23. Dezember 2021

BMJ Christmas Edition

Ein lebensrettender Rap-Song und Krankheiten in der Musik

Lesen Sie, wie ein Rap-Song in den USA das Leben vieler Menschen retten konnte und wie sich verschiedene Krankheiten in den Werken bekannter Komponisten bemerkbar machen.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Ute Eppinger, Christoph Renninger

Rap-Song mit Rückgang der Selbstmorde in den USA assoziiert

„1-800-273-8255“ – der 2017 von US-Rapper Logic veröffentlichte Song hat offenbar zu einem Anstieg der Anrufe bei der Nationalen Hotline Suizid-Prävention und zu einem Rückgang von Selbstmorden in den USA geführt. Das ist das Ergebnis einer Studie in der Weihnachtsausgabe des BMJ.1

Es ist eindeutig belegt, dass Medienberichte über Suizide weitere Selbstmorde auslösen können. Über die schützende Wirkung von Berichten, die Hilfsangebote und Heilung thematisieren, ist hingegen weniger bekannt, vor allem, weil solche Berichte weniger Beachtung finden.

Prof. Dr. Thomas Niederkrotenthaler von der Abteilung für Sozialmedizin und Prävention an der Medizinischen Universität Wien und Kollegen wollten wissen, ob das Hören des Rap-Song von Logic mit der Zahl der täglichen Anrufe bei der National Suicide Prevention Lifeline und der Zahl täglicher Suizide in den USA in Verbindung steht.

Logics Musikvideo ist 7 Minuten lang und erzählt die Geschichte eines homosexuellen Teenagers, der sowohl in der Schule als auch zuhause Homophobie und Mobbing ausgesetzt ist. Er denkt über Suizid nach, ändert aber nach einem Anruf bei der Nationalen Hotline Suizid-Prävention seine Einstellung und sucht sich Unterstützung.

In dem Song kommt die Nummer der Hotline immer wieder prominent vor. Der Song erreichte Platz 3 der US-Billboard-Charts und wurde bei den MTV Music Awards 2017 und den Grammy Awards 2018 aufgeführt, was für große öffentliche Aufmerksamkeit sorgte.

Anhand von Twitter-Posts beurteilten die Forscher, welche Aufmerksamkeit der Song in einem bestimmten Zeitraum erhalten hatte. Sie fanden heraus, dass in dem 34-Tage-Zeitraum unmittelbar nach den 3 Ereignissen mit der größten öffentlichen Aufmerksamkeit (der Veröffentlichung des Songs, den MTV Video Music Awards 2017 und den Grammy Awards 2018) 9.915 zusätzliche Anrufe bei der Nationalen Hotline Suizid-Prävention eingingen.

Das entspricht einem Anstieg von 6,9% gegenüber der erwarteten Zahl. Im gleichen Zeitraum lag die Zahl der Selbstmorde um 245 (oder 5,5%) unter der erwarteten Zahl.

Nach Einschätzung von Niederkrotenthaler und Kollegen belegen die Ergebnisse die schützende Wirkung positiver Medienberichte über Suizidgedanken und hilfesuchendes Verhalten – besonders für Gruppen, die mit herkömmlichen Botschaften schwer zu erreichen sind.

Die Forscher schränken allerdings ein, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, aus der keine Kausalität abgeleitet werden könne. Auch sei unklar, ob das Lied über die Zeiträume der größten Aufmerksamkeit hinaus Auswirkungen hatte. Auch erfassten die Daten aus Twitter möglicherweise nicht vollständig, wie viele Menschen das Lied gehört haben.

„Diese Studie unterstützt den Papageno-Effekt – die Theorie, dass Medienberichte, die die Überwindung einer suizidalen Krise thematisieren, vor Selbstmord schützen können“, schreibt die Psychiaterin Prof. Dr. Alexandra Pitman vom University College London im begleitenden Editorial.2 Sie schreibt, dass weitere Arbeiten erforderlich sind, um den wahrscheinlichen Wirkmechanismus der Intervention zu verstehen.

Gicht und andere Krankheiten in der Musik

Musikalische Allegorien können sich auch medizinische Aspekte beziehen, wie chronische Krankheiten, sie es Asthma oder Gicht. Aber auch soziale und emotionale Komponenten der Erkrankungen können sich in Musik widerspiegeln. Wie sich denn Gicht anhört, ging Prof. Desomond O’Neill, Tallaght Universtiy Hospital Dublin, nach.3

Die Orchestersuite Ouverture, jointes d’une Suite tragi-comique des barocken Komponisten Georg Telemann (1681-1767) zeigt eine Reihe von prominenten Erkrankung der Oberschicht des 18. Jahrhunderts: Gicht, Hypochondrie und Dandyismus. Nach der Overtüre stellt ein barocker Tanz die typischen zurückhaltenden Bewegungen der Erkrankten dar, mit Unterbrechungen, die für Schmerz und Unbehagen stehen.

Auch in der Fantasia in A Dur von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788), Sohn von Johann Sebastian Bach, beschreibt der Komponist die folterartigen Schmerzen seiner Gichterkrankung, insbesondere die stechenden Schmerzen.

Eine Asthmaerkrankung verarbeiteten in ihren musikalischen Werken Giocchino Rossini (1792-1868) in seiner Étude asthmatique, vor allem mit der Darstellung der Atemlosigkeit, und Marin Marais (1656-1728) in seinem Werk Allemande L’Asmatique.

Die beiden Streichquartette von Bedřich Smetana (1824-1884) können ihren Hörern die Gefühle vermitteln, welche Betroffene von Tinnitus (Streichqartett Nr.1) und kognitiven Störungen in Folge von Neurosyphilis (Streichquartett Nr. 2 in D Moll) erfahren.

Wie es ist zu sterben, setzte Richard Strauss (1864-1949) in seinem Werk Tod und Verklärung um, in welchem in langsamer, pulsierender Rhythmus das Geschehen bestimmt. Auf seinem Sterbebett meinte der Komponist, dass sein Tod genauso sei, wie in seinem kurz zuvor verfassten Stück.

Dieser Beitrag erschien teilweise im Original bei Medscape.

  1. Niederkrotenthaler T et al. Association of Logic’s hip hop song “1-800-273-8255” with Lifeline calls and suicides in the United States: interrupted time series analysis. BMJ 2021; 375: e067726.
  2. Pitman A. A song of hope. BMJ 2021; 375: n2964.
  3. O´Neill D. Listening to illness: hearing gout through music. BMJ 2021; 375: e068240.

Bildquelle: © Getty Images/Oliver Helbig

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