22. Dezember 2017

Aus dem Kollegenkreis

Rhagadentherapie: Schnelle Hilfe mit Sekundenkleber

In der kalten Jahreszeit bilden sich oft schmerzhafte Einrisse an Fingerkuppen, Handflächen und Fersen. Eine Behandlung mit fettenden Salben dauert sehr lang, ist tagsüber kaum durchführbar und meist wenig wirksam. Das Kleben von Einrissen stellt hingegen eine schnelle, schmerzlose und wirksame Alternative dar. (Lesedauer: 3 Minuten)

Der folgende Beitrag wird vertreten durch PD Dr. med. Dr. rer. nat. Jürgen F. Kreusch, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Redaktionelle Umsetzung: Marina Urbanietz.

Vorgehen bei der Rhagadentherapie: 4 wichtige Schritte

Zunächst wird das Vorgehen erklärt, die Begründung für Interessierte folgt anschliessend.

Schritt 1 – Ein Tropfen dünnflüssigen Sekundenklebers: Die schmerzhaften Einrisse an Fingerkuppen, Handfläche oder Fersen werden durch seitlichen Druck so vollständig wie möglich zusammengeführt, idealerweise bis zum direkten Kontakt der Wundränder. Auf die ungefettete Hautoberfläche gibt man einen Tropfen dünnflüssigen Sekundenklebers, der in wenigen Sekunden aushärtet und die Ränder des Einrisses zusammenhält.

Abb. 1: Frische Rhagade der Daumenkuppe.*
Abb. 2: Adaptieren der Wundränder und Sekundenkleber.

Schritt 2 – Zweite Klebeschicht: Nach ca. 1 – 2 Minuten verstärkt man die Klebeschicht durch Gabe eines zweiten Tropfens und lässt auch diesen aushärten.

Abb. 3: Fertig versorgte Rhagade.

Schritt 3 – Fixierung mit dem Klebepflaster: Abschließend kann man die Fixierung der Wundränder durch einen schmalen Streifen nicht-dehnbaren Heftpflasters (z.B. Leukoplast®) unterstützen. Diesen Verband belässt man durchaus mehrere Tage auf der Rhagade, auf jeden Fall so lange, wie die Klebung hält.

Schritt 4 – Nach der Heilung fettende Pflege: Erst wenn der Einriss abgeheilt ist, ist wieder fettende Pflege angesagt. So soll der Hautbezirk durch regelmäßige, mehrfach am Tage zu wiederholende Rettung geschmeidig gehalten werden, um das Entstehen neuer Einrisse zu verhindern.

Abb. 4: Hyperkeratotisch-rhagadiformes Handekzem.
Abb. 5: Zwischen Therapiebeginn und Abschlußfoto liegen 3 Wochen.

Die behandelte Stelle ist sofort schmerzfrei

Erstaunlicherweise schmerzt der Wundkontakt mit dem Kleber trotz des etwas stechenden Geruchs überhaupt nicht. Dafür ist die so behandelte Stelle fast sofort schmerzfrei, hautreizende Stoffe können nicht mehr eindringen. Die Sekundenkleber entfalten eine außerordentlich starke antimikrobielle Wirkung, daher sind Wundinfektionen unter dem Verband nicht zu erwarten.

Hornbildung: Schutzmechanismus gerät heute oft zum Nachteil

Besonders an den stark belasteten Flächen der Hände und Füße reagiert die Haut auf Druck oder Verletzungen mit vermehrter Hornbildung. Was ursprünglich ein durchaus sinnvoller Schutzmechanismus war, gerät heute häufig zum Nachteil. Reißt die winterlich-spröde Haut an den genannten Stellen ein, heilt sie oft unter Bildung einer dickeren Hornschicht ab. Diese ist aber spröder und damit rissanfälliger als die normale Haut.

Wie genau funktioniert die Rhagadentherapie?

Versucht man durch Fettung die Einrisse zu behandeln, dann verhindert das Fett, dass die Wundränder miteinander in Kontakt kommen und somit nicht zusammenwachsen können. Vielmehr muss der Defekt aus der Tiefe durch Granulation zuheilen. Das zusammenhalten der Wundränder durch den Klebeverband bewirkt schnelleres Zusammenwachsen. Zudem verhindert der nicht-dehnbare Verband, dass es durch unbeabsichtigte Belastung wieder zu einem neuen Einriss kommt. Mit anderen Worten: Der Sekundenkleber soll gar nicht in den Einriss selbst eingebracht werden, sondern nur auf der Hautoberfläche die Wundränder zusammenhalten.

Zur Rechtfertigung der Klebetechnik sei daran erinnert, dass in der Chirurgie viele Hautschnitte nicht mehr genäht, sondern geklebt werden. Dazu werden ebenfalls Cyanacrylat-Kleber verwendet.

Bei stärkerer Hornbildung Tretinoin- und Harnstoffhaltige Cremes

Die Fettung, welche bei frischen Rhagaden aus genannten Gründen das Zusammenwachsen verhindert, ist anschließend aber wieder ganz wichtig. Auf die abgeheilte Haut mehrfach täglich aufgetragen soll sie das Verspröden verhindern. In Berufen, für die zu fettige Hände ungünstig sind (z.B. bei Umgang mit Papieren in Büros), ist die Verwendung von Körperlotionen sinnvoll, weil sie weniger Fett enthalten. Bei Veranlagung zu stärkerer Hornbildung können Tretinoin- und Harnstoffhaltige Cremes verschrieben werden. Die Wirkung dieser Kombinationspräparate beruht auf einem ähnlichen Wirkmechanismus, wie die innerliche und meist sehr teure Therapie mit Acitretin oder Alitretinoin.

Abb. 6: Pat. mit schwerem hyperkeratotisch-rhagadiformem Handekzem.
Abb. 7: Zustand nach 3 Monaten.

Einschränkungen der Sekundenkleber-Methode

Die Methodik wird allenfalls durch selten vorkommende Kontaktallergien auf Pflaster oder Cyanacrylat eingeschränkt. Auf jeden Fall ist sie einen Versuch wert, der erheblich weniger kostet als jede medikamentöse Therapie. Außerdem werden Patienten zur aktiven Mitarbeit und Rückfallvorbeugung motiviert. Selten gibt es erblich bedingte Verhornungsstörungen der Hand- und Fußhaut, unter Umständen sogar der gesamten Haut. Für diese Patienten sind die stärkeren inneren Therapien zur Minderung der Hornbildung anzuraten.

* Alle Abbildungen erscheinen hier mit freundlicher Genehmigung von Sur Prise e.K., Postf. 11 11 07, 23521 Lübeck.

Dieser Beitrag wird vertreten von PD Dr. med. Dr. rer. nat. Jürgen F. Kreusch, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten mit dem Arbeitsschwerpunkt Hautkrebsdiagnostik. Dr. Kreusch ist (Mit-)Verfasser von mehreren Lehrbüchern zur Auflichtmikroskopie von Hauttumoren. Folgen Sie Dr. Kreusch hier.

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Abb. 1-7. Bildrechte: Sur Prise e.K., Lübeck.

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