30. April 2019

Akute Bauchschmerzen bei Kindern: Diagnose und Behandlung

Dieser Beitrag erscheint hier mit freundlicher Genehmigung von Deximed, der neuen Medizin-Enzyklopädie im Internet.

Red Flags und abwendbar gefährliche Verläufe1-2

Red FlagsAbwendbar gefährlicher Verlauf
Kollaps, Schock, Arrhythmie, Zyanosez. B. Perforation eines Hohlorgans, rupturiertes Aneurysma, Myokardinfarkt, Lungenembolie
Fieber > 38,5 °CAppendizitis, Cholezystitis, Cholangitis, Adnexitis, Endometritis
Starke SchmerzenGallenkolik, Nierenkolik, Perforation eines Hohlorgans, Mesenterialinfarkt, Pankreatitis
AbwehrspannungPeritonitis, z. B. perforiere Appendizitis, perforiertes Magenulkus
Schmerzen lokalisiert, schnell zunehmend, plötzlicher Beginn, nächtlichInvagination, Volvulus, Cholezystitis, Ovarialtorsion, Adnexitis, Endometritis, Pyelonephritis, inkarzerierte Hernie
Erbrechen mit Blutbeimengung oder Kaffeesatzobere gastrointestinale Blutung
Rektale Blutung, Blut im Stuhl, Teerstuhl
Hämatemesis und Meläna
Divertikelblutung, Meckel-Divertikel, akuter Schub von M. Crohn/Colitis ulcerosaobere gastrointestinale Blutung
Starke HodenschmerzenHodentorsion
Bekanntes Aortenaneurysmarupturiertes Aortenaneurysma
Bauchtrauma in den letzten 2 WochenMilzruptur, Perforation
Stuhl- und Windverhalten > 24h, galliges ErbrechenIleus
Z. n. Bauch-OP, Kolo- oder GastroskopiePerforation
Anamnestisch KHK, pAVK, Z. n. SchlaganfallMesenterialinfarkt, Herzinfarkt, rupturiertes Aortenaneurysma
Dysurie, Harnverhalt, MiktionsstörungenPyelonephritis, Prostatitis, Urosepsis
IkterusCholangitis, Gallenkolik, Hämolyse
SchwangerschaftExtrauteringravidität, Spontanabort
Absetzen von GukokortikoidenAddison-Krise
  • Definition

    • Akut auftretende, starke Bauchschmerzen bei Kindern
    • Akute Bauchschmerzen bei Kindern sind häufig.
    • Die meisten Episoden von akuten Bauchschmerzen gehen von selbst vorüber, je nach Ursache kann aber auch ein Krankenhausaufenthalt notwendig werden.3
    • Das klinische Bild reicht von einem milden bis hin zu einem lebensbedrohlichen Verlauf.
    • Bauchschmerzen können von allen Organen verursacht werden.

    Häufigkeit

    • Akute Bauchschmerzen treten häufig auf. In der Regel handelt es sich um eine harmlose Ursache.

    Diagnostische Überlegungen

    • Es müssen diejenigen Kinder ermittelt werden, bei denen den Bauchschmerzen eine ernste Erkrankung zugrunde liegt.
    • Neben Schmerzintensität, Lokalisierung und Dauer werden auch andere Symptome sowie das Alter des Kindes zur Stellung der Diagnose hinzugezogen.
    • Bauchschmerzen bei Kindern können klinisch in 3 Kategorien eingeteilt werden:4
    1. viszerale Schmerzen
    2. parietale Schmerzen
    3. übertragene Schmerzen.
    • Viszerale Schmerzen
    • Viszerale Schmerzrezeptoren befinden sich auf der Serosa im Mesenterium und in der Wand der inneren Organe.
    • Anspannung und Ischämie stimulieren die viszeralen Schmerzfasern.
    • Durch eine Überlastung des Gewebes und Entzündungen werden die Nervenenden sensibilisiert, und normale Reize werden als schmerzhaft empfunden.
    • Viszerale Schmerzen sind diffus, unspezifisch und häufig auf der Mittellinie lokalisiert.
    • Parietale Schmerzen
    • Sie treten aufgrund einer somatischen Innervation des Peritoneum parietale auf.
    • Die Schmerzen werden durch Ischämie, Entzündungen oder eine Weitung des Peritoneum parietale verursacht.
    • Der Schmerz ist leichter zu lokalisieren.
    • Übertragene Schmerzen
    • Sie ähneln parietalen Schmerzen.
    • Sie treten in den Bereichen auf, die von dem gleichen Dermatom versorgt werden wie das betroffene Organ.

