21. Juni 2019

Begebenheiten aus der Medizin

„Das könnte es heute nicht mehr geben“

Ob fragwürdige und beschämende Untersuchungsmethoden oder Professoren, die sich mit der lateinischen Sprache brüsten: Viele Begebenheiten in der Medizin, die vor einigen Jahrzehnten noch üblich waren, lassen uns heute ratlos zurück. Lesen Sie hier, was Ihre Kollegen zu berichten haben.

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf der von „synapse1947″ angeregten Forumsdiskussion „Das könnts heute nimmer gäbn…”. Redaktion: Marc Fröhling

Von nicht mehr zeitgemäßen Vorgehensweisen …

Rabiate Oberschenkel-Amputation: Allgemeinmediziner „synsapse1947“ berichtet von zwei Begebenheiten, die damals als völlig normal erachtet wurden. Um 1970 wurde in einer Chirurgie-Vorlesung eine Oberschenkel-Amputation demonstriert. Aus hygienischen Gründen blieben die ersten drei Reihen unbesetzt. Mit Vehemenz und einem gewissen Enthusiasmus sägte der Professor den Oberschenkel durch. Ein Assistent versorgte den Stumpf, die Studenten applaudierten.

„Hausschwangere“ und beschämende Untersuchungen: Zudem weiß „synapse1947“ von sogenannten „Hausschwangeren“ zu berichten. Dies waren – noch in den frühen Siebzigern – unverheiratete Mädchen, die sich den Studenten zur Untersuchung zur Verfügung stellen mussten. Dafür wurde ihnen die Geburt unentgeltlich gewährt. Bei der Erinnerung an diese Geschehnisse könnte er heute an die Decke gehen.

In der Studienzeit von Gynäkologin „chanice“ musste eine Patientin mit einem Vulvatumor diesen vor den Studenten präsentieren. Trotz der offensichtlichen Scham der Frau ermutigte der Professor die Studenten dazu, „mal anzufassen“. Dieser entgegnete, angesprochen auf sein Verhalten, das sei die Frau ihm eben schuldig. Auch Laboratoriumsmediziner „dudeldoc“ berichtet von einem fragwürdigen gynäkologischen Untersuchungskurs aus dem Jahre 1965, einer Zeit, in der es noch keine Phantome gab. Die Patienteninnen stellten sich hierfür „freiwillig“ zur Verfügung. Bis zu fünf Studenten gleichzeitig versuchten an ihnen dann mit Hilfe von Specula, Kolposkop und den bloßen Händen ihr Glück.

Verschwiegene Wahrheit: In der Lungenklinik, in der „zaunreiterin“ um 1985 einige Assistenzjahre verbracht hat, war es streng verboten, den Patienten ihre häufig schlechten Prognosen mitzuteilen, um diese nicht zu entmutigen oder gar dadurch in den Selbstmord zu treiben. Es wurde sogar mit Placobo-Infusionen gearbeitet, um den Eindruck zu erwecken, die bereits sinnlose Chemotherapie würde weiter fortgeführt werden.

Dekapierte Frösche und eine tote Katze: Allgemeinmedizinerin „zaunreiterin“ berichtet von mit Scheren dekapierten Fröschen mit dem Ziel, einen Froschschenkel zu präparieren und diesen elektrisch zum Zucken zu bringen. Außerdem wurde sie Zeugin, wie ein Pharmakologie-Professor die Toxidität von Nikotin an einer Katze demonstrierte: Er injizierte ihr das Extrakt einer Zigarette, woraufhin diese sofort verstarb.

Gynäkologin „chanice“ kann hier nur anmerken, dass auch das Extrakt eines gesunden Apfels jedes Lebewesen töten würde, wenn es gespritzt würde. „dr_knock“ aus der Inneren Medizin berichtet von Münchner Demos gegen diese Art von Lehrveranstaltungen und tippt darauf, dass einige Verantwortliche dabei lediglich ihre sadistischen Neigungen ausgelebt haben.

… und unterhaltsamen Episoden

Flasche Chantré zur Bestimmung des Blutalkohols: Um einen Alkoholtest zu demonstrieren, stellte an einem Faschingsdienstag in den Sechzigerjahren ein Professor eine Flasche Chantré auf den Tisch und suchte einen Freiwilligen, woraufhin sich Laboratoriumsmediziner „dudeldoc“ meldete. Er musste die Flasche innerhalb von 45 Minuten leeren. Ihm wurde für den Alkoholtest Blut abgenommen und auch die Nachresorption wurde an ihm demonstriert. In Folge des Experiments war der restliche Faschingstag für ihn allerdings gelaufen.

Zurschaustellung von Lateinkenntnissen: In seiner Vorlesung „Differentialdiagnose Innerer Krankheiten” hat einst ein Tübinger Professor vor den Studenten die Mutter von „dudeldoc” als Patientin vorgestellt. Die Anamnese und Diagnose trug er in lateinischer Sprache vor, jedoch fehlerhaft. Die Dame, selbst des Lateinischen mächtig, entgegnete prompt: „Non habet pretium, ipse loquor linguam latinam.” Daraufhin setzte der Professor die Anamnese lachend in deutscher Sprache fort.

Auch sein früherer internistischer Chef schlug in eine ähnliche Kerbe, versuchte sich aber immerhin noch abzusichern: Bei der Visite erläuterte er seinen Assistenten Sachverhalte gerne auf Latein oder Altgriechisch. Zunächst sprach er jedoch den Patienten selbst in einer dieser Sprachen an, um dessen Fähigkeiten zu testen. Stellte er Verstehen fest, fanden die fremdsprachlichen Erläuterungen kurzerhand außerhalb des Patientenzimmers statt.

1. coliquio-Thread vom 19. November 2018: „Das könnts heute nimmer gäbn…”

Titelbild: © iStock.com/eggeeggiiew

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