22. April 2021

DGIM-Kongress 2021

Gefährliche Arzneimittel-Interaktionen vermeiden: Tipps vom Experten

Die Verordnung von Medikamenten zu hinterfragen, scheitert manchmal an fehlender Kenntnis möglicher Interaktionsrisiken oder auch einfach an der Zeit. Wie Sie potenziell tödliche Medikamenten-Kombinationen vermeiden, erfahren Sie hier.

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf dem Vortrag „Klug entscheiden bei Arzneimittelkombinationen“ auf dem digitalen DGIM-Kongress 2021 von Prof. Dr. med. Daniel Grandt.1 Redaktion: Dr. Nina Mörsch.

Fast eine halbe Million Kombinationen

Laut Daten der Barmer Krankenkasse haben Versicherte im Jahr 2016 mehr als 450.000 verschiedene Kombinationen von 2 Arzneimittelwirkstoffen gleichzeitig erhalten. Eine Größenordnung, die es Ärzten ohne elektronische Unterstützung kaum möglich macht, die jeweiligen Interaktionsrisiken zu beurteilen, so Prof. Dr. Daniel Grandt, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin I am Klinikum Saarbrücken gGmbH und Leiter der DGIM-Kommission Arzneimitteltherapie-Management und -Sicherheit.

Nur klinisch relevante Interaktionen berücksichtigen

Für Ärzte seien bei der Abwägung für oder gegen eine Kombination insbesondere die klinisch relevanten Interaktionen zu berücksichtigen. Nicht akzeptabel seien dabei Kombinationen, die Patienten nachweislich schaden können, und wenn eine sichere Behandlungsoption verfügbar ist.

Daneben gelte es immer den potenziellen Nutzen den Risiken gegenüberzustellen: „Wir wissen, dass wir einen Teil dieser Risiken akzeptieren müssen, um Patienten zu behandeln. Aber wichtig ist dann, diese durch gutes Monitoring zu minimieren,“ betont der Referent. Dies gelte auch, wenn die Verordnung der einzelnen Arzneimittel den Leitlinien entspreche. Diese seien nicht immer ausreichend adäquat auf die Behandlung von multimorbiden Patienten ausgerichtet.

Als wenig sinnvoll erachtet Prof. Grand hingegen pharmazeutische Datenbanken zum Check von Interaktionen. Da sich die Hersteller bezüglich der Ersatzansprüche absichern möchten, käme es hier häufig zu einem „Alert overkill“, wobei die meisten Warnungen klinisch irrelevant seien. „Würde man diese alle beachten, könnte man gar nicht mehr behandeln, “ so der Referent.

Interaktionscheck: Das sollten Sie prüfen

  • Dosierung beider verordneten Partner
  • Patientenfaktoren, wie Organfunktionen (z.B. Niere), Begleiterkrankungen
  • Möglichkeit des Monitorings: Habe ich die Möglichkeit, das Risiko frühzeitig zu erkennen, so dass im Falle einer Manifestation schnell interveniert werden kann?  

Risikofaktor „Behandlung durch mehrere Ärzte“

Was passieren kann, wenn Patienten von verschiedenen Ärzten unterschiedliche Medikamente verordnet bekommen, verdeutlicht Prof. Grandt am Beispiel des Wirkstoffs Abirateron. Dieser kommt bei Patienten mit fortschreitendem, kastrationsresistentem Prostatakarzinom zum Einsatz und wird in der Regel von Urologen oder Onkologen veordnet.

Verschreiben nun Hausarzt oder Neurologe dem Patienten zur gleichen Zeit das Sedativum und Antipsychotikum Thioridazin, wird es problematisch: Denn die Kombination von Thioridazin mit Arbitaron ist wegen des Arrhythmierisikos kontraindiziert.

„Es reicht also nicht, wenn Sie ihre eigene Therapie überprüfen. Sie müssen immer die Gesamtmedikation anschauen und manchmal auch die Behandlung zweier Erkrankungen aufeinander anpassen“, so das Resümee des Vortragenden.

Gefährlich, dennoch immer wieder verordnet

Als Beispiel für eine besonders gefährliche Kombination nennt der Arzt Trimethoprim oder Cotrimoxazol plus ACE-Hemmern oder Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker. Diese Kombination würde immer noch gegeben, trotz ihrer Gefahren, die eigentlich bekannt sein sollten: Die klinisch relevante Hyperkaliämie und das erhöhte Risiko für den plötzlichen Herztod.

Sich nicht auf “gute Erfahrung” verlassen

In diesem Zusammenhang betont der Referent, sich nicht darauf zu verlassen, dass bisher ja alles gut gegangen sei („Habe ich immer so gemacht“, „hat der Patient immer auch vertragen“).

Seine 5 Tipps zum Vermeiden von Interaktionsrisiken lauten:

  • Priorisieren Sie das Vermeiden von Interaktionsrisiken
  • Planen Sie eine systematische Prüfung der Medikation
  • Ziehen Sie elektronische Unterstützung hierfür in Erwägung
  • Beginnen Sie mit 30 der von Ihnen am häufigsten verordneten Arzneimitteln
  • Verordnen Sie niemals ohne Kenntnis der Gesamtmedikation

5 “No-Gos” bei Medikamenten-Kombinationen
Aufgrund der zunehmenden Anzahl älterer und multimorbider Patienten müssen Ärzte künftig noch häufiger gefährliche Medikamenten-Kombinationen im Blick haben. Die Konsensus-Kommission Klug entscheiden der DGIM hat besonders kritische Medikamenten-Interkationen ausgewählt und 5 davon auf dem diesjährigen DGIM-Kongresses präsentiert.

127. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, 17. – 20. April 2021 (virtuell)

Bild: © GettyImages/FotografiaBasica

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653