    Diagnostische Einschätzungen in Bezug auf das Alter

    • Kinder unter 1 Jahr
    • In dieser Altersgruppe sind die wichtigsten Symptome für Bauchschmerzen anhaltendes bzw. lautes Weinen und Anziehen der Beine unter den Körper.
    • Siehe Anamnese.
    • Bauchschmerzen sind ein sehr unspezifisches Symptom, die auch auf eine Krankheit oder Infektion in einem anderen Organ hindeuten können.
    • Bei jedem Kind mit Bauchschmerzen sollte ein Ganzkörperstatus erhoben werden.
    • Das Kind zeigt fast ausnahmslos Schmerzen um den Bauchnabel herum an, auch wenn die Ursache an anderer Stelle lokalisiert ist.
    • Ältere Kinder: über 5 Jahre
    • Es tritt die gleiche Symptomatik wie bei Erwachsenen auf.
    • Kinder in diesem Alter können die Schmerzen besser lokalisieren.
    • Psychogene Bauchschmerzen treten ab dem Schulalter häufiger auf.

    Auswahl häufiger Ursachen für Bauchschmerzen im Kindesalter5

    Mögliche Fehldiagnosen

    • Otitis
    • Meningitis

    ICD-10

    • R10 Bauch- und Beckenschmerzen
    • R10.0 Akutes Abdomen
    • R10.1 Schmerzen im Bereich des Oberbauches
    • R10.2 Schmerzen im Becken und am Damm
    • R10.3 Schmerzen mit Lokalisation in anderen Teilen des Unterbauches
    • R10.4 Sonstige und nicht näher bezeichnete Bauchschmerzen

  • Säuglingskolik

    • Koliken treten bei 10–20 % aller Kinder in den ersten Lebenswochen auf.
    • Typische Anzeichen: Betroffene Kinder schreien, ziehen die Knie Richtung Bauch und scheinen starke Schmerzen zu haben.
    • Die Ursachen für die Säuglingskoliken, früher auch 3-Monats-Koliken genannt, sind nicht eindeutig geklärt.
    • Bei ca. 1/3 der Kinder kann eine Kuhmilchunverträglichkeit vorliegen.5-6
    • Auch bei Stillkindern kann hier eine Unverträglichkeit durch die Ernährungsgewohnheiten der Mutter auftreten.
    • Typisch für Säuglingskoliken ist, dass diese nach dem Essen auftreten, meist gegen Abend, und die Kinder oft stundenlang nicht zur Ruhe kommen.
    • Therapie5-6
    • Das oft verordnete Mittel Simeticon hilft nicht, wie Doppelblindstudien zeigen.
    • Auch Metoclopramid bringt keine Linderung und hat zu beachtende Nebenwirkungen.
    • Kräutertee kann die Beschwerden reduzieren.
    • Was den Kindern oft Erleichterung verschafft, ist das Herumtragen, z. B. im „Fliegergriff”.

    Gastroenteritis

    • Dies ist die häufigste Ursache von Bauchschmerzen bei Kindern.
    • Häufigste Auslöser sind Viren wie Rotaviren, Noroviren, Adenoviren und Enteroviren.
    • Die häufigsten Bakterien sind E. coli, Yersinia, Campylobacter, Salmonellen und Shigellen.
    • Diffuse Bauchschmerzen oder Kolikschmerzen, die sich verlagern, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Fieber, andere Fälle im direkten Umfeld – häufig Übelkeit im Vorfeld der Diarrhö.

