04. April 2022

Cannabis und Psychosen – Ein heißes Eisen

Aktuelle Daten zum Thema Psychiatrie und Cannabis alarmieren 1 : In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Rate der Cannabis-assoziierten Psychosen mehr als verfünffacht. Mittlerweile steht jede zehnte stationäre psychiatrische Aufnahme in Zusammenhang mit Cannabisgebrauch. Zunehmend werden auch Hausärztinnen und Hausärzte von besorgten Angehörigen konsultiert. Der Berliner Kinder und Jugendpsychiater Ottmar Hummel (Chefarzt Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, DRK Kliniken Berlin) kennt die Problematik nur zu gut.

Lesedauer: 3 Minuten

Das Interview führte Dr. med. Horst Gross

Was haben Psychosen und Cannabis miteinander zu tun?

Hummel: Ungefähr 10 % der Bevölkerung besitzt eine genetische Prädisposition zur Psychose. Manifestieren wird sie sich aber nur bei ca. 1 % der Bevölkerung. Dazu bedarf es spezifischer Auslöser, etwa Stress oder Drogenkonsum, also auch Cannabis.

Gibt es dazu genauere Zahlen?

Hummel: Aus britischen Daten wissen wir, dass unter regelmäßigen Cannabiskonsum die Wahrscheinlichkeit, eine Psychose zu entwickeln, fünffach erhöht ist. Das heißt, wenn der Konsum in der Bevölkerung zunimmt, werden wir auch mehr Psychosen finden. Das typische Manifestationsalter der Psychosen liegt bei ca. 21 Jahren, bei Cannabispsychosen deutlich früher.

Verläuft eine Cannabispsychose mit Halluzinationen und Agitiertheit?

Hummel: Manchmal, aber oft sehen wir eher eine deutliche Lethargie. Die Betroffenen sind sozial nicht mehr handlungsfähig, verlassen kaum noch das Bett. Schule und Freunde werden vernachlässigt. Dann müssen Eltern oder Angehörige unbedingt handeln und professionelle Hilfe suchen. Im Umkehrschluss kann man aber auch sagen, dass jemand, der noch erfolgreich zur Schule geht und seine Hausaufgaben macht, trotz Cannabiskonsum, keine Psychose entwickelt hat.

Wie kann der Hausarzt oder die Hausärztin konkret helfen?

Hummel: Um herauszubekommen, ob ein ernsthaftes Problem vorliegt, sollte der Hausarzt die Frage stellen: Hat sich der Jugendliche im letzten halben Jahr in seinem Wesen und seinem Verhalten deutlich verändert? Ein absolutes Alarmzeichen sind Antworten wie: Wir erkennen unser Kind gar nicht mehr wieder. Typisch sind auch „Beeinträchtigungsideen“ der Betroffenen, also irrationale Schuldzuweisungen. Etwa: Alle haben etwas gegen mich. Die Lehrer wollen mich nur fertig machen, etc.

Wie verhalten sich Angehörige am besten in dieser Situation?

Hummel: Angehörige, die sich unsicher sind, können in Eigeninitiative bei Drogenberatungsstellen anrufen und die Situation schildern. Die Mitarbeiter sind fachlich gut geschult. Durch gezieltes Nachfragen lässt sich abschätzen, wie kritisch der Zustand ist. Bei ernsten Problemen muss ein Kinder- und Jugendpsychiater eingeschaltet werden. Allerdings sind die Betroffenen nur selten krankheitseinsichtig. Oft verlassen sie noch nicht einmal mehr die Wohnung.

Kann der Hausarzt oder die Hausärztin durch antriebssteigernde Medikamente, etwa Antidepressiva helfen, damit ambulante Beratungsangebote aufgesucht werden?

Hummel: Auf keinen Fall! Bei Cannabispsychosen ist ein Antidepressivum im günstigsten Fall wirkungslos. In der Regel wird es die Situation aber verschlimmern. Der Hausarzt sollte solche Fälle unbedingt an Fachärzte delegieren.

Was ist, wenn die Betroffenen jedes ambulante Angebot ablehnen?

Hummel: Dann muss eben der Fachmann zum Patienten kommen. Wenig bekannt ist, dass im Rahmen der öffentlichen sozialpsychiatrischen Dienste auch Kinder- und Jugendpsychiater zur Verfügung stehen. Die haben das Recht, aufsuchend tätig zu werden. Einen Amtsarzt in die Wohnung zu lassen, kostet die Angehörigen natürlich viel Überwindung. Aber manchmal geht es eben nicht anders.

Was kann der jugendpsychiatrische Dienst unternehmen?

Hummel: Die Kollegen diagnostizieren vor Ort, ob eine psychotische Situation vorliegt. Dann wird man versuchen, die Betroffenen im Gespräch von einer stationären Behandlung zu überzeugen. Gelingt das nicht, dann kann der jugendpsychiatrische Dienst auch die Zwangseinweisung veranlassen. Das ist aber wirklich nur das letzte Mittel.

Die geplante Legalisierung von Cannabis gilt für Erwachsene. Ist trotzdem mit negativen Auswirkungen bei Jugendlichen zu rechnen?

Hummel: Ich denke schon! Der Knackpunkt ist die Gewährleistung des Jugendschutzes. Wie schlecht der funktioniert, das sehen wir heute schon bei Alkohol und Zigaretten. Es gibt ihn praktisch nicht! Tatsächlich ist im Gegensatz zu falsch Parken, in den Berliner Ordnungsämtern keine einzige Person dafür zuständig, die Einhaltung des Jugendschutzes bei Alkohol und Zigaretten zu kontrollieren. Also erwarten wir, wie auch bei Alkohol und Zigaretten eine weitere Zunahme von Krankheiten bezüglich des Cannabiskonsums.

Chefarzt Dr. Ottmar Hummel ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und – psychotherapie (Zusatzbezeichnung Psychotherapie). Tätig ist er an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der DRK Kliniken Berlin Westend.

  1. Gahr et al. „Incidence of inpatient cases with mental disorders due to use of cannabinoids in Germany: a nationwide evaluation.“ European journal of public health (2022).

Bildquelle: Foto 237301920 © Howtogoto  Dreamstime.com

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