29. September 2021

Alkoholkrankheit: Suchtforscher kritisieren seltene Verschreibungen von Anti-Craving-Substanzen

Nur eine Minderheit aller Einwohner Schwedens mit Alkoholproblemen erhält Anti-Craving-Substanzen: eine Situation, die seit Mitte 2000 weitgehend unverändert geblieben ist.

Lesedauer: 4 Minuten

Autor: Dr. med. Thomas Kron, Redaktion: Marc Fröhling

Unterversorgung mit Anti-Craving-Substanzen

Dies geht aus einer aktuellen Studie von Suchtforschenden des Karolinska Instituts hervor. Die Studie zeige ausserdem, dass diese Medikamente in großem Umfang für verschiedene Gruppen in der Gesellschaft ungleich verteilt seien, so die Autorin Sara Wallhed Finn vom „Department of Global Public Health“ am Karolinska Institut. Auch der Münchener Suchtforscher Professor Dr. Michael Soyka hat kürzlich kritisiert, dass Anti-Craving Substanzen zu wenig genutzt würden.

Studien aus den USA, Australien und Großbritannien hätten Hinweise auf eine Unterversorgung von Alkoholkranken mit Anti-Craving-Substanzen geliefert, so Sara Wallhed Finn und ihr Team. Insgesamt sei die Datenlage allerdings schlecht. In der aktuellen Studie wollten die Forschenden die Verschreibung von Disulfiram, Naltrexon, Acamprosat und Nalmefen an Personen mit Alkohol-Krankheit in Schweden untersuchen. Eingeschlossen wurden mehr als 130.000 Erwachsene, bei denen zwischen 2007 und 2015 eine Alkohol-Krankheit diagnostiziert wurde.

Geringe Kenntnisse, Psychotherapie & medizinische Gründe

Nach Angaben des Autorenteams ergab die Studie, dass der Anteil der Personen, die Rezepte für Anti-Craving-Präparate einholten, zwischen knapp 23 und 24 Prozent schwankte und dass sich das Gesamtniveau über den neunjährigen Studienzeitraum nicht veränderte. 

Dem Forschungsteam zufolge gibt es mehrere Erklärungen für diese „Unterversorgung“, etwa zu geringe Kenntnisse über diese Medikamente sowohl von Behandelnden als auch von Erkrankten. Ein weiterer Grund könnte sein, dass die Patientinnen und Patienten eine Psychotherapie den Medikamenten vorziehen. In manchen Fällen gebe es auch medizinische Gründe, zum Beispiel Lebererkrankungen.

Nur Personen in fachärztlicher Behandlung untersucht

Ein weiteres Resultat: Bestimmte Bevölkerungsgruppen erhielten vergleichsweise weniger Anti-Craving-Präparate verschrieben, etwa Männer, ältere Menschen, Personen mit niedrigerem Bildungs- und Einkommensniveau, Personen, die in mittelgroßen Städten oder ländlichen Gebieten lebten, und Personen mit Begleiterkrankungen.

„Wir wissen sehr wenig über die Ursachen dieser Unterschiede”, sagt Sara Wallhed Finn. „Ein Grund dafür könnte sein, dass der Zugang zur Versorgung in den einzelnen Regionen unterschiedlich ist, da die spezialisierte Suchtbehandlung hauptsächlich in den Großstädten organisiert ist. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass die Verschreibungsraten bei Personen mit anderen organischen Krankheiten besonders niedrig sind, selbst in Fällen, in denen die Komorbidität kein Hindernis für die Verschreibung von der Anti-Craving-Substanzen war. Dies müssen wir weiter untersuchen, um es vollständig zu verstehen.“

Die Forschenden betonen zudem, dass in die Studie nur Personen einbezogen wurden, die in der fachärztlichen Versorgung wegen einer Alkoholkonsum-Störung behandelt wurden; die Zahl der Personen mit Alkohol-Problemen sei in der Allgemeinbevölkerung viel größer. Insgesamt erfüllten schätzungsweise vier Prozent der Erwachsenen in Schweden die Kriterien für eine Alkoholkrankheit, aber bei weitem nicht alle würden in irgendeiner Form behandelt. 

