03. Dezember 2018

DGPPN: Höhepunkte des Kongresses 2018

Der DGPPN-Kongress fand vom 28.11. bis 1.12. im Citycuve in Berlin statt. Über 9000 Ärzte, Therapeuten und Wissenschaftler tauschten sich über alle relevanten psychischen Störungen aus, aber auch gesellschaftliche, gesundheitspolitische und kulturelle Themen standen auf dem Programm.1

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf Pressemitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), die Christoph Renninger für Sie zusammenstellt.2-4

Digitale Welt in der Psychiatrie

Big Data, Deep Learning, Biomarker und Künstliche Intelligenz zeigen auf, wie nah die Forschung bereits an der Entschlüsselung psychischer Erkrankungen herangekommen ist. Was bis vor Kurzem noch wie Science-Fiction klang, hat längst die nächste Daseinsstufe erreicht. Neue mathematische Methoden und hochpräzise Bildgebungsverfahren, selbsttrainierende Algorithmen und neurochemische Untersuchungen erlauben, Verhaltensweisen zu verstehen, wie sie für das Auftreten psychischer Störungen charakteristisch sind.

„Die Künstliche Intelligenz hat enorme Fortschritte gemacht. In Verbindung mit großen Datensätzen sind Leistungen möglich, die früher allein dem menschlichen Gehirn vorbehalten waren. Nicht mehr lange und wir haben die Möglichkeit, Gehirnfunktionen naturnah zu simulieren. Das jedoch bedeutet für die Forschung Chance und Risiko zugleich. Bei allem positiven Nutzen, den Künstliche Intelligenz für diverse Anwendungen in der Praxis der Psychiatrie mit sich bringt, müssen wir uns ihrer Konsequenzen im Zusammenhang mit Datenschutz und Privatsphäre bewusst sein“, so Prof. Andreas Meyer-Lindenberg, Vorstandsmitglied der DGPPN.

Online-Therapien und E-Mental-Health sind bereits in der psychiatrischen Versorgungspraxis angekommen. „Während Online-Therapien für Menschen, die bislang keinen Kontakt zum Versorgungssystem haben oder wollen, eine erste Hilfe und Unterstützung sein können, ersetzen sie jedoch keineswegs eine Behandlung durch Fachärzte und psychologische Psychotherapeuten“, gibt Dr. Iris Hauth, Berlin, zu Bedenken. Sie bieten aus Sicht der DGPPN Chancen, aber auch Risiken.2

Erkennen, erhalten, schützen: Wie Prävention die psychische Gesundheit stärkt 

Die meisten psychischen Erkrankungen manifestieren sich bereits in den ersten Lebensjahrzehnten und können früh Einfluss auf das weitere Leben nehmen. Betroffene leiden nicht nur emotional und körperlich, die Belastung durch seelisches Leiden begleitet sie oft über einen langen Zeitraum. Die Folge sind soziale Probleme und ein hoher Verlust an Lebensqualität. Psychische Erkrankungen sind heute zweithäufigster Grund für Arbeitsunfähigkeit und erste Ursache für Frühberentung.3

Dabei lassen sich psychische Erkrankungen vorzeitig erkennen und behandeln. Deshalb und auch, um die Zahl der Neuerkrankungen zu reduzieren, ist ein Umdenken von kurativen zu modernen, präventiven Konzepten in der Psychiatrie erforderlich. Hier setzen neue und innovative Modelle aus Diagnostik und Wissenschaft in Zukunft an, um psychischen Erkrankungen effektiv entgegenzuwirken.

Ziel muss sein, das hohe Potenzial, das Früherkennung und neurobiologische und genetische Forschung bieten, zu nutzen und in die klinische Praxis zu überführen. „Ein gutes Beispiel ist Demenz“, erläutert Prof. Steffi G. Riedel-Heller, Vorstandsmitglied der DGPPN, die Situation. „Wir brauchen eine bessere Aufklärung und mehr Wissen darüber, was uns geistig fit hält. Dass zum Beispiel bestimmte Aktivitäten eine wichtige Rolle spielen: Wie viel wir uns bewegen, wie wir uns ernähren, ob wir geistig aktiv sind und wie wir sozial eingebunden sind. Es macht Sinn, frühzeitig mit Prävention zu beginnen.“

Ansätze zur Vermeidung von Gewalt und Aggression

„Verhandeln anstatt Behandeln“ ist die Leitdevise, wenn es um den Umgang mit Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen geht. Die Fachwelt ist sich einig: Zwangsmaßnahmen sollten nur dann in Betracht gezogen werden, wenn eine Eigen- oder Fremdgefährdung in gefährlichen Situationen nicht auch durch andere, geringere menschenrechtliche Eingriffe abgewendet werden kann.4

Diesen Anspruch zu erfüllen, ist nicht nur eine Frage ethischen Handelns, sondern auch geeigneter Rahmenbedingungen. Sie müssen so gestaltet sein, dass ein menschenwürdiger, patientenorientierter Umgang in der Psychiatrie möglich ist. Wichtigste Voraussetzungen sind eine vertrauensvolle, zugewandte Atmosphäre mit adäquater Architektur und ausreichend großen Räumlichkeiten sowie eine angemessene Personalausstattung und Finanzierung.

Aber auch, dass das zuständige Personal umfangreich in Deeskalationstechniken geschult wird und Zwangsmaßnahmen bundesweit einheitlich dokumentiert werden. Grundsätzlich gilt, psychisch erkrankte Menschen haben in unserer Gesellschaft Anspruch auf größtmögliche Freiheit und Teilhabe.

„Die richtige Maßnahme zu ergreifen, um eine drohende, krankheitsbedingte Gefahr für sich oder andere auszuschließen, ist immer und in allen Bereichen eine besondere Herausforderung in der medizinischen Versorgung. Besonders die Psychiatrie rückt bei diesen Fragen häufig in den Blickpunkt“, stellt Prof. Arno Deister, Präsident der DGPPN, fest und betont, „dieses Thema ist aber insgesamt gesellschaftlich zu diskutieren. Politik und Gesetzgeber sind hier zuallererst aufgefordert, angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen.“

Diese Themen könnten Sie auch interessieren

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653