnen salzhaltige Nasensprays oder -spülungen geben.

Fazit: „Es gibt keine magischen Kugeln zur Linderung der Symptome"

Der Nachweis für die Wirksamkeit vieler OTC-Präparate zur Linderung von Schnupfensymptomen ist begrenzt und von geringer Qualität. Es fehlt es an klaren Leitlinien.

Patienten sollten abschwellende Nasensprays- und tropfen nur maximal 3 bis 7 Tage einnehmen. Vielen Patienten ist nicht bewusst, dass eine längere Anwendung zu einer chronischen Verstopfung der Nase führen kann (Rhinitis medicamentosa).

Ihre Empfehlung an Ärzte lautet Patienten zu erklären, dass es „keine magischen Kugeln” zur Linderung der Symptome gibt und die Wirksamkeit nur sehr weniger OTC-Präparate durch Studien gestützt wird. „Basierend auf den derzeit verfügbaren Erkenntnissen ist die Gewissheit, dass die Symptome selbstlimitierend sind, das Beste, was Sie Patienten mitgeben können”, so die Wissenschaftler.

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