06. November 2019

Prof. Jutta Hübner im Interview

„Es gibt keinen Beleg dafür, dass Methadon das Überleben verbessert“

Dr. med. Jutta Hübner ist Professorin für Integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena. Zu den Zeiten des medialen „Methadon-Hypes“ im Frühjahr und Sommer 2017 warnte sie vor der Anwendung sowohl von Methadon als auch Levomethadon bei Tumorpatienten aufgrund fehlender Evidenz für eine wirksame Tumorkontrolle.

Lesedauer: 3 Minuten

Prof. Dr. med. Jutta Hübner. Foto: privat
Prof. Dr. med. Jutta Hübner. Foto: privat

Prof. Jutta Hübner ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Medizin in der Onkologie (PRiO). Die Professur wird von der Deutschen Krebshilfe fünf Jahre als Stiftungsprofessur gefördert. Sie ist Koordinatorin der Leitlinie Komplementäre Medizin im onkologischen Leitlinienprogramm und Expertin in mehreren onkologischen S3-Leitlinien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören u.a. komplementäre und integrative Onkologie sowie Phytotherapie in der Onkologie.

Interview und Redaktion: Marina Urbanietz

Wie bewerten Sie den aktuellen Forschungsstand rund um Methadon in der Krebstherapie?

Prof. Hübner: Es existieren wahrscheinlich Hunderttausende Zellexperimente zu sehr, sehr vielen Substanzen auf dieser Welt – und es werden jeden Tag neue geschaffen. Die entscheidende Frage ist, ob man mit der untersuchten Substanz in einer für den Menschen verträglichen Dosis eine Wirkung bei Krebserkrankungen erzielen kann. Zellexperimente können helfen, eine Hypothese zu generieren. In einem Tierexperiment muss dann überprüft werden, ob diese Hypothese funktioniert. Erst danach kann man versuchen abzuleiten, welche Dosis für eine Wirkung bei Menschen nötig ist. Diese Anforderung gilt auch für Methadon.

Aus der Substitutions- und Schmerztherapie mit Methadon wissen wir, bis zu welcher Dosis wir bei Menschen überhaupt gehen dürfen. Und diese ist viel niedriger als die Dosen, die bisher in den Zellexperimenten untersucht wurden. Es kann sein, dass es einen Wirkmechanismus auch für niedrigere Dosierungen gibt, den wir allerdings noch nicht entdeckt haben. Aber die Methadon-Konzentrationen, die wir heute bei Menschen verabreichen können, liegen weit unter den Dosierungen, die wir in den bisherigen Zellexperimenten sehen. Hinzu kommt, dass die Experimente auch nicht einhellig sind.

Es ist daher relativ unsinnig, noch etliche weitere Zellstudien anzuschließen. Ich denke, wir müssen zuerst überlegen, an welchen Wirkmechanismus wir glauben und wie wir ihn im menschlichen Körper aktivieren können. Dann kann man entscheiden, ob wir diese Idee mit Zell- oder Tierexperimenten am besten prüfen können. Und erst danach könnte man den Einsatz am Menschen in einer Studie untersuchen. Neben den finanziellen Investitionen darf man auch die ethische Seite nicht aus den Augen verlieren. Es ist völlig unverantwortlich, Patienten an einer Studie teilnehmen zu lassen, die nicht gut geplant ist.

Als erster Schritt einer klinischen Prüfung in diese Richtung sollte man auch die Daten bei allen Krebspatienten, die Methadon einnehmen, wissenschaftlich objektiv analysieren, um herauszufinden, ob sie wirklich besser und länger leben. Akten aufmachen und nachsehen – dies wäre für mich im Moment die wichtigste Maßnahme.

Nach dem Methadon-Boom in den Jahren 2017 und 2018 wurden viele Ärzte von Patientennachfragen überschwemmt. Wie schätzen Sie die Situation heute ein?

Prof. Hübner: Es ist auf jeden Fall nicht mehr so präsent. Die Patienten fragen jedenfalls selten offen nach. Ich merke jedoch, dass viele Patienten über Methadon informiert sind und dass sie es sehr leicht verschrieben bekommen. Ich glaube, wir haben eine uns unbekannte Menge an Patienten, die Methadon bekommen – und das ist ein Teil der großen Gefahr.