    Reizdarm

    • Tritt oft bei Kindern und Jugendlichen auf, funktionelle Erkrankung.
    • Rezidivierende Beschwerden, auftretend als:
    • wechselnde Verdauungsstörungen
    • Schmerzen im Unterbauch
    • Meteorismus
    • Linderung bei Defäkation und Abgang von Gasen.
    • Häufig liegen andere funktionelle Beschwerden vor. Die Erkrankung tritt oft bei empfindlichen Personen oder Personen unter psychischem Stress auf.
    • Afebril, keine Anzeichen von Peritonitis

    Appendizitis

    • Sie ist ein häufiger Grund für einen chirurgischen Eingriff und äußert sich bei Kindern oft als akuter Bauchschmerz.
    • Oft klassische Trias aus Schmerz, Erbrechen und Fieber
    • Der Schmerz geht in der Regel dem Erbrechen voran (anders als bei gastrointestinalen Infektionen).
    • Die klassischen Untersuchungsparameter (lokaler Klopfschmerz, Schmerzpunkte McBurney, Lanz-Punkt, Vermeidung von Erschütterungen, Psoaszeichen, Loslasschmerz) sind zielführend.
    • Am häufigsten in der Altersgruppe 10–30 Jahre, selten vor dem 6.–12. Lebensmonat
    • Entwickelt sich über Stunden bis Tage.
    • Übergang von diffusen zu lokalisierten Schmerzen in der rechten Fossa iliaca (McBurney-Druckpunkt), leichtes bis mäßiges Fieber und Symptome eines Ileus.
    • Vorübergehende plötzliche Linderung: Anzeichen einer Perforation
    • Peritonitisbefund, lokalisierte direkte und indirekte Berührungsempfindlichkeit, möglicherweise positives Psoas-Zeichen
    • Diagnostik
    • Neben der genauen Anamneseerhebung und körperlichen Untersuchung kann auch die Sonografie hilfreich sein.
    • Eine CT ist nur in Ausnahmefällen notwendig.
    • Auf eine rektale Untersuchung kann bei Kindern in der Regel verzichtet werden.5

    Mesenteriale Lymphadenitis

    • Es kommt zu appendizitisähnlichen Symptomen, aber der Schmerz ist diffuser, Anzeichen einer Peritonitis fehlen oft, und es kann eine generalisierte Lymphadenopathie auftreten.
    • Sie tritt häufig zeitgleich mit Infektionen der oberen Atemwege (Adenoviren) auf.
    • Die Diagnose wird normalerweise während einer Operation wegen Verdachts auf Appendizitis gestellt.

    Verstopfung

    • Eine akute Verstopfung kann eine organische Ursache haben (Gastroenteritis oder Appendizitis).
    • Eine chronische Verstopfung kann eine funktionale Ursache haben und akute, starke Bauchschmerzen verursachen.
    • Bauchschmerzen aufgrund einer Verstopfung treten meist linksseitig oder direkt über der Symphyse auf.

    Harnwegsinfekt

    • Schmerzen und Druck auf der Blase
    • Dysurie, häufiges Wasserlassen
    • Klopfdolenz im Bereich der Flanke und Allgemeinsymptome wie Übelkeit und Fieber bei Pyelonephritis

    Inkarzerierte Hernie

    • Nicht reponierbare schmerzhafte Schwellung in der Leiste
    • Später Anzeichen eines Ileus

    Volvulus

    • Der Volvulus gilt als absolute Notfallindikation in der Kinderchirurgie.5
    • Risikofaktoren für das Entstehen eines Volvulus sind die Malrotation des Dünndarms, Mukoviszidose oder Briden.
    • Heftige Bauchschmerzen, die im weiteren Stadium abklingen können, es kommt häufig zu galligem Erbrechen (Warnsymptom)/Ileussymptomatik.
    • Der weitere Verlauf sei gekennzeichnet durch ein aufgetriebenes Abdomen und zunehmende Schocksymptome.
    • Die Diagnose wird durch Klinik, Sonografie und aufgrund einer Abdomenübersichtsaufnahme gestellt.
    • Eine schnelle operative Behandlung ist notwendig, um eine Dünndarmnekrose zu verhindern.

