07. September 2018

Musik und Medizin: Wie beeinflussen sie sich?

Musiktherapie, Erkrankungen durchs Musizieren, Auswirkungen auf das Nervensystem und Endokrinologie – die Zusammenhänge von Musik und Medizin sind vielfältig. Doch was beruht wirklich auf wissenschaftlichen Daten?

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einer Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift “Nervenheilkunde”, die Christoph Renninger für Sie zusammenfasst.1

Musiktherapie: Mozart-Effekt und persönliche Musik bei Operationen

Bei der Behandlung psychischer Krankheiten ist die Musiktherapie ein etabliertes Verfahren und kann zur Entspannung oder der Förderung des Wohlbefindens und der Kommunikation eingesetzt werden. Beispielsweise kann Musiktherapie bei Autismus-Spektrum-Störungen oder beim apallischen Syndrom Bestandteil der Behandlung sein.

Patienten mit einer Broca-Aphasie sind manchmal in der Lage, über Singen zu kommunizieren. Bei Bewegungsstörungen (z.B. beim idiopathischen Parkinson-Syndrom) ist vor allem die rhythmische Komponente relevant.

Auch bei chronischen Schmerzen kann Musik (präemptive) analgetische Effekte haben, die über die reine Entspannung hinausgehen. Ein weiteres Einsatzgebiet ist das Hören von Musik vor oder während operativer Eingriffe. Dabei handelt es sich weniger um mechanistische Effekte, sondern dass auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten (auch bei der Musikauswahl) eingegangen wird.

Die sogenannte “tailored music” kann auch zur Therapie bei Tinnitus eingesetzt werden. Ein besonderes Phänomen ist der “Mozart-Effekt”: Durch das Hören der Sonate für zwei Klaviere (KV 448) von Wolfgang Amadeus Mozart können Epilepsien bei Kindern signifikant verbessert werden.2

Musikmedizin: Krank durch Musik

Analog zum Begriff der Sportmedizin beschäftigt sich die Musikmedizin oder Musikermedizin mit Erkrankungen, die durch Musizieren entstehen. In erster Linie handelt es sich um Erkrankungen des Bewegungsapparats durch Überbeanspruchung von Muskeln, Gelenken oder Bändern, sowie Musikerdystonien oder Nervenengpassysndrome.

Weitere betroffene Fachgebiete sind die Hals-Nasen-Ohren-Medizin, Phoniatrie (z.B. Stimmprobleme), Dermatologie (z.B. Kontaktdermatitis) oder innere Medizin (Erkrankungen der Atemwege oder Kreislaufstörungen). Schädigungen des Hörapparats durch zu lautes Hören von Musik wird nicht zur Musikermedizin gezählt. Aus psychiatrischer Sicht sind die Fähigkeit zu Musizieren bzw. deren Verlust, aber auch Auftritts- und Versagensängste relevant.

Die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin bietet Weiterbildungen in diesem Gebiet für Ärzte an.

Musikassoziierte Erkankungen: Musik als Teil der Symptome

Musik kann auslösender Faktor oder integrales Merkmal einer Erkrankung sein. Ein Beispiel sind musikalische Halluzinationen, welche für Betroffene eine starke Belastung darstellen können. Krankheiten, die zu einer Prädisposition führen sind unter anderem Schwerhörigkeit (Hypakusis), Gehirnläsionen, Intoxikationen oder Epilepsie.

Davon abgegrenzt werden muss der “Ohrwurm”, welcher kein pathologischer Zustand im engeren Sinn ist. Die unwillkürliche Musikimagination ist zumindest in Grenzen steuerbar, bei musikalischen Halluzinationen ist dies nicht der Fall.

Eindeutig pathologisch sind musikogene Epilepsien, die zu den Reflexepilepsien zählen. Hierbei können musikalische Reize als Trigger funktionieren und epileptische Anfälle auslösen. Die Auslöser können von einfachen Klängen bis hin zu komplexer Orchestermusik reichen. Die Diagnose und Therapie erfolgt nach den Empfehlungen anderer Epilepsien.

Wirkung auf Gehirn, vegetatives Nervensystem und Hormone

Bei Nicht-Musikern erfolgt die Verarbeitung von Musik dominant in der rechten Gehirnhälfte. Eine genaue Lokalisation von musikalischen Fähigkeiten in Gehirnarealen ist jedoch nicht eindeutig möglich. Bereits bei frühen kognitiven Defiziten in Vorstufen der Demenz ist die Verarbeitung musikalischer Parameter beeinträchtigt.

Viele Studien haben die Wirkung von Musik auf vegetative Funktionen durchgeführt, wobei Parameter wie Pulsfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz, Hautwiderstand oder EKG-Veränderungen untersucht wurden. Eine universell gültige Reaktion für spezifische Musik lässt sich nicht feststellen. Vielmehr hängt die körperliche Reaktion von individueller Hörerwartung, -erfahrung und -wertung ab.

Ähnliches gilt für endokrinologische Korrelate. Auch die Veränderung von Hormonspiegeln, beispielsweise Stresshormonen wie Kortisol oder ACTH, hängt vor allem von der Konstitution des Probanden ab und weniger von der gehörten Musik.

Ärzte als Musiker: Eine häufige Doppelbegabung?

Viele Ärzte musizieren in ihrer Freizeit und an vielen Orten bestehen Ärzteorchester. Ob der akademische Hintergrund des Elternhauses oder ein Talent für geschickte Fertigkeiten die Erklärung ist, wurde auch im coliquio-Forum diskutiert. Hier gelangen Sie zur Frage “Arzt als Musiker: Spielen auch Sie ein Instrument?”

  1. Evers S. Musik und Medizin: Eine interdisziplinäre Systematik. Nervenheilkunde 2018; 37: 383-391.
  2. Lin LC & Yang RC. Mozart´s music in children with epilepsy. Translational Pediatrics 2015; 4(4): 323-326.

Bildquelle: © istock.com/fermate

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