Viele Kollegen, die Methadon eigentlich nicht verschreiben wollen, machen es doch, bevor die Patienten es von einem anderen Arzt verschrieben bekommen. Dadurch haben die Patienten den Eindruck, es handele sich um etwas Seriöses.

Wie sollten Ärzte auf solche Patientenanfragen am besten reagieren?

Prof. Hübner: Ich glaube, wir müssen Patienten sehr klar sagen, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass Methadon das Überleben verbessert – und damit sind wir im Einklang mit allen Fachgesellschaften, die sich dazu geäußert haben. Wichtig ist zudem zu betonen, dass Patienten bei den Informationen zu Methadon im Internet grundsätzlich sehr vorsichtig sein müssen, weil vieles leider nicht der Realität entspricht.

Welche Rolle spielt das große Interesse der Presse an der Methadon-Thematik?

Prof. Hübner: Grundsätzlich finde ich es absolut begrüßenswert, wenn sich Medien um eine Berichterstattung zu medizinischen Themen kümmern. Es ist sehr wichtig, die Gesellschaft permanent zu informieren. Bei Methadon ist allerdings alles schief gegangen, was schief gehen konnte. Vor allem, weil die großen dritten Programme, die grundsätzlich von Patienten für seriös gehalten werden, völlig unbegründet sehr positiv berichtet haben. Dadurch entsteht wiederum der gesellschaftliche Druck, klinische Studien so schnell wie möglich durchzuführen, für die es, meiner Meinung nach, noch zu früh ist.

Welche alternativen Ansätze in der Krebsforschung versprechen aus Ihrer Sicht die größte Hoffnung?

Prof. Hübner: Bei dem Begriff „alternativ“ bin ich immer skeptisch. „Alternativ“ würde bedeuten „anstelle der schon etablierten, guten Therapien“. Und genau hier liegt das Problem. Die gesamte Vermarktung des Themas Methadon ist exakt dem Weg der Alternativmedizin gefolgt: keine vernünftigen Daten und verstärkte Medienpräsenz.

Krebspatienten äußern oft den Wunsch nach alternativen Therapien. Erfahren Sie im Beitrag von Dr. Anke Ernst und Dr. Stefanie Klein vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums über Nutzen und Risiken alternativer Verfahren. Jetzt zum Beitrag >>

Wenn man das gesamte Feld der Komplementärmedizin betrachtet, dann würde ich bei einigen Heilpflanzen Potenzial im Nebenwirkungsmanagement sehen. Aber leider liegen uns bisher auch hier noch sehr wenige Forschungsdaten vor.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Prof. Hübner: Ginseng könnte beispielsweise bei Fatigue sehr hilfreich sein. Hierzu gibt es bereits erste klinische Studien, auf deren Grundlage man weiterarbeiten könnte (Barton DL et al. J Natl Cancer Inst (2013); Yennurajalingam S. et al. J Natl Compr Canc Netw (2017)).

Auch das Management der Polyneuropathie interessiert uns gerade besonders. Dabei handelt es sich weniger um eine Heilpflanze, sondern möglicherweise um die Omega-3-Fettsäuren und ein sehr spezielles Bewegungsprogramm. Grundsätzlich würde ich allen Patienten, die Nebenwirkungen reduzieren möchten, körperliche Aktivität empfehlen – also, eigentlich gar nichts Geheimnisvolles.

Misteltherapie wird auch gerade kontrovers diskutiert…

Prof. Hübner: Wir haben uns die aktuell vorliegenden Publikationen nach strengen wissenschaftlichen Kriterien angesehen und sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass es keine Beweise für eine Verbesserung der Überlebensrate oder der Lebensqualität gibt. Das größte Problem bei den bisher veröffentlichten Studien ist der mögliche Placebo-Effekt, der gemessen wurde. Nichtdestotrotz gibt es viele Anhänger der Misteltherapie, die es anders sehen.

Mehr dazu lesen Sie auch in unserem Beitrag „Streit um Misteltherapie”.

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