    Invagination

    • Invaginationen treten im Säuglingsalter (5.–9. Lebensmonat, selten vor dem 3. Lebensmonat und nach dem 2. Lebensjahr) oft nach einem Infekt auf.7
    • Risikofaktoren sind das Vorliegen von Peye-Plaques, vergrößerte Lymphknoten, Meckel-Divertikel, Polypen, Duplikaturen oder Lymphomen.
    • Das Krankheitsbild ist gekennzeichnet durch einen plötzlichen Erkrankungsbeginn.
    • Aus bester Gesundheit zeigen sich stärkste Bauchschmerzen, gefolgt von galligem Erbrechen und Blässe.
    • Rhythmisch, kolikartig wieder auftretende Schmerzen, zunehmend reduzierter Allgemeinzustand, Ileussymptomatik und blutig schleimige Stühle (Himbeergelee-Stühle).
    • intensive Schreiattacken, in Wellen auftretend, länger andauernd und intensiver als Kolik
    • Die Diagnose wird durch Anamnese, körperliche Untersuchung, Sonografie und evtl. Kontrasteinlauf gestellt.
    • Bei der körperlichen Untersuchung zeigt sich oft ein tastbarer Tumor, vor allen Dingen während der Schmerzattacken mit wechselnder Lokalisation.
    • In der Sonografie findet sich die typische Kokarde.
    • Ist die Reposition mittels (Kontrast-)Einlauf nicht möglich, muss zügig eine Operation erfolgen.

    Akute Beckeninfektion (Pelvic inflammatory diesease, PID)

    • Mono- oder polymikrobielle Infektion der inneren Genitalien
    • Am häufigsten bei sexuell aktiven jungen Frauen
    • Oft schleichend, mit Schmerzen oder Druckempfindlichkeit im unteren Bauchbereich, vermehrtem Ausfluss, Blutungsstörungen und Fieber einhergehend
    • Bei Gonorrhö kommt es zu bedeutend stärkeren Schmerzen als bei Chlamydien.
    • Uterus und Adnexe weisen häufig eine empfindliche Reaktionen bei der Palpation auf.
    • Das Blutbild zeigt Leukozytose, hohes CRP und evtl. erhöhte BSG. In Ausnahmefällen müssen zur Diagnose ein vaginaler Ultraschall bzw. eine Laparoskopie durchgeführt werden. Es werden häufig Chlamydien oder eine Gonorrhö nachgewiesen.

    Abdominaltrauma

    • Stumpfe Traumata sind häufiger als penetrierende Traumata.
    • Es kann zu Verletzungen der Haut und Muskeln, Darmperforation, intramuralen Hämatomen, Platzwunden, Hämatomen der Leber oder Milz und Verletzungen der intraabdominellen Organe oder Gefäßstiele kommen.

    Hodentorsion

    • Plötzliche starke Schmerzen in der Leistenregion bzw. im Unterbauch
    • Schwellung und Rötung des betroffenen Hodens
    • Fehlender Cremasterreflex
    • Neben Anamnese und Lokalbefund können Ultraschall und Doppleruntersuchung den Verdacht erhärten.
    • Wichtig ist die frühzeitige Operation (innerhalb von 4–6 Stunden), um den Verlust des Hodens zu vermeiden.

    Meckel-Divertikel

    • Inzidenz bei 2 % der Bevölkerung5
    • Davon werden ungefähr 4 % symptomatisch.
    • Meist erkranken Kinder unter 2 Jahren.
    • Es kommt zu einer meist schmerzlosen massiven intestinalen Blutung.
    • Eine möglichst frühzeitige chirurgische Behandlung ist Therapie der Wahl.

    Seltenere gastrointestinale Ursachen

    • Lebensmittelvergiftung
    • Magengeschwür (Ulkus-Krankheit)
    • Meckel-Divertikel (s. o.)
    • Entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa)
    • Malabsorption von Laktose und/oder Fruktose
    • Eine Laktosemalabsorption liegt bei älteren Kindern und Jugendlichen abhängig vom Herkunftsland häufig vor und äußert sich als Bauchschmerz, Meterorismus und chronische Diarrhö.
    • Bauchschmerzen beim Kind können auch durch übermäßigen Genuss von Frucht- und Vitaminsäften entstehen. 5 % der Bevölkerung haben eine Fruktosemalabsorbtion. Bei vermehrter Gabe von Früchten und Fruchtsaft kann es deshalb zu Durchfall und Bauchschmerzen kommen.