Falscher Einsatz von Antidepressiva

Dass die Craving-Substanzen Naltrexon und Nalmefen sowie Acamprosat wenig eingesetzt werden, hat kürzlich auch der Münchener Suchtexperte Professor Dr. Michael Soyka (Psychiatrische Universitätsklinik LMU München) in einem aktuellen Beitrag in der Zeitschrift „Nervenheilkunde“ kritisiert. Die klinische Wirkung von Acamprosat und Naltrexon, für die es laut Soyka die beste wissenschaftliche Evidenz gebe, sei zwar mäßig; die Effektstärke entspreche jedoch immerhin der von Antidepressiva. Leider würden ohne empirischen und wissenschaftlichen Wirkungsnachweis oft Psychopharmaka, insbesondere Antidepressiva, in diesem Bereich eingesetzt. Psychopharmaka, etwa Antidepressiva oder Antipsychotika, die das Dopaminsystem blockierten, hätten sich in der pharmakologischen Rückfallprophylaxe zumindest bei Alkoholabhängigen ohne psychische Begleiterkrankungen jedoch als nicht wirksam erwiesen. Sinnvoller wäre es laut Soyka, evidenzbasierte pharmakotherapeutische Optionen häufiger zu nutzen und nicht nur „bei verzweifelten Fällen“. Sie hätten „ein günstiges, jedenfalls nicht besonders problematisches Nebenwirkungsspektrum und interagieren pharmakologisch nicht mit Alkohol“.

Problematischer Alkohol-Konsum durch Pandemie noch verstärkt?

Einem Bericht der OECD zufolge hat die Corona-Pandemie die Trinkgewohnheiten vieler Menschen beeinflusst. Erfahrungen aus früheren Krisen lassen laut OECD befürchten, dass ein problematischer Alkoholkonsum mittelfristig zunehmen könne. In Deutschland ist der Konsum von Alkohol schon jetzt recht hoch. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums konsumieren 6,7 Millionen Menschen der 18- bis 64-jährigen Bevölkerung in Deutschland Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Etwa 1,6 Millionen Menschen dieser Altersgruppe gälten als alkoholabhängig. Zudem sei missbräuchlicher Alkohol-Konsum einer der wesentlichen Risikofaktoren für zahlreiche chronische Erkrankungen und für Unfälle. Analysen gehen von jährlich etwa 74.000 Todesfällen durch Alkoholkonsum allein oder bedingt durch den Konsum von Tabak und Alkohol aus. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Alkohol betragen rund 57 Milliarden Euro pro Jahr (Jahrbuch Sucht 2021).

Schlechte Prognose ohne Therapie

Auch unabhängig von der Pandemie sind Alkoholgebrauchsstörungen, wie auch Soyka berichtete, sehr häufig. In epidemiologischen Studien seien Prävalenzraten von sechs bis sieben Prozent ermittelt worden. Man könne davon ausgehen, dass zwei bis drei Prozent der Erwachsenen alkoholabhängig seien. Rund drei Millionen Menschen stürben weltweit jährlich an den Folgen von Alkoholismus; über fünf Prozent der globalen Gesundheitsschäden (global disease burden) seien alkoholassoziiert. Es gibt, wie der Suchtexperte ebenfalls betont, „zahlreiche körperliche und neurologische Folgeschäden, allen voran Lebererkrankungen (Fettleber, Zirrhose, Karzinom), eine erhöhte Rate für zahlreiche Malignome, eine hohe Rate an Unfällen und Suiziden, auch ein hohes Risiko für Gewalttaten, zahlreiche psychiatrische Folgestörungen wie Demenzen, Wernicke-Korsakoff-Syndrom, epileptische Anfälle, Neuro-und Myopathien sowie soziale Probleme“. Die Prognose sei ohne Therapie oft ungünstig.

Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.“

1. Wallhed Finn et al.: Pharmacotherapy for alcohol use disorders – Unequal provision across sociodemographic factors and co-morbid conditions. A cohort study of the total population in Sweden. Drug ans Alcohol Dependence; 227 (2021) 108964. https://doi.org/10.1016/j.drugalcdep.2021.108964.

Titelbild: © Getty Images/boonchai wedmakawand

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