16. März 2020

Corona und Politik – ein Blick in den Abgrund! 

Kneipen werden geschlossen, Busfahrer verkaufen keine Fahrkarten mehr und die Bundesliga spielt vor leeren Tribünen. Ob das wirklich ausreicht? Europaweit offenbaren sich beim Seuchenschutz massivste Mängel. 

Ein Kommentar Ihres Kollegen Dr. med. Horst Gross

16.03.2020, Berlin: Horst Seehofer (<span>CSU</span>, 2.v.l.), Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, verlässt nach einer Sitzung des Kabinettsausschusses das Bundeskanzleramt. © picture alliance/Michael Kappeler/dpa
16.03.2020, Berlin: Horst Seehofer (CSU, 2.v.l.), Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, verlässt nach einer Sitzung des Kabinettsausschusses das Bundeskanzleramt. © picture alliance/Michael Kappeler/dpa

Keine zentrale Kompetenz 

Autor: Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin (Berlin)
Autor: Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin (Berlin)

Die Lage eskaliert, nicht nur medizinisch. Auf offener Bühne fand vergangenen Donnerstag in Berlin ein Schlagabtausch zwischen Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci und den Amtsärzten der Hauptstadt statt.1 Untätigkeit und Totalversagen so der verklausulierte Vorwurf in einem offenen Brief der Ärzte. Die Senatorin konterte unwirsch und warf den Amtsärzten Besserwisserei vor. Dann endlich das Machtwort der Regierenden: Die Amtsärzte bekommen politische Rückendeckung, der soziale Shut-Down wird eingeleitet. Ein groteskes Possenspiel, das nur möglich ist, weil es in Deutschland für den Epidemienotfall keine zentrale Entscheidungsebene gibt. Was konkret geschieht entscheiden einige Hundert Amtsärzte, die im Prinzip autonom für ihre Region handeln.  

Heiße Luft auf Pressekonferenzen 

Gesundheitsminister Jens Spahn bittet zwar um Vertrauen, erklärt aber gleichzeitig, dass für die Corona-Bekämpfung die Länder zuständig sind. Selbst der „Beschluss“ der Bundeskanzlerin, ab 16. März alle planbaren Operationen zu unterlassen, erweist sich als Luftnummer.2 Viele Kliniken operieren einfach weiter. Kein Wunder, denn ohne konkrete Finanzierungszusagen droht sonst vielen der baldige Ruin. Seuchenschutz nur gegen Vorkasse. Den Fallpauschalen sei es gedankt. 

Maximalversagen Italien 

In keinem anderen europäischen Land hat die Gesundheitspolitik so versagt wie in Bella Italia. Seit Jahren ist bekannt, dass in Norditalien 50-100.000 meist illegal beschäftigte Chinesen in Modefabriken arbeiten. Geografisch genau in diesen Bereichen ist es auch zum Maximalausbruch von Corona gekommen.3 Illegal Einreisende aus China sind natürlich nicht krankenversichert. Fieber und Husten bleiben unentdeckt. Die Zustände sind seit Jahren bekannt. Die italienische Politik hat die Corona-Gefahr die vom „Little China” in der Lombardei ausgeht, einfach ignoriert. Bis auffiel, dass in Norditalien die alten Menschen „sterben wie die Fliegen” (Montgomery). Wie zu erwarten, kollabierte das notorisch insuffiziente italienische Gesundheitswesen prompt. Nun müssen Millionen Italiener, aber auch die Nachbarländer, den italienischen Gesundheitsskandal ausbaden.  

 Weitere Prognose anhand von „Diamond Princess” 

Über die Konsequenzen der Epidemie gibt es, dank des Quarantäneschiffs „Diamond Princess”, sehr genaue Zahlen (s. Abb.). Alle 3.711 Betroffene (Passagiere und Besatzung) sind getestet und ihre gesundheitliche Situation ist bekannt.4 Fazit: Nur 705 der 3.700 Virusexponierten haben sich tatsächlich infiziert. Von diesen 705 zeigte die Hälfte Symptome. Bei 33 der Symptomatischen war eine intensivmedizinische Behandlung notwendig.5 Zwei Drittel konnten mit Masken-CPAP durch die Krise gebracht werden.6 Das restliche Drittel musste an den Respirator. Sechs Patienten verstarben in der Quarantänezeit. Alle Verstorbenen waren älter als 70 Jahre.  

Was heißt das für uns? 

Zufälligerweise braucht man die „Diamond Princess”-Zahlen nur mit 1.000 zu multiplizieren um abzuschätzen, was ein maximaler Corona-Ausbruch für eine Metropole wie Berlin (ca. 3,7 Mio. Einwohner) bedeutet. 350.000 Berliner würden sich mit Corona anstecken und nichts bemerken. Weitere 350.000 Hauptstädter fallen mit Husten oder Fieber auf. 33.000 schwer Erkrankte müssten für etwa 14 Tage auf eine Intensivstation. 6000 Berliner, meist Senioren, würden als Coronatote vermerkt (sonstige Sterbefälle Berlin ca. 35.000/Jahr). Versagt das Berliner Medizinsystem aber, dann drohen uns italienische Verhältnisse (Infektmortalität ca. 4 %).  

 Haben wir medizinisch vorgesorgt? 

Gibt es überhaupt genügend Masken-CPAP-Geräte und Respiratoren für diese Krise? Steht Personal bereit, um die Reservegeräte zu bedienen? Interessiert hat das lange Zeit niemanden. Sicherheitsreserven gibt es nicht. Das dämmert jetzt offenbar auch den Verantwortlichen. Nun versucht man es mit der Notbremse. Und schon beginnt man uns weiß zu machen, dass das alles schicksalhaft verläuft. Doch das stimmt einfach nicht. Das zeigt das Beispiel Taiwan. Vor Jahren schon hat das Land eine hocheffektive Abwehrstrategie gegen Epidemien implementiert.7 Und deshalb war im chinesischen Nachbarstaat auch nach den ersten 50 Corona-Fällen Schluss mit der Epidemie: keine Toten, kein sozialer Shut-Down und keine Wirtschaftskatastrophe.  

  1. Dombrovski B. Kaum Touristen auf der Straße, alle Theater dicht! BILD Berlin 13.3.2020
  2. Bach I., Hackenbruch F. Berliner Kliniken sagen planbare Operationen ab, Der Tagesspiegel, 14.03.2020.
  3. Corona und die italienische Modeindustrie, ZackZack, 27.02.2020.
  4. Faust S. J. COVID-19’s Mortality Rate Isn’t As High As We Think, Slate, 04.03.2020.
  5. Field Briefing: Diamond Princess COVID-19 Cases, 20 Feb Update, National Institute of Infectious Diseases, Japan.
  6. Hochgerechnet nach einer allgemeinen Quelle: Guan, Wei-jie, et al. “Clinical characteristics of coronavirus disease 2019 in China”, New England Journal of Medicine (2020).
  7. Wang J. C. et al. Response to COVID-19 in TaiwanBig Data Analytics, New Technology, and Proactive Testing, JAMA, Published online March 3, 2020. doi:10.1001/jama.2020.3151.

Titelbild: © picture alliance/Michael Kappeler/dpa

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