    Erkrankungen der Leber, Milz oder Gallenwege

    Urogenitale Ursachen: selten

    Medikamente und Toxine

    • Erythromycin
    • Salizylate
    • Bleivergiftung

    Atemwege

    Funktionelle Bauchschmerzen

    • Psychogene Bauchschmerzen treten selten vor dem 5. Lebensjahr auf.
    • Unter schulpflichtigen Kindern beträgt die Prävalenz chronischer Bauchschmerzen 10–25 %.8-9
    • Bauchschmerzen nichtorganischer Ursache präsentieren sich häufig als chronisch oder chronisch-rezidivierende Schmerzen, können jedoch auch akut auftreten.
    • Kinder mit funktionellen Bauchschmerzen weisen charakteristische Merkmale auf.8
    • periumbilikaler (45 %) oder epigastrischer Schmerz (40 %) von weniger als 1 Stunde bei 2/3 der Kinder und nahezu immer weniger als 3 Stunden Dauer
    • Kind und Eltern können fast nie Maßnahmen benennen, die das Schmerzereignis verkürzen.
    • Schmerzen sind häufig begleitet von vegetativen Symptomen wie Blässe und Übelkeit.
    • Die körperliche Untersuchung ist unauffällig.
    • Funktionelle Bauchschmerzen resultieren meist aus einem Wechselspiel zwischen organischer Dysfunktion und psychischen Faktoren.
    • Organische Ursachen sollten sorgfältig evaluiert und ggf. ausgeschlossen werden.
    • Warnsymptome als Hinweis auf nichtfunktionelle Bauchschmerzen sind:8
    • anhaltender Schmerz im rechten oberen oder rechten unteren Quadranten
    • Schmerzen, die das Kind aus dem Schlaf aufwecken.
    • Schmerzdauer > 12 h
    • deutlich periodischer Verlauf
    • nächtliche Durchfälle
    • anhaltendes Erbrechen
    • Dysphagie
    • gastrointestinaler Blutverlust
    • perianale Erkrankungen
    • ungewollter Gewichtsverlust
    • Verlangsamung des Längenwachstums
    • verzögerte Pubertät
    • unklärbares Fieber
    • Arthritis
    • Familienanamnese mit entzündlichen Darmerkrankungen, Zöliakie oder peptischen Geschwüren.

  • Anamnestische Daten zu folgenden Fragen sollten erhoben werden:5

    • Wie lange besteht der Schmerz?
    • Schlagartiger Beginn, anhaltend über Stunden?
    • Lassen Sie sich die Lokalisation zeigen.
    • Anhaltender oder intermittierender Schmerz?
    • Fortgeleiteter Schmerz?
    • Schmerzcharakter: Bohrend, stechend, dumpf?
    • Zeitliches Auftreten: tags, nachts, Wochenende, Ferien, Schule, vorheriges Trauma?
    • Ess- und Trinkgewohnheiten
    • weitere Begleitsymptome (Erbrechen, Fieber, Durchfall, Husten, Halsschmerzen, Kopfschmerzen, Atemnot, Dysurie, OP-Narben).

    Alter

    Art der Schmerzen

    • Wann haben die Schmerzen begonnen?
    • Bei Kindern, die noch nicht richtig sprechen können, werden die Symptome erst spät erkannt.
    • Kinder können meist nicht sagen, wann der Schmerz begann.
    • Lokalisierung?
    • Kinder können bis ins jugendliche Alter Schwierigkeiten haben, die Schmerzen zu lokalisieren.
    • Tritt der Schmerz an verschiedenen Stellen auf?
    • typisch für Appendizitis
    • Schmerzen im unteren rechten Quadranten?
    • Anzeichen einer Appendizitis, auch wenn das Kind die Schmerzen im Oberbauch lokalisiert.
    • Art des Schmerzes, Intensität, Dauer und Umfang?
    • Es ist nicht immer leicht, klare Antworten von einem Kind zu bekommen.

    Stuhl

    • Häufigkeit, Farbe, Konsistenz, Blut, Schleim?

