06. April 2020

Kommentar zu Covid-19:

Spielt die schwedische Regierung russisches Roulette mit ihrer Bevölkerung?

Während deutsche Fußgängerzonen ausgestorben sind, bummeln die Schweden durch die Innenstädte und genießen die frühsommerliche Sonne. Was ist da los? Spielt die schwedische Regierung russisches Roulette mit ihrer Bevölkerung?

Ein Kommentar Ihres Kollegen Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin (Berlin). Hinweis: Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des Autors wieder.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Einsicht statt Verordnung

Während in Berlin die Jogger mit Atemmaske durch die Parks rennen, trägt in Stockholm niemand eine Schutzmaske. Geschäfte, Gaststätten und Schulen sind geöffnet. Die schwedische Regierung hat allerdings für den öffentlichen Raum Empfehlungen herausgegeben: am besten von zu Hause arbeiten, nähere Kontakte meiden und bei den geringsten Erkältungssymptomen zu Hause bleiben. Der schwedische Ministerpräsident Kjell Stefan Löfven beschönigt keineswegs die Lage: ,,Es wird schlimmer, bevor es besser wird. … Es ist Zeit für Selbstdisziplin.“1

Schweden setzt aber nicht auf staatlichen Zwang, sondern auf die Einsicht seiner Bürger. Tatsächlich hat sich der Besucherstrom in den Geschäften und Restaurants freiwillig reduziert (z. B.: McDonalds Innenstadt ca. – 90 % weniger Gäste)2. Nur für die Krankenhäuser und Heime sind differenzierte und verbindliche Hygienerichtlinien definiert worden.

Wissenschaftliche Begründung

Während in Deutschland die zuständige Behörde (RKI) mit irrlichternden Vorschlägen zur Verwirrung beiträgt, staunt man über die klare Einschätzung der schwedischen Epidemiologiebehörde. Zur Ansteckungsgefahr heißt es dort: ,,Die bisherigen Daten zeigen, dass Coronapatienten nur infektiös sind, wenn sie Symptome haben. Aus dem, was wir wissen, können wir sagen: In der Inkubationszeit sind die Betroffenen nicht infektiös. Wer Kontakt mit einem Coronainfizierten hat, sollte deshalb auf alle frühen Anzeichen einer Erkrankung achten.“3 Eine Einschätzung, die zwar so nicht von allen Experten geteilt wird. Aber immerhin ist sie konsequent.

Keine Masken

Eindeutig ist auch das Statement zu Thema Gesichtsmasken: ,,Sie sollten nur von medizinischem Personal genutzt werden, dass sich im nahen Kontakt mit Patienten befindet und deshalb vor Atemwegströpfchen geschützt werden muss … . In der Öffentlichkeit dagegen sind Gesichtsmasken nicht nützlich. Hier ist der beste Weg … die soziale Distanzierung einzuhalten und sich konsequent die Hände zu waschen.“ Auch die freiwilligen Vorgaben für Gaststätten sind dementsprechend: ,,Besucher müssen Abstand halten. Alle sollen am Tisch sitzen, wenn sie essen und trinken, nicht beieinander stehen an der Bar. Bedient wird nur noch an Tischen. Die Abholung von bestelltem Essen kann wie immer erfolgen, solange keine Schlangen entstehen.“3

Lage in den Heimen verschärft sich

Der scheinbar entspannten Atmosphäre in der Öffentlichkeit entgegen steht die Lage in den Pflegeheimen. Hier zeigt sich die befürchtete, drastische Zunahme von Coronavirus-assoziierten Erkrankungs- und Todesfällen. ,,Derzeit gibt es ungefähr 250 positive Fälle, was ungefähr 3 Prozent unserer gesamten Patientengruppe entspricht. 50 Menschen sind gestorben“, sagt Stefan Amér von Familjeläkarna, einer Stockholmer Pflegeheimgruppe.1 Aber auch die Prophylaxe hat Konsequenzen: Teilweise seien die Hälfte der Mitarbeiter vorbeugend wegen Erkältungssymptomen krankgeschrieben, klagen die Heimbetreiber.

Keine erhöhten Todeszahlen

Offiziell hat Schweden bis heute (06.04.2020) 6830 Corona-Infektionsfälle gemeldet. Corona-assoziiert sind 477 Betroffene verstorben (40 pro Mio. Einwohner vs. Italien 263 pro Mio. vs. BRD 19 pro Mio.).5 Dabei ist fast ausschließlich die Region Stockholm betroffen. Trotzdem sind die wöchentlich erhobenen Zahlen der Übersterblichkeit in Schweden exakt auf dem Erwartungswert. 5 So gesehen sind die schwedischen Gesundheitsbehörden auf dem richtigen Weg. Doch angesichts der bedrohlich steigenden Zahlen wächst der Druck auf die Regierung. Noch behält man den liberalen Kurs bei, doch das könnte sich schon Ende der Woche ändern.

Hinweis: Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des Autors wieder.

  1. Coronakrisen 3 april: Det behöver du veta, Dagens Nyheter Online 03.04.2020.
  2. Google Maps McDonalds, Stockholm, Vasagatan 24, Stoßzeitenanzeige (Stand 04.04.2020, 15:00).
  3. FAQ about COVID-19, Folkhalsomyndigheten, The Public Health Agency of Sweden.
  4. Coronavirus (COVID-19) Global Deaths, RealClearPolitics (Stand 04.04.2020).
  5. European mortality bulletin week 13, 2020, EuroMomo (Stand 04.04.2020).

Bildquelle: © GettyImages/olaser

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