24. Juli 2018

Notfälle im Bahnbetrieb: Besonderheiten & Gefahren

Bei Notfällen im Bahnbetrieb werden mitreisende, professionelle Ersthelfer in der Regel vom Zugbegleiter unterstützt, der die bahnspezifischen Besonderheiten kennt und mit dem Notfallmanagement der Deutschen Bahn vertraut ist. Was aber tun, wenn man selbst Zeuge einer Notfallsituation im Zug wird, ohne dass ein Zugbegleiter in der Nähe ist?

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag von PD Dr. Michael Reng stammt aus dem Taschenbuch „Notfallmedizin in Extremsituationen“ und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV). Redaktionelle Umsetzung: Marie-Theres Karla.

Notruf aus dem Zug und von der Bahnstrecke

Die Bahn verfügt über acht bahneigene Notfallleitstellen und zusätzliche regionale Meldestellen. Diese werden von den Bahnmitarbeitern im Zug und im Gleisbereich bei allen Arten von Notfällen direkt kontaktiert, und kommunizieren mit den regional zuständigen, integrierten Leitstellen.

Notruf über 112
Wenn ein Notfall im Zuständigkeitsbereich der Bahn über die Notrufnummer 112 (z.B. via Mobiltelefon aus dem Zug) an eine integrierte Leitstelle gemeldet wird, nimmt diese Kontakt zur Notfallleitstelle der Bahn auf. Wurde der Notfall von einem Bahnreisenden via 112 gemeldet, verständigt die Notfallleitstelle der Bahn zusätzlich das Zugpersonal, falls dieses noch nicht hinzugezogen wurde. Idealerweise bittet man daher bei einem Notfall das Bahnpersonal, die Notfallmeldung abzusetzen.

Notarzteinsatz im Gleisbereich

Wenn es zu Zugverspätungen kommt, die mit einem „Notarzteinsatz im Gleisbereich“ begründet werden, ist dies meist die Umschreibung für einen Suizidversuch bzw. einen erfolgreichen Suizid durch Überfahren oder beabsichtigt herbeigeführten Kontakt mit dem Stromleiter. Leider kann der Notarzt bei Suiziden im Schienenverkehr manchmal nur wenig für den Suizidanten tun. Wichtig ist es, bei derartigen Unfällen, das Augenmerk auch auf den oft im „Hintergrund“ stehenden Triebwagenführer zu richten, der das ganze Geschehen mitansehen musste, ohne etwas dagegen tun zu können. Er ist nahezu immer schwer traumatisiert und braucht ärztliche und psychologische Unterstützung.

Lesen Sie auch: Tod auf den Gleisen – ein Noteinsatz mit dramatischer Wende
Die Leitstelle meldet ein Zugunglück am Bahnhof, eine Person wurde erfasst. Als die erfahrene Notärztin am Bahnhof eintrifft, ahnt sie nicht, in welche Ausnahmesituation sie noch geraten wird.

Notarzteinsatz im Zug: Medizinisches Equipment an Bord

Wenn der Ruf nach dem Arzt im Zug erfolgt, stehen zumindest ein Zugbegleiter und ein Notfallkoffer zur Verfügung, dessen Inhalt am ehesten einem Verbandskasten entspricht. Lediglich an Bord der ICE-Flotte findet sich zusätzlich zu zwei Notfallkoffern auch ein sogenannter „Notarztkoffer“. Letzterer ist je nach ICE-Baureihe an unterschiedlicher Stelle untergebracht. Der Notarztkoffer ist verplombt und nur für das Zugpersonal zugänglich. Er darf nur von medizinischem Fachpersonal geöffnet werden. Jede Öffnung wird dokumentiert, verbrauchter Inhalt wird im Anschluss an die Nutzung von einer Vertragsapotheke nachgefüllt, der Koffer wird dann wieder verplombt.

Einen automatischen externen Defibrillator (AED) findet man an Bord von Zügen der Deutschen Bahn nicht. Die Bahn begründet dies damit, dass sich mit AED „vermutlich keine oder nur einzelne Todesfälle in Zügen abwenden lassen“. „Zugfahren scheint“, so die Deutsche Bahn, „eine vergleichswiese gesundheitsschonende Tätigkeit zu sein“. Während sich in U-Bahnhöfen häufig AEDs befinden, sucht man diese Geräte auch an den Bahnsteigen der Deutschen Bahn vergebens.

Notbremse nur in Ausnahmefällen ziehen
Ein Stehenbleiben des Zuges auf freiem Terrain ist in der Regel wenig hilfreich und sollte bei Notfällen an Bord keinesfalls zum Einsatz kommen. Die Notbremse ist eigentlich nur sinnvoll einzusetzen, wenn es beim Anfahren des Zuges im Bahnhof zu Gefährdungen kommt oder wenn unterwegs ein Brand ausbricht, der eine sofortige Evakuierung des Zuges nötig macht. In allen anderen Notfallsituationen im Schienenverkehr sollte in Kenntnis der in diesem Artikel vorgestellten Bahn-Spezifika – und in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem Bahnpersonal – die für den jeweiligen Notfall und Patienten beste Lösung gefunden werden können.

Gefahren im Bahnbetrieb

Spezifische Gefahren, die vom Bahnbetrieb selbst ausgehen, sind vor allem die Gefährdungssituationen, die von den bewegten Fahrzeugen drohen sowie die elektrischen Gefahren durch Oberleitung oder Stromschienen.

Spezifische Gefahren durch Schienenfahrzeuge

  • Züge sind bei der Annäherung meist sehr leise, obwohl Geschwindigkeiten bis über 300 km/h erreicht werden.
  • Ein vorbeifahrender Zug entwickelt unerwartet hohe, anhaltende Druck- und Sogkräfte entlang des Gleises mit einem daraus resultierenden erweiterten Gefahrenbereich.
  • Das Vermeiden eines Aufpralls auf ein Hindernis im Gleisbereich ist – wenn überhaupt – nur durch Bremsen möglich. Der Bremsweg eines Zuges überschreitet auch bei sogenannten Notfallbremsungen nicht selten mehrere Kilometer Länge.

Elektrische Gefährdung durch Oberleitungen

  • Mindestschutzabstand zur Oberleitung: 1,5 m.
  • Mindestschutzabstand bei gerissener, noch eingeschalteter Oberleitung: 10 m.
  • Berührt eine gerissene Oberleitung das Schienenfahrzeug, kann das Verlassen des Fahrzeugs zu einem tödlichen Stromschlaf führen. Im Fahrzeug selbst besteht keine Gefahr.

Weitere Empfehlungen finden Sie im Buch „Notfallmedizin in Extremsituationen“.

Das Buch „Notfallmedizin in Extremsituationen“ wurde herausgegeben von Matthias Ruppert und Jochen Hinkelbein in der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV). Mehr Informationen zu weiteren Extremsituationen und Einsätzen unter extremen oder besonderen Gegebenheiten finden Sie im Buch.

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Bilder: ©iStock.com/den-belitsky; gmutlu

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