    Kürzliches Trauma

    • Kann Bauchschmerzen verursachen.

    Erschwerende oder lindernde Faktoren

    • Peritoneale (parietale) Schmerzen verschlimmern sich bei Bewegung.
    • Eine Linderung nach dem Stuhlgang deutet darauf hin, dass die Ursache der Schmerzen im Kolon liegt.
    • Eine Linderung nach Erbrechen deutet auf eine Erkrankung im oberen Magen-Darm-Trakt hin.

    Weitere Symptome

    • Tritt der Schmerz vor der Übelkeit auf, liegt häufig eine Erkrankung vor, die chirurgisch behandelt werden muss.
    • Tritt die Übelkeit vor dem Schmerz auf, handelt es sich oft um eine internistisch zu behandelnde Erkrankung.
    • Erbrechen von Galle deutet auf einen Darmverschluss hin.
    • Diarrhö deutet auf eine Gastroenteritis oder Lebensmittelvergiftung hin, tritt aber auch bei anderen Erkrankungen auf.
    • Blutige Diarrhö deutet auf eine entzündliche Darmerkrankung oder eine infektiöse Enterokolitis hin.
    • Blutig-schleimiger Stuhl ist typisch für eine Invagination.
    • Kein Abgang von Gas oder Stuhl deutet auf einen Darmverschluss hin.

    Urogenitale Symptome

    • Neugeborene: Ein früherer Harnwegsinfekt bzw. Fieber über 40 °C erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Harnwegsinfekts.
    • Kinder, die sprechen können: Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, Dysurie, häufiger Harndrang und beginnende Harninkontinenz sind Anzeichen eines Harnwegsinfekts.10
    • Purulenter Ausfluss deutet auf eine Salpingitis hin.
    • Menstruation? Mittelschmerz?
    • Sexuell aktiv? Werden Verhütungsmittel verwendet? Amenorrhö? Kann eine Schwangerschaft vorliegen?
    • Mehrere Sexualpartner? Evtl. kann eine Salpingitis vorliegen.

    Andere Symptome

    • Husten, Atemnot und Brustschmerzen deuten auf eine Erkrankung der Brusthöhle hin.
    • Polyurie und Polydipsie sind Anzeichen von Diabetes mellitus.
    • Gelenkschmerzen, Hautausschlag und verfärbter Urin deuten auf Purpura Schönlein-Henoch hin.

    Frühere Erkrankungen

    • Früherer Krankenhausaufenthalt? Operationen? Die Ursache können Adhäsionen sein.
    • Andere bekannte Krankheiten?
    • Medikamente? Nebenwirkungen?
    • Erbkrankheit? Siehe Sichelzellenanämie, Mukoviszidose, Porphyrie.

  • Allgemeines

    • Bei der Untersuchung insbesondere von kleinen Kindern mit Bauchschmerzen sollte neben der abdominellen Untersuchung immer ein Ganzkörperstatus erhoben werden.
    • Allgemeinzustand?
    • Appetit?
    • Wie verhält sich das Kind?
    • Bei viszeralen Schmerzen krümmt sich das Kind.
    • Bei peritonealen Schmerzen ist das Kind ruhig und bewegt sich nicht.
    • Flüssigkeitshaushalt? Dehydratation?
    • Fieber?
    • Hatte das Kind Fieber?
    • Hohes Fieber mit Schüttelfrost ist typisch für eine Pyelonephritis oder Pneumonie.11
    • Bei hohem Fieber über 40 °C ohne nachweisbare Ursache liegt wahrscheinlich ein Harnwegsinfekt vor.10
    • Das Fehlen von Fieber verringert die Wahrscheinlichkeit einer Appendizitis.12
    • Tachykardie und Hypotonie?
    • Anzeichen einer Hypovolämie
    • Bei einem jungen Mädchen im fruchtbaren Alter unter Schock kann eine ektope Schwangerschaft vorliegen.
    • Hypertonie?
    • Kann bei Purpura Schönlein-Henoch und dem hämolytisch-urämischen Syndrom vorliegen.
    • Kußmaul-Atmung? Ketongeruch im Atem?
    • Hinweis auf diabetische Ketoazidose

