05. Februar 2019

Professor Matthias Kopp im Interview

5 Fragen zur aktuellen Luftschadstoff-Debatte

Die aktuelle Debatte um die Grenzwerte für Schadstoffe in der Luft wird immer lauter. Auch im coliquio-Forum wurde das Thema wiederholt diskutiert. Wir haben mit Prof. Dr. Matthias Kopp, dem Präsidenten der Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie, über die strittigen Punkte gesprochen.

Lesedauer: 2 Minuten

Interview: Marina Urbanietz

In einem von über 100 deutschen Pneumologen unterschriebenen Positionspapier 1,2 wird behauptet, dass Feinstaub und Stickstoffverbindungen gar nicht so gefährlich seien und dass die bisherigen Forschungsarbeiten einen systematischen Fehler enthalten.

Wie bewerten Sie diese Thesen?

Prof. Kopp: In der angesprochenen Stellungnahme werden methodische Kritikpunkte an einzelnen Arbeiten zum Anlass genommen, wissenschaftliche Aussagen pauschal in Frage zu stellen, ohne hierfür Belege anzuführen. Wer öffentlichen Zweifel an dem gesundheitsschädlichen Potential von Luftschadstoffen sät, ohne hierfür wissenschaftliche Arbeiten zu zitieren, verletzt die Grundsätze ärztlich-wissenschaftlichen Handelns.

Was meinen Sie, warum über 100 Kollegen dieses Positionspapier unterschrieben haben?

Prof. Kopp: In den beiden Fachgesellschaften der Erwachsenen- und Kinderpneumologen DGP und GPP sind zusammen über 5500 Kolleginnen und Kollegen organisiert, von denen gerade einmal 1.8% das Positionspapier unterzeichnet haben. Diese Gruppe ist also nicht „groß“.

Aus den Gesprächen und Diskussionen mit einigen dieser Kollegen weiß ich, dass sie in erster Linie der Methodenkritik in dem Positionspapier zugestimmt haben. Eine kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Methoden ist grundsätzlich richtig und wichtig. Hier gibt es gar keinen Dissens. Als wissenschaftliche Fachgesellschaft hat die GPP aber darauf hingewiesen, dass pauschale Zweifel an der Unabhängigkeit von Wissenschaftlern und an publizierten Befunden unseriös sind, solange man diese Zweifel nicht belegt. 

Wie sinnvoll sind aus Ihrer Sicht die aktuellen Grenzwert-Empfehlungen der WHO?

Prof. Kopp: Das ist nicht unsere Aufgabe, Grenzwerte festzulegen. Wir sind als Wissenschaftler dazu verpflichtet, unabhängig und unbeeinflusst von Interessensverbänden unser Wissen zusammenzutragen über mögliche gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen. Dieses Wissen stammt aus ganz unterschiedlichen Studien: Tierexperimenten, Studien an Zellkulturen, Studien aus Klimakammer-Untersuchungen und epidemiologische Studien.

In den Stellungnahmen der WHO und der DGP haben Wissenschaftler dabei u.a. festgestellt, dass es keinen sicheren unteren Grenzwert gibt, unter dem generell keine negativen Effekte von Luftschadstoffen beobachtet werden. Ich kann keinen Grund erkennen, warum man die Befunde dieser Wissenschaftler anzweifeln sollte. 

 

Sind die heute verfügbaren Forschungsarbeiten für die Grenzwert-Empfehlungen ausreichend?

Prof. Kopp: Mittlerweile sind über 70.000 wissenschaftliche Arbeiten zu Luftschadstoffen publiziert. Das ist eine sehr große Zahl! Die wissenschaftliche Basis ist breit und gut aufgestellt. Aus meiner Sicht sind die verfügbaren Forschungsarbeiten ausreichend, um Empfehlungen abgeben zu können. Natürlich gibt es immer Fragestellungen, die noch nicht abschließend geklärt sind. Dort fehlen uns wissenschaftliche Daten. Das gilt zum Beispiel für die Auswirkung von Luftschadstoffen auf Schwangere und deren Kinder. Das gilt auch für die Frage, welche langfristigen Auswirkungen Luftschadstoffe auf den wachsenden Organismus haben.

Welche Maßnahmen sollten von politischer Seite ergriffen werden, um die Grenzwerte einzuhalten und die Risiken für die Gesundheit zu reduzieren?

Prof. Kopp: Meine Aufgabe als Vertreter einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft ist es nicht, einen Maßnahmenkatalog zu erstellen und einzufordern, um die Grenzwerte einzuhalten. Ich bin Kinder- und Jugendmediziner und Kinderpneumologe. Meine Aufgabe sehe ich darin, darauf hinzuweisen, dass Kinder ein höheres Risiko haben, von gesundheitlichen Schäden durch Luftschadstoffe betroffen zu sein.

Insbesondere gilt das für Kinder und Jugendliche mit chronischen Lungenerkrankungen. Dieser Aspekt fehlt oft in der öffentlichen Diskussion: Wir haben darauf zu achten, dass besonders schutzbedürftige Risikogruppen in der Risikobewertung mitberücksichtigt werden.

Prof. Dr. med. Matthias Kopp ist Professor der Universität zu Lübeck für Kinderheilkunde und Leiter der Sektion Pädiatrische Pneumologie und Allergologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Seit Februar 2018 ist er als Präsident der Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (GPP) tätig, in der etwa 1.000 Kinderlungenfachärztinnen und -ärzte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz organisiert sind.

Update vom 07.02.2019

Nach der Beitragsveröffentlichung hat uns Prof. Dr. med. Hans Schweisfurth, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie (DGUHT), kontaktiert. Die Gesellschaft hat eine Stellungnahme zum umstrittenen Positionspapier „Stellungnahme zum Positionspapier von Prof. Dr.  Köhler“ sowie den „Offenen Brief an Bundesminister Andreas Scheuer“ veröffentlicht. Interessierte Kollegen können die beiden Dokumente hier abrufen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:

1. Stellungnahme zur Gesundheitsgefährdung durch umweltbedingte Luftverschmutzung, insbesondere Feinstaub und Stickstoffverbindungen (NOx).
2. Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. (DGP). Atmen: Luftschadstoffe und Gesundheit, 2018.

Titelbild: © iStock.com/Stefan_Redel

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