22. Januar 2019

Angsterkrankungen mit den richtigen Fragen diagnostizieren

Am Anfang jeder Diagnostik steht ein Verdacht. Wann ist der Verdacht auf eine Angsterkrankung gerechtfertigt? Welche Beschwerden sollten an eine Angststörung denken lassen?

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einem Kapitel aus dem Buch „Angst“ von Peter Zwanzger (Hrsg.) und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft.

Bericht, offene Fragen und Screening

Modifizizert nach der S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen (1)

Zu Beginn der Diagnostik sollte jeder Patient die Gelegenheit bekommen, spontan über seine Beschwerden zu berichten. Der Untersucher stellt zunächst offene Fragen (z.B. „Was führt Sie zu mir?“) und fragt bei Unklarheiten gezielt nach. Hat er den Verdacht auf eine Angsterkrankung, können Screeningfragen dabei helfen, den Verdacht auf eine bestimmte Erkrankung einzugrenzen (Abbildung).

Zum Screening von Angsterkrankungen empfiehlt die S3-Leitline Behandlung von Angststörungen außerdem drei Fragebögen:1

Im weiteren Verlauf sollten die psychiatrische Anamnese und der psychopathologische Befund vollständig erhoben werden. Dazu gehört es, neben typischen Beschwerden einer Angsterkrankung auch andere wichtige psychische Symptome zu erfragen.

Psychische Krankheiten und Entzugserscheinungen als Ursache bedenken

Patient und Angehörige sollten nach begleitenden psychischen und körperlichen Erkrankungen gefragt werden. Dabei stellt sich manchmal heraus, dass die zunächst als Angststörung gewerteten Beschwerden durch eine andere Erkrankung erklärt werden können.

Psychische Erkrankungen, bei denen Angst als Symptom auftreten kann, sind insbesondere:

  • Zwangsstörung,
  • Depression,
  • Anpassungsstörung,
  • Posttraumatische Belastungsstörung,
  • Psychose
  • und emotional-instabile Persönlichkeitsstörung.

Besonders schwierig kann die Abgrenzung von Entzugssymptomen bei einer Suchterkrankung sein. Die Patienten werten ihre Beschwerden häufig nicht als Entzug, sondern als die Angst, wegen der sie Alkohol trinken oder Beruhigungsmittel schlucken.

Sie berichten dann nur von den Ängsten, nicht von ihrem Konsum, und haben die Hoffnung, Alkohol oder Tabletten nicht mehr zu brauchen, wenn die Angst endlich richtig behandelt ist. Dies ist ein Trugschluss. Denn Ängste, die durch einen Substanzkonsum oder einen Substanzentzug bedingt oder verstärkt worden sind, lassen sich nur durch eine Suchtbehandlung bekämpfen.

Körperliche Erkrankungen mit ähnlichem Erscheinungsbild

Manche körperlichen Erkrankungen ähneln in ihrem Erscheinungsbild einer Angststörung: Lungenerkrankungen wie z.B. Asthma bronchiale führen zu Atemnot. Herzkreislauferkrankungen wie z.B. Herzrhythmusstörungen oder verengte Herzkranzgefäße können unregelmäßigen oder beschleunigten Herzschlag oder Brustschmerzen verursachen. In beiden Fällen treten die Beschwerden – ähnlich wie bei akuter Angst – in Attacken auf.

Dies gilt auch für Erkrankungen des Nervensystems wie Migräne oder epileptische Anfälle, bei denen es z.B. zu vorübergehenden Wahrnehmungs‑, Bewegungs- oder Gefühlsstörungen kommen kann.

Stoffwechselerkrankungen wie Unterzuckerung oder Schilddrüsenüberfunktion können mit Angstgefühlen und ähnlichen vegetativen Veränderungen (z.B. Schwitzen, Unruhe) wie eine Angstattacke einhergehen. Drehschwindel und Übelkeit treten bei Erkrankungen des Innenohrs sowie des Nervs, der das Innenohr mit dem Gehirn verbindet, auf.

Das Buch “Angst: Medizin. Psychologie. Gesellschaft” von Peter Zwanzger (Hrsg.) erschien Ende 2018 bei der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft. Führende Experten vermitteln darin ihr praxisorientiertes Wissen in Bezug auf Entstehungsmechanismen, diagnostisches Vorgehen und Behandlungsoptionen bei Angsterkrankungen.

  1. Bandelow B et al. S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. AWMF-Register-Nr. 051-028

Bildquelle: © istock.com/stevanocigor (Titelbild; Symbolbild mit Modell)

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