    Spezifische Aspekte

    • Inspektion
    • Atemmuster?
    • Wenn das Kind den Bauch aufbläht: Anzeichen einer peritonealen Reizung?
    • Bitten Sie das Kind, die Schmerzen mit dem Finger zu lokalisieren.
    • Palpation
    • leichte und sanfte Palpation, zunächst weit weg von dem schmerzenden Bereich und dann langsame Annäherung
    • Schmerzempfindlichkeit bei Palpation und Berührungsempfindlichkeit. Ist das Kind nicht schmerzempfindlich, liegt wahrscheinlich keine Appendizitis vor.12
    • Überprüfung der Muskelsteifheit
    • Resistenzen, Schwellungen?
    • Auskultation
    • Darmgeräusche?
    • Rektale und genitale Untersuchung
    • Werden nur ausgeführt, wenn wichtige Informationen zu erwarten sind, kann für Kinder sehr belastend sein und erbringt häufig keine weiteren wegweisenden Befunde.
    • Rektaluntersuchung
    • Beurteilung von Schmerzempfindlichkeit, Sphinktertonus, Resistenzen, Stuhl, Meläna
    • Jungen
    • Untersuchung der äußeren Genitalien sollte immer erfolgen.
    • Mädchen
    • Ausfluss? Vaginalatresie? Intaktes Hymen?
    • Bei der bimanuellen Untersuchung können Resistenzen oder Schmerzempfindlichkeit in Uterus und Adnexe festgestellt werden.
    • Purulenter zervikale Ausfluss, empfindliche Reaktionen bei der Palpation und Resistenzen in der Adnexe deuten auf eine Beckeninfektion (Pelvic Inflammatory Disease, PID) hin.
    • Ikterus?
    • möglicherweise Hämolyse oder Hepatitis
    • Blässe und Ikterus?
    • möglicherweise Sichelzellkrise
    • Positives Psoas-Zeichen oder Obturator-Zeichen?
    • Es können eine entzündete retrozoekale Appendizitis, rupturierte Appendizitis oder ein Abszess am Musculus iliopsoas vorliegen.
    • Murphy-Zeichen
    • Die Finger des Arztes drücken gegen die Unterseite des Brustkorbs und der Patient atmet tief ein.
    • Eine Schmerzprovokation deutet auf eine Gallenwegserkrankung hin.
    • Das Cullen-Zeichen (bläuliche Flecken um den Nabel) und das Grey-Turner-Zeichen (bläuliche Flecken in der Flankenregion) sind selten und Anzeichen von inneren Blutungen.
    • Ausschlag und Arthritis
    • evtl. Purpura Schönlein-Henoch
    • Untersuchung auf:
    • Meningitis
    • Otitis.

  • In der Hausarzt- oder Kinderarztpraxis

    • Die Untersuchungen hängen von den Symptomen und klinischen Befunden des Kindes ab.
    • Laboruntersuchungen
    • Hb, BSG, Leukozyten (Differenzialblutbild), CRP, Thrombozyten, Glukose, Kreatinin, Elektrolyte (Na, K, Ca), Leberwerte (GGT, AP, GOT, GPT), Säure-Basen-Haushalt, evtl. Blutkulturen
    • Urinuntersuchung
    • Teststreifen, evtl. Mikroskopie, Urinkultur
    • Schwangerschaftstest?
    • Mikrobiologie?
    • Stuhlkulturen

    Diagnostik beim Spezialisten
    Bildgebende Verfahren, ggf. stationär

    • Die Ultraschalluntersuchung des Abdomens einschließlich des Retroperitonealraumes ist die initiale bildgebende Methode; dabei sollen Perikard und basaler Pleuraspalt mit beurteilt werden.13
    • Dies ist in den meisten Fällen ausreichend.
    • Sind anatomische oder funktionelle Veränderungen nicht erkennbar, dann ist z. B. eine metabolische Genese der Bauchschmerzen auszuschließen.
    • Abdomen-Sonografie
    • Invagination? Appendizitis?
    • Gynäkologische Pathologie?
    • CT des Abdomens?
    • Abdomenübersichtsaufnahme?
    • Röntgenthorax?
    • Röntgen des Kolons mittels Kontrastdarstellung?
    • Szintigrafie bei Verdacht auf Meckel-Divertikel?
    • Lumbalpunktion bei Verdacht auf Meningitis

  • Indikationen zur Krankenhauseinweisung

    Schmerztherapie8

    • Es wird zur Vorsicht bei der Verwendung von Schmerzmitteln geraten, da Analgetika u. U. Symptome und Beschwerdebilder verschleiern können.
    • Jedes Kind mit akuten Schmerzen hat jedoch ein Recht auf adäquate altersgerechte Schmerzerfassung und -therapie.
    • Studien belegen zudem, dass eine überlegte Gabe von Analgetika dazu führen kann, dass das Kind besser mitarbeitet und damit die Diagnose erleichtert.
    • Die Auswahl eines Nicht-Opioids orientiert sich an der Pathophysiologie des Schmerzes und an den möglichen Kontraindikationen
    • Bei Entzündungsschmerz empfiehlt sich der Einsatz eines NSAR.
    • Bei krampfartigen Bauchschmerzen kann Metamizol sinnvoll sein.
    • Bei erhöhter Blutungsgefahr sollten Paracetamol oder Metamizol verabreicht werden.
    • Opiode
    • Als Opioide für mäßig starke bis starke Schmerzen werden Tramadol und Tilidin, für starke bis sehr starke Schmerzen wird insbesondere Morphin eingesetzt; bei individueller Unverträglichkeit von Morphin Buprenorphin, Hydromorphon und Oxycodon verwenden.
    • Morphin ist das in der Pädiatrie am besten untersuchte starke Opioid und kann in jedem Alter bei Beachtung der altersgerechten gewichtsbezogenen Dosierung und der Überwachungsstandards sicher eingesetzt werden.8
    • Laut einer finnischen Studie führt die frühzeitige Therapie mit oralem Oxycodon zu einer guten Schmerzlinderung bei Kindern mit akuten Bauchschmerzen, ohne nachteilige Auswirkungen auf die klinischen Anzeichen oder Verschleierung einer chirurgischen Diagnose.14

Leitlinien

  • Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH). Invagination. AWMF Leitlinie Nr. 006-027. S1, Stand 2013. www.awmf.org
  • Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie (GPR). Bauchschmerz bei Kindern – Bildgebende Diagnostik. AWMF Leitlinie Nr. 064-016. S1, Stand 2017. www.awmf.org
  • Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE). Akute infektiöse Gastroenteritis im Kindesalter. AWMF Leitlinie Nr. 068-003. S2k, Angemeldet 2016. www.awmf.org

Literatur

  1. Schaufelberger M, Meer A, Furger P, Derkx H et al.. Red Flags – Expertenkonsens – Alarmsymptome der Medizin. Neuhausen am Rheinfall, Schweiz: Editions D&F, 2018.
  2. Fleischmann T. Fälle Klinische Notfallmedizin – Die 100 wichtigsten Diagnosen. München, Deutschland: Elsevier, 2018.
  3. D’Agostino J. Common abdominal emergencies in children. Emerg Med Clin North Am 2002; 20:139. PubMed
  4. Leung AKC, Sigalet DL. Acute abdominal pain in children. Am Fam Physician 2003; 67: 2321-6. PubMed
  5. Abklärung akuter Bauchschmerzen beim Kind. Ärztekammer Nordrhein. Rheinisches Ärzteblatt. Mai 2008. www.aekno.de
  6. Garrison M, Christakis D. A Systematic Review of Treatments for Infant Colic. Pediatrics 2000;106:184–190. pediatrics.aappublications.org
  7. Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH). Invagination. AWMF Leitlinie Nr. 006-027. S1, Stand 2013. www.awmf.org
  8. Zernikow B, Hechler T. Schmerztherapie bei Kindern und Jugendlichen. Dtsch Arztebl 2008; 105(28–29): 511–22DOI: 10.3238/arztebl.2008.0511 DOI
  9. Bufler P, Groß M. Uhlig H. Chronische Bauchschmerzen bei Kindern und Jugendlichen. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(17): 295-304; DOI: 10.3238/arztebl.2011.0295 DOI
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